Recht + Steuern Steuertricks bei der Firmennachfolge

Nie war es günstiger, seine Firma an die nächste Generation zu übergeben. Doch vielen sind die Gesetze noch nicht günstig genug - sie greifen zu riskanten Steuersparmodellen.

Es gibt einen neuen Gründerboom in Deutschland. Nahezu täglich säßen Kunden in seinem Büro, die eine GmbH eintragen lassen wollten, berichtet ein Notar aus einer norddeutschen Großstadt. Seit Monaten schon gehe das so.

Doch eines sei komisch.

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Die Gründer sind keine vor Tatendrang strotzenden Jungunternehmer. Sondern betuchte Herrschaften jenseits der 60. Frühere Manager etwa. Oder Privatiers, die ihr Unternehmen vor Jahren verkauft haben. Steigen nun deutsche Senioren reihenweise wieder ins Geschäftsleben ein, statt ihren Ruhestand zu genießen?

Wohl kaum. Den betagten Gründern geht es nur um eines: Steuern sparen. 2009 wurde das Erbschaft- und Schenkungsteuerrecht reformiert. Was dabei herauskam, ist nach allgemeiner Meinung ein freundliches Gesetz für diejenigen, die etwas zu vererben haben. Seitdem es gilt, können Unternehmer 85 Prozent, in einigen Fällen sogar 100 Prozent (Details siehe Infokasten) ihres Betriebs steuerfrei an den Nachwuchs übergeben. Mit anderen Worten: Die Gelegenheit für den Generationenwechsel ist historisch günstig.

Doch einigen ist sie noch nicht günstig genug. Auch freundliche Steuergesetze haben ihre Lücken, und findige Steuerberater haben sie mittlerweile gefunden.

Zwar hatte der Gesetzgeber die Gefahr erkannt und versucht, Umgehungen von vornherein zu erschweren. Er legte fest, die steuerliche Vorzugsbehandlung solle nur für das Produktivvermögen gelten, also für Maschinen, Betriebsgebäude und -gelände, nicht aber für das Verwaltungsvermögen, wozu Wertpapiere oder vermietete Immobilien im Firmenbesitz gehören. So sollte verhindert werden, dass Familien ihren Privatbesitz in Betriebsvermögen umwandeln, um ihn dann steuerfrei vererben zu können. Aber genau das passiert nun im großen Stil, und deshalb greift das Gründungsfieber unter reichen Senioren um sich.

„Die Finanzbehörden dürften dabei nicht mehr lange tatenlos zuschauen“, warnt Guido Holler, Partner bei Tigges Rechtsanwälte in Düsseldorf. Manches von cleveren Strategen ersonnene Modell könnte also am Ende brachial scheitern.

Die Geldsack-GmbH

Bis dahin allerdings geht die Steuervermeidung fröhlich weiter. Und zwar zum Beispiel so: Die derzeit mit Abstand beliebteste Variante ist die sogenannte Festgeld-GmbH. Berater sprechen auch von der „Cash-“ oder „Geldsack-GmbH“ und berichten unisono, dass die Nachfrage seit einigen Monaten „massiv steigt“. Die Cash-/Geldsack-/Festgeld-GmbH macht sich eine Lücke im Gesetz zunutze, derzufolge Firmengeld auf Bankkonten als Forderung gegenüber der Bank gilt. Somit seien solche Bankguthaben „generell steuerbegünstigtes betriebliches Vermögen“, sagt Bernhard Arlt, Steuerberater bei Rödl & Partner in München. Das habe sogar die Finanzverwaltung klargestellt.

Anders als Aktiendepots oder vermietete Immobilien in Firmenbesitz gelten Bankguthaben also als Produktiv- und nicht als Verwaltungsvermögen. Deshalb können Unternehmer Festgeld steuerbegünstigt übertragen, zumindest nach den Buchstaben des Gesetzes.

Das Rezept zum Steuernsparen lautet also: Gründe eine GmbH, überweise Privatgeld aufs firmeneigene Festgeldkonto und schenke die Gesellschaft dann deinen Kindern. Die Gründungskosten von ein paar Tausend Euro kämen schon ab 1 Mio. Euro Festgeld mit dem Steuervorteil wieder rein, heißt es.

Steuerspielregeln für Erben
Keine Jobs einsparen und Finger weg von der Firmenkasse – was Nachfolger beachten müssen, um Steuervorteile zu bekommen
An Bord bleiben Wollen Erben steuerfrei ausgehen, müssen sie die Firma sieben Jahre weiterführen. Wer fünf Jahre schafft, bekommt 85 Prozent Steuerabschlag.
Produktiv sein Den vollen Erlass gibt es nur, wenn der Anteil des unproduktiven Verwaltungsvermögens am überschriebenen/geerbten Gesamtvermögen – also Wertpapiere oder Immobilien – unter zehn Prozent liegt. Sonst kommt nur der 85-Prozent-Abschlag infrage. Weist die Bilanz mehr als 50 Prozent Verwaltungsvermögen aus, ist aber auch der futsch.
Jobs erhalten Bei Firmen mit mehr als 20 Mitarbeitern dürfen Nachfolger keine Massenentlassungen aussprechen, sie müssen während der siebenjährigen Haltefrist insgesamt 700 Prozent der „Lohnsumme“ zahlen. Diese ermittelt sich aus dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre vor Übertragung. Für den 85-Prozent-Abschlag reicht es, binnen fünf Jahren 400 Prozent der Lohnsumme zu zahlen.
Geld arbeiten lassen Während der Haltefristen darf die Summe, die Nachfolger entnehmen, maximal 150?000 Euro höher sein als die Summe ihrer neu eingezahlten Einlagen und der ihnen zugeflossenen Gewinne.

So versucht es gerade ein reicher Privatier aus Baden-Württemberg. Er hat Aktien im Wert von mehr als 5 Mio. Euro verkauft, den Verkaufserlös an eine frisch gegründete GmbH überwiesen und seiner Tochter sämtliche Anteile an dem Unternehmen geschenkt, dem einzig ein prall gefülltes Festgeldkonto gehört.

Das klingt erschreckend einfach – und ist wohl auch zu schön, um wahr zu sein. Die Festgeld-GmbH, warnt Ralf Stefan Werz von der Kanzlei Görg in München, rieche nach „Gestaltungsmissbrauch“. Dieses unschöne Etikett kleben die Finanzämter auf alle Sparmodelle, die wirtschaftlich sinnbefreit sind und einzig der Steuervermeidung dienen. Werz hält das Risiko für hoch, dass „die Finanzverwaltung solche Gestaltungen per Verwaltungsanweisung unterbindet“.

Dass der Fiskus sich nicht leicht austricksen lässt, zeigen auch die Erfahrungen einer Familie aus dem Raum Hannover, die ihr Unternehmen bereits in den 90er-Jahren für einen hohen zweistelligen Millionenbetrag verkauft hat. Die Eltern werden bald 60 und wollen ihr Vermögen demnächst an beide Kinder übertragen. Das „Geldsack“-Modell klang da nach keiner schlechten Idee. Sie überlegten also, eine Festgeld-GmbH zu gründen.

Der Steuerberater sah das jedoch anders und riet, beim Finanzamt nachzufragen. Und die Beamten? Weigerten sich, eine „verbindliche Auskunft“ zu erteilen, die die Rechtslage sowohl für die Eltern als auch für das Finanzamt festgeklopft hätte. Ein gefährliches Zeichen: Verwehrt die Behörde die Auskunft, hält sie sich damit offen, das Modell jederzeit zu kippen. Die niedersächsische Familie überlegt nun lieber noch mal. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Bundesfinanzhof solche Modelle durchwinkt“, sagt auch Anwalt Holler.

Den unschönen Verdacht des Gestaltungsmissbrauchs vermeidet, wer eine GmbH zur Verwaltung des familiären Vermögens gründet. „Das ist ein außersteuerlicher Grund, den auch das Finanzamt in der Regel akzeptiert“, sagt René Schäfer von der Beratungsgesellschaft Dornbach in Saarbrücken. Allerdings, warnt er, müssten die Eltern beteiligt bleiben und könnten nicht die ganze Gesellschaft übertragen.

Gefragt: Geduld und Mäßigung

Hinzu kommt ein weiteres Problem. „Stecken die Nachfolger das Festgeld nach der Anteilsübertragung früh wieder in höher verzinsliche Anlagen wie Aktien oder Investmentfonds, besteht die Gefahr, dass der Fiskus eine rein steuerlich veranlasste Vermögensübertragung unterstellt“, warnt Arlt. Was „früh“ genau heißt? Weiß niemand so genau. Also ist unklar, wie lange das Geld auf den Festgeldkonten bleiben muss, bei denen es derzeit nicht mal zwei Prozent Zinsen gibt. „Zur Länge der nötigen Schamfrist liefern weder das Gesetz noch Verwaltungsanweisungen Anhaltspunkte“, sagt Schäfer. Einige Jahre müssten es wohl sein.

Ebenfalls Geduld brauchen Familien, die nicht eigens eine GmbH gründen, sondern das Privatvermögen auf den Festgeldkonten eines bereits existierenden Unternehmens deponieren. Das ist zwar unverdächtiger, aber wenn sie direkt danach Anteile übertragen, kann das Finanzamt trotzdem querschießen. Laut Gesetz müssen sie zwei Jahre bis zur Schenkung warten, um auf der sicheren Seite zu sein.

Auch Mäßigung ist angesagt. Denn wenn die Firma bei der Übertragung plötzlich vor allem aus Festgeld besteht, kann es ebenfalls schwierig werden. Bei einem Kiosk mit einem Bankguthaben von 2 Mio. Euro spielt der Fiskus sicher nicht mit. Wer den Anteil des Produktivvermögens am Firmenwert durch das Festgeld dagegen moderat, etwa von 80 auf 91 Prozent erhöht, dürfte keine Schwierigkeiten bekommen (siehe Kasten).

Die Geldsack-GmbH ist natürlich nicht das einzige Modell, das auf dem Beratungsmarkt zirkuliert. Da gibt es noch die Sache mit den Immobilien. Die Idee: Normalerweise gehören vermietete Immobilien in Firmenbesitz zum Verwaltungsvermögen, der Steuervorteil fällt flach – außer bei Immobiliengesellschaften; schließlich ist Vermietung ja deren Geschäftszweck. Warum also nicht eine neue GmbH gründen, Immobilien aus dem Privatbesitz reinpacken und Anteile an die Kinder übertragen?

Klingt gut – und könnte in einigen Fällen klappen. Die Gretchenfrage ist allerdings, wie viele vermietete Einheiten nötig sind, damit der Fiskus die Firma als Wohnungsgesellschaft akzeptiert. Manche Berater gehen davon aus, dass zehn reichen, andere berichten, dass es selbst bei mehr als 50 Probleme geben kann. „Die Zahl der vermieteten Einheiten ist wichtig, aber nicht allein entscheidend“, sagt Steuerberater Arlt. Ausschlaggebend ist vor allem, dass die Vermietung den Hauptzweck der betrieblichen Tätigkeit ausmacht und dass dafür ein „wirtschaftlicher Geschäftsbetrieb“ existiert. Mit anderen Worten: Die Firma muss wie ein gewerbliches Immobilienunternehmen auftreten und sollte zumindest einen Angestellten haben. Nicht schaden kann außerdem, wenn sie sich nicht auf die Verwaltung beschränkt, sondern regelmäßig Immobilien an- und verkauft.

Auf der sicheren Seite dürfte so ein Privatier aus Hessen sein, der einen Großteil seines Vermögens in Beton und Steine gesteckt hat und Wohnblocks mit insgesamt mehr als 250 Wohnungen vermietet. „Das nickt selbst der strengste Finanzbeamte ab“, meint sein Berater.

Geld in die Lebensversicherung

Auch eine Unternehmerfamilie aus Hamburg braucht keine schlaflosen Nächte wegen hoher Steuern zu haben. Die Eltern führen eine IT-Gesellschaft im Wert von rund 30 Mio. Euro und wollen bald beginnen, Anteile an ihre Kinder zu übertragen. Was ihnen dabei zugutekommen wird: eine betriebliche Lebensversicherung. Solche „Key Person Insurances“, die das Leben einer Schlüsselfigur in der Firma versichern, typischerweise des Chefs, werden zum Betriebsvermögen gezählt. Denn sie sichern das Unternehmen gegen das Risiko ab, dass plötzlich der zentrale Entscheider stirbt. „Somit gibt es gewichtige außersteuerliche Gründe für den Abschluss der Police“, sagt Berater Werz. Und wie auf ein Festgeldkonto können Unternehmer Geld in die Lebensversicherung stecken, bevor sie Anteile an ihre Kinder übertragen.

Der Clou: Das kann auf einen Schlag eine hohe Summe sein, die Versicherung zahlt nicht nur beim Tod der versicherten Person. Wenn alles normal läuft, ist zudem die Rendite am Laufzeitende höher als bei einem Festgeldkonto.

Unternehmer, die Geld in solche Policen stecken und danach Anteile an die Kinder übertragen, sollten aber ebenfalls nichts überstürzen, warnt Werz. Einige Monate, rät er, sollten zwischen dem Investment in die Police und der Anteilsübertragung schon liegen. Sonst könnte mancher gestrenge Finanzbeamte doch noch auf die Idee kommen, dass es hier mehr um die Steuern als um die Risikoabsicherung geht.

Die Hamburger Unternehmerfamilie hat nun gut ein halbes Jahr gewartet, bald können die Kinder sich über geschenkte Anteile freuen. Sie sind zuversichtlich, dass alles glattläuft. Wobei, bei den Hamburger Finanzbeamten, da wisse man ja nie so genau, sagen sie. Auch die kennen eben die üblichen Tricks.

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