Adjust Urlaub fürs ganze Team – die Chefs bezahlen!

Die Gründer von "Adjust": Manuel Kniep, Paul H. Müller und Christian Henschel (von links) laden ihre Mitarbeiter einmal im Jahr in den Urlaub ein.

Die Gründer von "Adjust": Manuel Kniep, Paul H. Müller und Christian Henschel (von links) laden ihre Mitarbeiter einmal im Jahr in den Urlaub ein.© adjust

Die Chefs von Adjust laden ihre Mitarbeiter jedes Jahr in den Urlaub ein. Kosten: eine Viertelmillion. Was bringt das? Und wollen die Mitarbeiter überhaupt den Kollegen am Strand treffen?

Betriebsausflug zum Wannsee, Weihnachtsfeier auf der Kegelbahn und im Sommer guckt die ganze Belegschaft gemeinsam EM auf dem Betriebsgelände. Reicht das nicht fürs Teambuilding?

Das Berliner Start-up Adjust sagt Nein und geht einen Schritt weiter: Das Unternehmen lädt jedes Jahr alle 130 Mitarbeiter in den Urlaub ein. Bereits vier Mal sind die „Adjust“-Gründer mit ihrem Team verreist – so ging es schon an die Ostsee, in die Türkei, nach Mexiko und nach Thailand. Im Januar 2017 bricht die Mannschaft gemeinsam in die Dominikanische Republik auf. Kostenpunkt: eine Viertelmillion Euro.

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Sind die größenwahnsinnig? Schwimmen die im Geld?

Mitnichten, sagt Christian Henschel, einer der drei Gründer. Für ihn ist der Urlaub mit der Firma keine reine Spaßaktion – sondern das Ergebnis unternehmerischer Überlegungen.

Investition mit Kalkül

Denn die Mitarbeiterreise sei ein Grund, warum das Start-up die Fluktuation bisher bei drei Prozent halten konnte – und das spare enorm Kosten ein. „Jeder Mitarbeiter hat eine durchschnittliche Einarbeitungszeit von sechs bis neun Monaten, bis er dem Unternehmen nachhaltig helfen kann“, sagt Henschel. Dazu kämen möglicherweise Kosten für Headhunter, der Zeitaufwand und die Kosten für Vorstellungsgespräche.

Das Geld in höhere Gehälter zu stecken und so die Mitarbeiter zu binden, sei weniger effektiv. „Wir haben in vielen Studien gelesen, dass die Zufriedenheit nach einer Gehaltserhöhung nach rund drei Monaten wieder das alte Niveau angenommen hat“, sagt Henschel. Man müsse Dinge bieten, die man eben nicht allein mit Geld aufwiegen könne, wie etwa guten Teamgeist oder eine gute Stimmung. Nach den Urlauben sei deutlich spürbar, dass die Mitarbeiter euphorischer und zufriedener bei der Arbeit sind – und das länger als drei Monate, meint Henschel.

Maßnahme im Kampf um gute Köpfe

Die Reise sehe er als Investition in eine gute Unternehmenskultur – und in die Mitarbeiterbindung. In Henschels Branche gibt es einen großen Kampf um gute Köpfe. „Größeren Unternehmen wie Google fällt es leichter, die Mitarbeiter an die Firma zu binden, da mussten wir uns als Start-up einfach etwas Gutes einfallen lassen“, sagt Henschel.

Mitarbeiterbindung sei aber nur ein Grund für den Firmenurlaub. Denn die Mitarbeiter des Start-ups kommen mittlerweile aus 33 Nationen und arbeiten in 14 Büros , die auf fünf Kontinente aufgeteilt sind. Im Urlaub sei Zeit zum Kennenlernen, zum Freundschaften schließen. „Wir wollen in allen Ländern denselben Spirit unseres Unternehmens vermitteln“, sagt Henschel. Und das „Feeling“ am Strand mache alles etwas stressfreier.

Will man den Kollegen wirklich in Badehose sehen?

Bleibt die Frage, warum das eigentlich so ist. Denn will man den Kollegen aus dem Vertrieb wirklich in Badehose sehen? Und kann der Gedanke daran, dem Chef im Bikini gegenüberzustehen, nicht auch Stress auslösen?

Was bei einem Mittelständler aus Schwäbisch-Hall vermutlich unvorstellbar ist, scheint bei einem jungen Start-up offenbar kein Thema zu sein. „Wir erwarten Toleranz von unseren Mitarbeitern, denn bei uns geht es nicht um das Aussehen“, sagt Henschel. „Wenn ich nach unseren Retreats negative Stimmen bezüglich des Aussehens hören würde, fände ich das schlimm.“

Teilnahme ist freiwillig

Auch Henschel glaubt, dass die Urlaubsidee für sein Unternehmen die richtige sei – aber sicher nicht für jeden Betrieb. „Aus meiner Perspektive ist es schwierig, so etwas zu implementieren, wenn das Unternehmen bereits einige Jahre am Markt ist.“ Bei „Adjust“ seien die gemeinsamen Reisen Teil der Unternehmens-DNA. „Und ich glaube, erfolgreiche Unternehmen haben spezifische Dinge, die genau Teil der DNA sind: das kann ein Retreat sein, können aber auch andere Dinge sein.“

Bei Adjust, so glaubt der Gründer, führten die Reisen aber tatsächlich zu einer ganz anderen Verbundenheit im Team. „Bei Freundschaften ist es doch so, dass besonders gemeinsame Erlebnisse verbinden. Und so ist das im Kollegium auch.“

Gezwungen zum Planschen mit den Kollegen wird übrigens niemand. Wer nicht mit kann oder will, tritt eine ganz normale Arbeitswoche an. Und der Jahresurlaub bleibt von der Reise unberührt.

30 Prozent der Zeit wird gearbeitet

Da der Urlaub zur Arbeitszeit gehört und das Geschäft Zuhause weiter laufen muss, wird auch am Strand gearbeitet. 30 Prozent der Zeit verbringen die Chefs und ihre Mitarbeiter mit Workshops, der Reflexion des vergangenen Geschäftsjahres und den Zielsetzungen für das kommende. Die Vertriebsleute beantworten E-Mails oder führen Telefonate – nur die Umgebung ist anders als auf den Konferenzen anderer Unternehmen.

Die restlichen 70 Prozent der Zeit sind aber zur Erholung und dem gegenseitigen Kennenlernen gedacht. Die Mitarbeiter können alleine am Strand Sonne tanken oder sich mit ihren internationalen Kollegen an die Bar setzen. „Schon auf den Flügen aus allen Ländern ist die Stimmung ganz anders, als wenn man für drei Tage in einen Konferenzraum fährt, unsere Mitarbeiter freuen sich natürlich auf die Sonne und den Strand“, meint Henschel.

Unterstützung von den Investoren

Die Investoren des jungen Unternehmens scheinen hinter der Sache zu stehen – auch wenn sie bislang die Zeche zahlen mussten. Seit rund einem Jahr sei „Adjust“ nun profitabel, so Henschel. Der Betriebsurlaub werde vom Gewinn des Unternehmens bezahlt.

Besonders hilfreich sei der Urlaub auch, wenn Adjust neue Leute einstellt. „Zwar ist der Urlaub für die Bewerber nicht der entscheidende Punkt, aber es gibt ihnen das Gefühl, dass dem Unternehmen die Mitarbeiter wichtig sind und die Chefs gewillt und auch in der Lage, in die Mitarbeiter zu investieren“, sagt Henschel. Aber nicht nur für die Bewerber sei der Urlaub ein wichtiges Argument. Auch für Henschel und seine Mitgründer sei der Urlaub ein wichtiges Einstellungskriterium: „Wir fragen uns zuerst, ob wir mit dem Bewerber auf eine einwöchige Reise machen würden.“

1 Kommentar
  • Hans Schüßler 26. Oktober 2016 12:34

    Wie bring ich das meinem Finanzamt bei?
    Würde mich mal interessieren, ob das Betriebsausgaben oder Lohn wird.

    Viele Grüße aus Schorndorf
    Hans Schüßler

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