Diverses Der Erfolg der Süpertürken

Döner und Gemüse, das war einmal: Deutsch-türkische Unternehmer zeigen, wie viel sie mit Einfallsreichtum, Unerschrockenheit und der Familie erreichen. Eine Deutschlandreise.

Er hatte 5000 D-Mark gespart und eine Idee: einen Laden in der Aachener Innenstadt. Wenn die türkischen Gastarbeiter in den Ferien in die alte Heimat fuhren, besorgten sie vorher massenhaft Mitbringsel für ihre Familien. Wandteppiche, chinesische Teetassen, Kassettenrekorder, Bettwäsche. Das gab es alles im Kramladen des Kemal Sahin – und T-Shirts. Die hatte er bei einem Großhändler in der Türkei gekauft, und sie waren der Überraschungshit. Bei deutschen Kunden. Billig und schlicht, das lief. Sahin bekam so ein Gefühl, dass er mit den einfachen Stoffhemdchen viel Geld verdienen könnte.

Goldrichtig lag er damit. Knapp 30 Jahre später hat sein Unternehmen 10.000 Mitarbeiter und umfasst 26 Firmen in zehn Ländern, 2009 hat die Sahinler Holding rund 1 Mrd. Euro Umsatz gemacht. Damit ist Sahin noch vor dem Reiseveranstalter Vural Öger der größte der deutschtürkischen Unternehmer.

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Rund 80.000 davon gibt es, sie beschäftigen 400.000 Arbeitskräfte und setzen jährlich rund 35 Mrd. Euro um. Sie sind Anwälte, Ärzte und Unternehmensberater, sind Herrenfriseure und Änderungsschneider, Lebensmittelimporteure und Computerspielentwickler. Und nicht mehr nur Gemüsehändler und Dönerbudenbesitzer. Seit den zaghaften Anfängen in den 70er-Jahren mit Lebensmittelläden, Reisebüros und Dolmetschern für die türkische Kundschaft hat sich das deutschtürkische Unternehmertum ausdifferenziert. „Sehen Sie sich nur mal das türkische Branchenbuch an“, sagt Yunus Ulusoy vom Zentrum für Türkeistudien der Universität Duisburg-Essen. Der Wissenschaftler forscht seit vielen Jahren zu Migrantenökonomien und sagt: „Es ist ein neuer, deutschtürkischer Unternehmertyp entstanden.“ Er vereine in sich deutsche Stärken wie Fleiß und Zuverlässigkeit und südländische Tugenden wie Flexibilität oder die Dienstleistungsmentalität. „Diese Leute sind eine große Chance für die deutsche Wirtschaft in Zeiten der Globalisierung.“

Ähnlich sieht das die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC), die 150 türkischstämmige Unternehmer zu ihren Erfolgsrezepten befragt hat. Auch sie selbst sehen den Mix deutscher und türkischer Eigenschaften als ihren großen Trumpf. Die allermeisten von ihnen verstehen sich, der PwC-Studie zufolge, als deutsche Geschäftsleute mit türkischen Wurzeln, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben und behalten wollen.

Die türkischstämmigen Unternehmer sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Sie können mehrere Sprachen und sind in zwei Kulturen zu Hause – wer das von vornherein mitbringt, bewegt sich auch in der internationalen Geschäftswelt gewandt. Wie Kemal Sahin, sozusagen das Vorbild für den neuen Unternehmertypus.

Er verkörpert diese spezielle Variante des „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Mythos, vom anatolischen Bauernsohn zum Konzernlenker. Vor dem ersten Laden kamen die Kindheit im Taurusgebirge, ein Deutschlandstipendium und ein Ingenieurdiplom der Technischen Hochschule Aachen. „Als türkischer Ingenieur in Deutschland bekam ich keine Arbeitserlaubnis“, sagt der 55-jährige Sahin. „Ich hatte gar keine andere Wahl, als mich selbstständig zu machen.“

Als sein Kramladen bereits nach dem ersten Jahr richtig Geld abwirft, ist Sahin verloren für die Ingenieurkunst. Er baut den Textilimport aus der Türkei aus, nach zwei Jahren liegt der Umsatz bei 10 Mio. D-Mark. Nur die Lieferanten ärgern ihn: „Ständig kam die Ware zu spät, und dann waren die T-Shirts knallgrün, obwohl ich pistaziengrüne bestellt hatte. Wenn ich mich beschwert habe, hieß es nur: ‚Was willst du denn? Grün ist doch grün.‘“ So locker sehen das Sahins deutsche Kunden nicht, und was in der Türkei zum Geschäftsalltag gehört, stößt hierzulande auf wenig Verständnis.

Chancen sind zum Ergreifen da

Händler Sahin steigt damals in die Produktion ein, lässt in Istanbul selbst Shirts nähen, wird Stück für Stück unabhängiger. Von der Faser bis zum fertigen Pullover, heute macht der Sahinler-Konzern alles selbst. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis, Herr Sahin? Er lächelt, wie so oft, und sagt: „Wenn ich eine Chance sehe, setze ich die um. Improvisation und Kreativität, das sind meine türkischen Eigenschaften. In der Türkei werde ich als deutscher Geschäftsmann geschätzt: systematisch, transparent, pünktlich.“ Der Unternehmer sitzt im Büro seiner europäischen Konzernzentrale in Würselen bei Aachen, dunkler Anzug, blaues Hemd, über dem Schreibtisch hängt moderne Kunst. Sahin ist ein aufmerksamer, charmanter Gesprächspartner. Einer, der weiß, was er aufgebaut hat, ohne dabei arrogant geworden zu sein.

Kemal Sahin, der deutschtürkische Vorzeigemigrant, fuhr am 3. November nach Berlin. Zum Integrationsgipfel. Er wird gern eingeladen, wenn Politiker zeigen wollen, dass man es als Türke in Deutschland sehr wohl zu etwas bringen kann und hierzulande also doch nicht alles schiefgegangen ist mit der Integration.

Sahin hat dazu eine Menge zu sagen, über jahrzehntelange Versäumnisse der Integrationspolitik zum Beispiel. Er redet dann ein wenig schneller und lauter. „Wir müssen Migrantenkindern das Gefühl geben, Deutsche zu sein und dazuzugehören. Aber was glauben Sie, wie die reagieren, wenn sie hören, was zum Beispiel Horst Seehofer sagt?“ Deutschland brauche keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen, da sich „Zuwanderer aus der Türkei und arabischen Ländern insgesamt schwerer tun“, hat der CSU-Chef noch im Oktober verkündet. Die simplen Thesen des Thilo Sarrazin („Deutschland schafft sich ab“) findet Kemal Sahin geradezu unanständig: „So etwas darf kein Intellektueller in Deutschland sagen, das können die Dummköpfe an den Stammtischen machen.“ Zu kurz gedacht sei das ohnehin: „Wenn wir es nicht schaffen, die Migranten, die schon hier sind, zu integrieren, kommen auch die dringend benötigten Facharbeiter nicht.“ Der billigste Weg, den Fachkräftemangel zu beheben, sei, die hiesigen Ausländer zu integrieren.

Brautkleider und Hennapäckchen

Der Provokateur Sarrazin hat wahrscheinlich Stadtteile wie Marxloh im Kopf, wenn ihn die Überfremdungsangst überkommt. Hier, im Norden Duisburgs, leben 17.000 Menschen, 6000 von ihnen sind türkischstämmig. Hier wirbt nicht E-Plus, sondern Ay Yildiz um Mobilfunkkunden auf den Plakatwänden, die Pistazienverkäuferin mit dem Kopftuch begrüßt ihre Kunden auf Türkisch, in den Restaurants wird Kebab und Baklava serviert. Es gibt türkische Friseure, Reisebüros, Süßwarenläden, Juweliere und Supermärkte – und etwa 50 Hochzeitsläden. Die bieten alles, was für türkische Großhochzeiten gebraucht wird: nicht nur Brautkleider, auch die Hennapäckchen für den Hennaabend vor der Hochzeit, Aussteuertruhen, Traubonbons mit Mandeln und Gondeltabletts für das Heiratsversprechen. „Die Leute kommen aus Frankfurt am Main und Berlin, aus Belgien und Luxemburg zum Hochzeitsshopping nach Duisburg gefahren. So ein Angebot auf so engem Raum gibt es sonst nur in Istanbul“, sagt Dursun Yilmaz von der Entwicklungsgesellschaft Duisburg.

Für den sozialen Brennpunkt Marxloh ist der Hochzeitscluster eine Riesensache. Viele türkische Gastarbeiter waren früher mal bei ThyssenKrupp. 30.000 Mann haben in der Stahlanlage in Marxloh gearbeitet, heute sind es noch 13.000. Anfang der 90er-Jahre sind sehr viele arbeitslos geworden, ein Viertel ist zurück in die Türkei gegangen, andere haben sich mit ihren Ersparnissen selbstständig gemacht – zum Beispiel mit einem Brautmodenladen. „Die Sparquote war ja sehr hoch, das Geld hatten die Gastarbeiter für die Rückkehr in die Türkei zurückgelegt“, sagt Yilmaz.

Von einem „Gründungsboom in den 90er- Jahren“, nicht nur in Marxloh, spricht auch Yunus Ulusoy vom Zentrum für Türkeistudien. Viele Türken beschlossen damals, dauerhaft in Deutschland zu bleiben. Sie nahmen die deutsche Staatsbürgerschaft an und bekamen unbeschränkte Aufenthalts- sowie Arbeitserlaubnis. Damit konnten sie leichter Unternehmen gründen.

Das hat beispielsweise dazu geführt, dass sich in der Weseler Straße in Marxloh heute die Brautmodengeschäfte ehemaliger Gastarbeiterfamilien aneinanderreihen. Die Schaufensterpuppen tragen pompöse Kleider aus Seide, Tüll und Spitze. An der Ecke zur Kaiser-Wilhelm-Straße liegt der Laden von Hatice Kök. Vor zwei Jahren hat sie ihn eröffnet.

Kommen? Zurückkehren? Bleiben? Gekommen, um zu bleiben
Negativer Migrationssaldo, Anwerbeabkommen, Rückkehrförderung, Familiennachzugsgesetz, vorgeschriebenes Zuzugsalter: die Fachbegriffe und die Zahlen des Statistischen Bundesamts zu Türken in Deutschland.
Arbeitskräfte dringend gesucht
1955 schloss die Bundesrepublik ihr erstes Anwerbeabkommen – mit Italien. Noch in den 50ern folgten Abkommen mit anderen Ländern, um Arbeitskräfte, damals Gastarbeiter genannt, ins Wirtschaftswunderland holen zu können. Erst 1961, als letztes, folgte das Abkommen mit der Türkei. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits einige türkische Gastarbeiter in Deutschland.
Frauen und Kinder zuletzt
Erst später wurde der Familiennachzug mit Gesetzen geregelt. Zuletzt 2007. Das Zuzugsalter wurde auf 18 Jahre heraufgesetzt. Das sollte Zwangsverheiratungen türkischer Mädchen mit in Deutschland lebenden Türken verhindern. Und: Ehepartner, die dem Partner nachziehen wollen, müssen jetzt Grundkenntnisse der deutschen Sprache nachweisen und einen Sprachtest in deutschen Konsulaten in der Türkei absolvieren. Was zu einem stark reduzierten Zuzug geführt hat.
Inzwischen gehen mehr als kommen
Negativer Migrationssaldo: Seit 2005 kehren mehr Türken aus Deutschland in ihre Heimat zurück, als von dort zuwandern. Ab 1982 bekamen Türken, die heimkehrten, sogenannte Rückkehrförderung vom deutschen Staat. Bis Mitte 1984, als Deutschland die Zahlungen einstellte, verließen rund 250.000 Gastarbeiter die Bundesrepublik. Sie bekamen bis zu 10.500 Mark pro Erwachsener und 1500 Mark pro Kind.
Die Zahlen von heute
Inzwischen leben, so das Statistische Bundesamt, 1,75 Millionen Menschen, die nur einen türkischen Pass besitzen, in Deutschland. Insgesamt gibt es knapp drei Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in der Bundesrepublik. Türkischer Migrationshintergrund bedeutet: türkischstämmig mit deutschem Pass. Oder Kinder mit einem deutschen Elternteil. Oder Leute, die einen deutschen und einen türkischen Pass haben.
Fünf vertreten drei Millionen
622 Abgeordnete hat der Bundestag, fünf davon sind Deutsche türkischer Abstammung. Ausländische EU-Bürger dürfen an deutschen Kommunalwahlen teilnehmen, Türken, die keinen deutschen Pass haben, nicht. In Deutschland lebende Türken können an den Wahlen in ihrer Heimat nur teilnehmen, wenn sie heimfahren und ins Wahllokal gehen. Briefwahl erlaubt ihnen die Türkei nicht.

Gerade ist eine Anprobe. Eine junge Frau steht im weißen Kleid vor einem riesigen Spiegel mit Goldrahmen. Daneben ihr Zukünftiger und zwei ältere Damen mit Kopftüchern. „Das Kleid suchen alle zusammen aus“, erklärt Kök, „bezahlt wird es traditionell von der Mutter des Bräutigams.“ Mindestens 800 Euro kostet ein Kleid im „Hatice Design Atelier für die Braut“, es können aber auch mal 5000 Euro werden. Jedes Stück ist eine Maßanfertigung und wird nach den Wünschen der Kundin entworfen, im Laden hängen nur Modelle. 15 bis 20 Kleider verkauft Hatice Kök jeden Monat.

Kök ist 41, schon mit 19 Jahren hat sie sich zum ersten Mal selbstständig gemacht. Erst mit einem Kiosk, dann mit einem Ein-Euro-Shop, auch Brautmodenläden hatte sie schon. Manches ging schief, anderes „war nicht so mein Ding“.

Einfach mal loslegen

Der Wirtschaftswissenschaftler Ulusoy kennt die Kehrseite der südländischen Spontaneität: „Türken gehen schneller Risiken ein, fliegen damit aber auch häufiger auf die Schnauze.“ Viele gingen ohne Kenntnisse in die Selbstständigkeit. Learning by Doing, das kann auch mal schiefgehen. „Erst haben sie einen Imbiss, zwei Jahre später ein Reisebüro. Wer scheitert, probiert eben was Neues“, erklärt der Experte. „Die Fluktuation ist hoch“, sagt auch der Geschäftsführer der Türkisch-Deutschen IHK in Köln, Suat Bakir. Er geht aber davon aus, dass die bisher hohe Insolvenzrate unter türkischstämmigen Unternehmern sinken wird. „Die deutschtürkischen Unternehmen professionalisieren sich.“

Auch wenn nur wenige öffentliche Beratung oder Förderung in Anspruch nehmen. Gerade einmal jeder fünfte Gründer gab bei einer Befragung des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) an, bei einer Beratungsstelle gewesen zu sein. Statt mit dem deutschen Berater der Arbeitsagentur reden viele lieber mit dem türkischen Onkel oder Bruder über Lieferantenverträge und Lagerkosten. Die Hemmschwelle sei hoch, heißt es in der ZfTI-Studie. Wissenschaftler Ulusoy kritisiert: „Die Beratungsstellen sind nicht gut auf deutschtürkische Unternehmer eingestellt. Was fehlt, ist zum Beispiel Personal mit interkultureller Kompetenz.“

Hatice Kök hat sich einen Brautmodenhersteller in der Türkei als Partner gesucht. Die einfacheren Modelle näht sie selbst, die mit vielen Stickereien lässt sie dort fertigen. So billig wie in der Türkei gehe das hier einfach nicht. „Was mich überrascht hat“, erzählt Kök: „20 bis 30 Prozent meiner Kundinnen sind Deutsche, die aufwendige Kleider wollen.“

Mustafa Baklan dagegen wundert sich gar nicht, dass seine gefüllten Weinblätter, getrockneten Feigen und Paprikacremes auch in deutschen Supermärkten gut laufen. Der Chef von Bak Kardesler wirbt gezielt um Kunden, die die Türkei nur aus den Ferien in Alanya kennen. „4,6 Millionen Deutsche haben 2009 in der Türkei Urlaub gemacht“, sagt Baklan. Die Zahl kennt er genau, an diese Millionen will er ran. Zum Beispiel, indem er auf den Flugtickets von Öger Tours für seine Produkte wirbt.

Hinten an der Wand hängt ein Foto, auf dem der 54-Jährige mit Gerhard Schröder zu sehen ist, bei einer Veranstaltung der Türkisch-Deutschen IHK. Vor Baklan auf dem Tisch liegt ein Prospekt von Baktat, so heißt die Marke, unter der er die türkischen Lebensmittel verkauft. „Südländische Spezialitäten“ steht groß drauf, alles Türkische ist – wie auch auf Olivendosen und Tomatenmarkgläsern – ziemlich klein gehalten. Warum? „Die Türken wissen doch sowieso, was das ist, und bei ‚südländisch‘ denken die nordländischen Leute an Sonne und Urlaub“, sagt Baklan und grinst verschmitzt. Sein Ziel: Die Marke soll raus aus der ethnischen Ecke und „ganz normal im Regal stehen, wie Barilla“. Es gibt kein besseres Beispiel für den Weg vom Rand in die Mitte.

Der erste türkische Supermarkt

Mustafa Baklan hat 14 Jahre bei einem Großhändler für Obst und Gemüse gearbeitet, bevor er sich Ende der 80er-Jahre mit zwei Brüdern in Mannheim selbstständig machte, mit einem türkischen Supermarkt. Dem ersten überhaupt in Deutschland, sagt er stolz. „Bis dahin hatte es nur diese Onkel-Mehmet-Läden an der Ecke gegeben, mit vielleicht 100 Quadratmetern.“

Sie haben tatsächlich lange das Bild – und das Klischee – geprägt. Türken gleich Gemüsetürken und Dönermänner. Es gibt sie ja auch weiterhin. Was sich gewandelt hat: Längst kaufen dort auch die Deutschen. Aus den ersten Dönerimbissen ist eine ganze Industrie geworden, mit 65.000 Beschäftigten und 2,5 Mrd. Euro Umsatz im Jahr.

Die Brüder Baklan hören sich damals bei türkischen Bekannten um: Was fehlt? Was ist zu teuer? Rote Linsen, türkische Nudeln, Gewürze und Pistazien laden sie in der Türkei in ihren Transporter und bringen sie die 3000 Kilometer bis nach Deutschland. Ihr Supermarkt läuft, macht sich schnell über die Grenzen Mannheims hinaus einen Namen. Wenige Jahre später steigen die Baklans selbst in den Großhandel ein und gründen die Bak Kardesler GmbH, Kardesler ist Türkisch für Brüder. Sie machen nach und nach vier Werke in der Türkei auf.

Heute hat das Unternehmen 1500 Mitarbeiter, ein Zehntel davon in Deutschland. Die Baklans haben im vergangenen Jahr 80 Mio. Euro Umsatz gemacht und liefern in 40 Länder. „In Deutschland gehen 20 Prozent an den deutschen Lebensmitteleinzelhandel“, erzählt Mustafa Baklan. Rewe und Edeka gehören zu den Bak-Kardesler-Kunden ebenso wie Carrefour und Intermarché. Inzwischen gibt es auch Bioprodukte. Demnächst soll man Baktat-Bohnen sogar bei Amazon bestellen können.

Wie Baklan das geschafft hat? „Mit arbeiten.“ Jeden Tag 16 Stunden.

Beinharte Knochenarbeit, 60-Stunden-Wochen, das sind für viele türkische Einwanderer und Gründer der zweiten und dritten Generation Selbstverständlichkeiten. Wer beschlossen hat zu bleiben, will auch etwas erreichen. So wie Nuran Ceri. „Ich wollte zeigen, dass ich das kann“, sagt die 39-Jährige. Angefangen hat sie mit einem Putzservice, zuerst als Einfraubetrieb. Jetzt erledigt ihre Ratinger Firma RDS Expertower auch Catering, Security und Hausmeisterdienste, beschäftigt 400 Mitarbeiter auf 400-Euro-Basis. Die Chefin sitzt an ihrem Schreibtisch, unter einem Bild, auf dem der türkische Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk versonnen gen Himmel blickt.

„Ein Kunde ist für mich wie ein Gast in der Türkei, also ist er wirklich ein König. Bei uns gibt es kein ,Ich schaue mal in den Terminkalender.‘ Wir sind sofort da.“ Die Dienstleistermentalität ist ebenfalls eine Stärke türkischstämmiger Unternehmer.

Ceri ist klein, quirlig, lebhaft und hat eine raue Stimme, die gar nicht zu diesem zierlichen Körper passen will. Und sie versprüht mit jeder Faser Energie und Aufstiegswillen. Ihre Eltern sind Ende der 60er-Jahre aus Kayseri in Zentralanatolien als Gastarbeiter ins Ruhrgebiet gekommen. Der Vater arbeitete in einer Tresorfabrik, die Mutter ging putzen. Deutschland ist für die Mutter damals eine bedrohliche Welt, vor der sie ihre Tochter schützen will. „Manchmal hat sie mich zur Schule gar nicht geweckt.“ Die Ceris gehören zu der Bevölkerungsgruppe, die in der Integrationsdebatte gemeinhin als „bildungsferne Schichten“ bezeichnet wird. Sie reden zu Hause türkisch, können kaum Deutsch und wissen nicht, „was der Unterschied zwischen einer Haupt- und einer Realschule überhaupt ist“.

Den begreift die Schülerin Nuran Ceri ziemlich schnell. In Deutsch hat sie Probleme, „ich mache ja heute noch kleine Grammatikfehler“, umso mehr bemüht sie sich in Mathematik. Sie schafft den Sprung auf die Realschule, macht ihren Abschluss und beginnt eine Ausbildung, die sie aus gesundheitlichen Gründen wieder abbrechen muss. Danach ist sie erst recht wild entschlossen. „Ich wollte beweisen, dass ich keine Putzfrau bin.“

Seitdem sie 13 ist, war Nuran Ceri mit ihrer Mutter putzen gegangen. Mit 20 gründet sie ihre eigene Reinigungsfirma, tagsüber trifft sie Kunden im Businesskostüm, abends wischt sie die Flure von Versicherungsgebäuden. Das Geschäft läuft, sie bekommt immer mehr Kunden. Anderthalb Jahre hält sie ihr Doppelleben vor der Familie geheim, dann zeigt sie eines Tages dem Vater stolz einen Kontoauszug: 18.000 D-Mark Einnahmen in einem Monat. Die Familie glaubt nun an Nuran. Ein Bruder steigt ein, die Ceris verkaufen Häuser in der Türkei. 500.000 D-Mark fließen in die Firma.

Die Familie hilft, so gut sie kann

Die Kraft der Familie, auch sie macht deutschtürkische Unternehmer so erfolgreich. Dass Onkel, Vettern und Schwestern kräftig mit anpacken, ist mehr als ein Klischee. 80 Prozent der von PwC befragten türkischen Unternehmer gaben an, sich eher als Deutsche auf die Unterstützung der Familie verlassen zu können. Wenn an der Kfz-Werkstatt die Existenz der ganzen Familie hängt, sind Überstunden kein Thema mehr. Für Suat Bakir von der Türkisch-Deutschen IHK ist auch finanzielle Hilfe im großen Stil, wie bei den Ceris, nichts Ungewöhnliches. „Die erste Generation hat für Immobilien in der Türkei gespart. Mittlerweile fließt das Geld aber eher in die andere Richtung: Häuser in der Türkei werden verkauft, um aus dem Erlös Unternehmen in Deutschland zu finanzieren.“

Bakir hat viele Jahre für deutsche und türkische Banken in Deutschland gearbeitet und weiß deshalb auch von den Problemen der türkischen Unternehmer bei den deutschen Banken: „Sie haben es oft schwer, ihre Bonität zu beweisen.“ Als Beispiel nennt er türkische Hochzeitssäle: „Der deutsche Bankangestellte kann sich einfach nicht vorstellen, dass da wirklich 1000 Leute kommen.“

Cafer Carpaz hat es da einfacher, bei den Banken zumindest. Er ist ein Türke in einer sehr deutschen Welt: Maschinen, Metall, Mittelstand. Velbert bei Essen ist die Stadt der Schlösser und Beschläge, so steht es auf dem Ortsschild. Die Firmen liegen dicht an dicht in einem Industriegebiet, auch GTV Schließsysteme. Der 50-jährige Carpaz hat den Betrieb vor acht Jahren mit einem Partner aus der Insolvenz übernommen. Seit 2008 führt er das Geschäft allein. „Die Zahl der Türken, die metallproduzierende Betriebe leiten, liegt unter drei Prozent“, sagt er und nimmt noch einen Schluck von seinem türkischen Mokka.

Carpaz hat Kfz-Mechaniker gelernt. Dann, wie so viele, dies und das probiert: ein türkisches Kino betrieben, Teppiche, Kaffeemaschinen und Stoffe in den Wohnheimen türkischer Gastarbeiter verkauft, Lederjacken aus der Türkei importiert. Über einen Verwandten aus der Türkei ist er ins Schlössergeschäft eingestiegen. GTV ist ein traditionsreiches, urdeutsches Unternehmen, seit mehr als 200 Jahren im Eisenwarengeschäft tätig. „Qualität verpflichtet seit 1780. Qualität. Sicherheit. Made in Germany“ steht auf der Website. GTV, der Name gehörte mal zu den ganz Großen der Branche.

Als Carpaz übernimmt, kündigen Mitarbeiter, auch der Betriebsleiter, weil sie nicht unter einem türkischen Chef arbeiten wollen. Carpaz entlässt Leute, stellt neue ein, ändert die Produktionsabläufe. „Jetzt ist die Atmosphäre gut“, sagt er. Carpaz ist keiner, der auf dem „Armer Migrant“-Ticket fährt. Aber den Satz „Ich kaufe nicht bei Türken“, den hörten seine Außendienstler immer wieder. Experte Ulusoy kennt das Problem aus anderen Branchen: „Türkische Anwaltskanzleien gibt es seit fünf bis zehn Jahren. Sie haben es schwer, deutsche Mandanten zu finden, und müssen viel Überzeugungsarbeit leisten.“

Carpaz’ GTV hat heute 85 Mitarbeiter und macht 5 Mio. Euro Umsatz im Jahr. In den Betrieb sei Ruhe eingekehrt, sagt der Geschäftsführer. Ob Deutscher oder Türke oder was auch immer, das ist für ihn sowieso kein Thema. Seine Mitarbeiter kommen aus zehn Nationen. „Geschäfte mache ich mit jedem, egal welche Religion oder Nationalität er hat.“

So halten es auch die Yerli-Brüder Avni und Faruk, ihr Business spielt sich sowieso jenseits solcher Kategorien ab. Ihre Geschäftspartner sind über die ganze Welt verteilt, die Kunden sowieso. Ego-Shooter, im Volksmund auch Ballerspiele genannt, sind die Erfolgsprodukte ihrer Firma Crytek. Die Spiele „Farcry“ und „Crysis“ haben sich jeweils drei Millionen Mal verkauft und ihre Schöpfer zu Stars der Szene gemacht. Der 40-jährige Avni Yerli und der 39-jährige Faruk Yerli sind Prototypen globaler Unternehmer.

„Wir wollen für Spiele das werden, was Apple für Hardware ist“, sagt Faruk. Er sitzt lässig auf einem Ledersofa in seinem Frankfurter Studio, tippt auf seinem Smartphone herum und erzählt, wie in Coburg alles mit einem Commodore C.64 begann, den der Vater von seinem Gastarbeitergehalt gekauft hatte. Stunden um Stunden verbringen die Jungs damals vor der Kiste. Der jüngste Bruder Cevat beginnt, an ersten Spielen zu basteln und sich aus der deutschen Provinz mit Entwicklern in der ganzen Welt zu vernetzen. „Wir wollten ihn unterstützen“, sagt Avni. Türkische Familienbande, wieder einmal. 1999 gründen die drei Brüder Crytek. Sie schreiben einen Businessplan, stecken im ersten Jahr 100.000 D-Mark Familiengeld in die Firma. Auch die Yerlis können den Banken nicht klarmachen, was sie da eigentlich vorhaben. PC-Spiele sind in Deutschland nicht gerade ein Traditionsgeschäft. „Die haben alle geglaubt, wir haben einen Dachschaden“, erzählt Avni Yerli.

Crytek hat heute Studios in Wien, Budapest, Sofia, Nottingham und Seoul. 600 Mitarbeiter aus 40 verschiedenen Ländern tüfteln an den Spielen. Im März soll „Crysis 2“ erscheinen. Ein Viertel der Umsätze macht das Studio mittlerweile mit der Software Cryengine. Die lässt sich nicht nur für PC-Spiele nutzen, sondern für alle möglichen 3-D-Anwendungen: Straßenzüge, Uhrwerke, Ölraffinerien lassen sich damit visualisieren. Selbst Stararchitekt Norman Foster habe schon mit Cryengine gearbeitet, sagt Avni.

Deutschland ist nicht gerade eine Talentschmiede für Spielentwickler. Die Franzosen, Engländer, die Amerikaner sowieso, sind Jahre voraus. Die Yerlis halten den Anschluss. „Wir leisten Entwicklungshilfe für Deutschland“, sagt Avni dann noch und tippt wieder was in sein Telefon.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 11/2010.

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