Management Was darf es sein, Özlem Türeci?

Die Chefin der Mainzer Biotechnologie-Firma Ganymed wollte eigentlich Nonne werden. Heute ist sie Unternehmerin und bei Investoren so erfolgreich wie niemand sonst in ihrer Branche.

Die Bedienung sagt, dass man selbstverständlich gern hinten sitzen könne. Hinten, das heißt im „Proviant-Magazin“ dort, wo rote Decken und weiße Servietten auf den Tischen liegen, Weingläser und schweres Besteck. Dort, wo alles nach Spitzenrestaurant aussieht. Nur, ja, der kleine Nachteil, sagt die Kellnerin und lächelt, Gäste würden da schon mal vergessen.

Özlem Türeci will nicht vergessen werden. Sie steuert einen einfachen Bistrotisch in der vorderen linken Ecke an, dort, wo alles auf Schinken-Käse-Baguette-Verzehr ausgerichtet ist, in Sichtweite des Tresens. Wozu großes Tamtam machen?

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Da sitzt sie – ein zartes Persönchen mit runder Brille und flachen Schuhen – unter einem Kunstdruck (knallbunt) auf einer Kunstlederbank (schwarzblau) und blättert zielstrebig in der Speisekarte: Mittagstisch. Kabeljau mit Senfsoße, Brokkoli und Salzkartoffeln. 8,20 Euro. Reicht doch. Na ja, vielleicht noch ein Mineralwasser, wenn’s keine Umstände macht. Normalerweise gibt es bei Türeci zu Mittag Stullen. „Die ess ich dann an meinem Schreibtischchen im Büro.“

Wunderwaffe gegen Krebs

Es ist schwer vorstellbar, dass dieses fast scheue Wesen ein Unternehmen führt, dass sie zu den wenigen Frauen an der Spitze eines deutschen Biotech-Unternehmens zählt, sogar lange die einzige war, dass Özlem Türeci mehr als 115 Mio. Euro von privaten Investoren für ihre Forschung eingesammelt hat – so viel wie niemand sonst in der Branche. Schon in wenigen Jahren könnte ihre Firma Ganymed eines der wirksamsten und gleichzeitig sanftesten Medikamente gegen Krebs auf den Markt bringen.

Eigentlich wollte Türeci einmal Nonne werden, was man schon eher glauben mag. Sie hat dieses Gutherzige, fest Vertrauende in der Stimme. Mehr noch, wenn sie von ihrer Kindheit erzählt, in Lastrup. Das liege zwischen Oldenburg und Osnabrück, erklärt Türeci, „eine agrikulturelle Region“. Unhöflichere Menschen hätten Kaff gesagt: Alte, Kranke, kein Gymnasium.

Der Vater, aus Istanbul nach Deutschland gekommen, arbeitet in einem winzigen katholischen Krankenhaus als Landarzt. Die Tochter verbringt die meiste Zeit mit ihm in der Klinik, immer irgendwo zwischen Blinddarm und Schonkost. „Ich wollte helfen“, sagt Türeci, so werden wie die schwarz-weiß ummantelten Frauen, die viel mit Gott sprachen. Dass das mit dem Nonne-Werden als Muslimin kompliziert werden könnte, kam ihr damals nicht in den Sinn. Aus dem geplanten Leben als Nonne wird deshalb ein Medizinstudium, ihm folgt die Zeit als Ärztin auf der Krebsstation, dann die Jahre im Forschungslabor. 2001 schließlich gründet Türeci ihr Unternehmen: Ganymed. „Das klingt im Türkischen wie der Ausdruck für ‚hart erarbeitet‘“, sagt Türeci. Im Hintergrund lärmt eine Reisegruppe, das Essen kommt.

Die gelbliche Kruste auf dem Fisch schmeckt, als würde sie lange im Magen verweilen – und auch ein wenig nach Senf. Türeci verzieht keine Miene, sagt: „Schon etwas mächtig. Aber das lässt sich ja gut abkratzen.“

Proviant-Magazin
Jeden Monat lädt impulse einen Unternehmer zum Essen ein. Özlem Türeci hat sich das Proviant-Magazin in der Mainzer Innenstadt ausgesucht. In dem historischen Gebäude aus der Zeit des Deutschen Bundes wird so gut wie alles serviert: vom Winzersektbrunch bis zum eigens gebrauten Mainzer Aktien-Bier. Den Ausschlag gaben für Türeci aber praktische Gründe: „Dort kriegt man immer einen Platz.“

Die Frau ist pragmatisch. In jeder Hinsicht. „Vor der ganzen Betriebswirtschaft hat es mir gegraust“, sagt sie und schabt Gelbes vom Fisch. Türeci ist keine Unternehmerin aus Leidenschaft fürs Handeln und Geschäftemachen. Sie hat einen Auftrag: Helfen. Der muss erfüllt werden. Ihr Wissen soll Leben retten, sich nicht in den Fluren der Unikliniken verlieren. Deshalb gründete sie eine Firma. Eine andere Welt als die, die sie bis dahin kannte. Budgets. Jahresabschluss. Aufsichtsratssitzung. „Plötzlich ging es da um Fragen wie: Rechnet sich das überhaupt?“ Türecis Tonfall verrät, dass man das eigentlich gar nicht fragen darf.

Vielleicht ist es genau diese Haltung, die Türeci bei Investoren so erfolgreich macht. Man glaubt dieser Frau, dass es ihr um die Sache geht. Die letzte große Finanzierung kam von den Brüdern Strüngmann: 65 Mio. Euro steckten die Gründer des Pharmakonzerns Hexal 2008 in Türecis Firma. Das ist mehr als ein Drittel dessen, was alle deutschen Biotech-Unternehmen zusammen in diesem Jahr an Wagniskapital eingeworben haben. Damals hatte Ganymed 30 Mitarbeiter, heute sind es knapp 80. Wenn alles gut läuft, könnte der Wirkstoff mit dem römisch anmutenden Namen Claudiximab in weniger als drei Jahren bei der Zulassungsbehörde sein – die letzte Hürde vor dem Markt.

Zeit für den Nachtisch. Oder eigentlich nicht. Türeci bestellt einen Espresso mit Milchschaum, den sie nicht anrührt. In Gedanken ist sie längst wieder an ihrem Schreibtischchen, will weiterarbeiten. Muss weiterarbeiten.

Jede Woche schreiben ihr verzweifelte Angehörige und todkranke Patienten. Sie fragen nach dem Medikament, wollen Testperson sein. Hoffen. Das treibt Türeci an. Obwohl deutsche Biotech-Firmen, die es tatsächlich geschafft haben, ein Medikament auf den Markt zu bringen, sich an einer Hand abzählen lassen. Das weiß auch Türeci. „Letztlich ist man nur mit Versprechen unterwegs“, sagt Türeci leise. Sie muss los. Versprechen einlösen.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 11/2011.

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