Konzentrationsprobleme
Ständig abgelenkt, nie richtig bei der Sache? Das hilft

„Ich kann mich nicht konzentrieren!“ Hört Coachin Margit Reinhardt diesen Satz, fragt sie, was wirklich dahintersteckt. Im Interview erklärt sie, welche Strategien helfen, konzentrierter zu arbeiten.

Aktualisiert am 26. August 2026, 09:14 Uhr, von Rachel Calé

Eine Person mit Kopfhörern vor einem Computer in Rückenansicht.
© Maskot / Maskot / Getty Images

impulse: Den ganzen Tag über sind wir Lärm, Werbung und anderen Ablenkungen ausgesetzt. Wie wirkt sich das auf unsere Konzentration aus?
Margit Reinhardt: Wir haben heutzutage mit unheimlich vielen Informationen und Reizen zu tun. Unser Gehirn wird ständig damit geflutet, wodurch es schwerer fällt, sich zu konzentrieren und an Sachen dran zu bleiben. Gerade ist man noch in einer Videokonferenz mit mehreren Personen, dann springt man direkt zum nächsten Thema. Das Gehirn kommt überhaupt nicht zur Ruhe.

Oft haben Menschen aber auch eine überhöhte Erwartung, wie lange man sich gut konzentrieren kann. Es ist dann erleichternd zu hören, dass Schwankungen über den Tag oder je nach Anforderung ganz normal sind. In meinen Coachings höre ich ganz häufig die Aussage: „Ich kann mich nicht konzentrieren.“ Ich stelle das immer in Frage. Es kommt drauf an, bei welchen Gelegenheiten oder bei welchen Themen die Konzentration nachlässt.

Spielt also die Art der Aufgabe eine Rolle?
Bei komplexen Aufgaben braucht es immer eine Weile, um einzutauchen. Ein bisschen wie beim Joggen: man fängt langsam an, kommt rein und findet seinen Rhythmus. So könnte man auch bei der Konzentration sagen, dass man sich langsam „reindenkt“. Wenn dann das Arbeitsgedächtnis voll gefordert ist und man die Sache auch noch interessant oder sinnvoll findet und ein Ziel vor Augen hat, ist es leichter, sich voll zu konzentrieren. In den ersten fünf bis acht Minuten ist die Gefahr der Ablenkung am größten. Da sollte es heißen: Mail-Benachrichtigungen und das Handy ausschalten, Telefon auf den Kollegen umstellen oder was eben möglich ist.

Macht es einen Unterschied, ob mich ein Geräusch ablenkt oder etwas, das ich sehe, wie ein Pop-up-Fenster auf meinem Bildschirm?
Ein Pop-up kann ich im Augenwinkel wahrnehmen und gedanklich beiseiteschieben, wobei es schon Raum vom Arbeitsgedächtnis einnimmt. Ein Geräusch kann ich aber nicht ausblenden oder wenn doch, dann sehr bedingt. Baugeräusche sind da ein sehr krasses Beispiel. Aber auch, wenn nebenan telefoniert wird, ist das schon ein hoher Störreiz. Das Telefonat läuft zwar im Hintergrund, gleichzeitig versuchen wir das einseitige Gespräch irgendwie zu vervollständigen. Man kann also sagen, dass auditive Störreize stärker wirken als visuelle.

Die Expertin:

Margit ReinhardtMargit Reinhardt ist Trainerin und Agiler Lerncoach. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit. Sie gibt Coachings für Einzelpersonen und Seminare für Unternehmen.

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Gilt das für alle Menschen?
Nein, Menschen sind da unterschiedlich. Manche sind sensibler, die hören wirklich alles. Da kann im Nebenraum eine Kaffeetasse klappern und das reißt sie raus. Andere können besser filtern und zum Beispiel ein Gespräch im Hintergrund ausblenden, an dem sie eigentlich nicht beteiligt sind.

Seit ein paar Jahren gibt es immer mehr Angebote und Technologien, die eine bessere Konzentrationsfähigkeit versprechen, zum Beispiel Kopfhörer mit „Active-Noise-Cancelling“. Sind diese sinnvoll oder steckt dahinter nur gutes Marketing?
Für Menschen, die schnell reizüberflutet sind, können solche Kopfhörer zum Beispiel in Großraumbüros oder bei Konferenzen sehr sinnvoll sein. Oft erzählen mir Studenten, dass sie nur noch damit lernen können. Aber es ist nicht für jeden etwas. Manche sagen, sie können die Dinger für 20 Minuten tragen, andere hingegen ertragen diese Kopfhörer überhaupt nicht. Sie bekommen dadurch das Gefühl, abgeschottet zu sein. Generell sind gewisse Hintergrundgeräusche per se gar nicht mal so schlecht, weil es nur wenige Menschen gibt, die sich in absoluter Stille richtig gut konzentrieren können.

Kann man lernen, sich auch ohne Hilfsmittel zu konzentrieren?
Ja, in meinem Seminar stelle ich einige Strategien dazu vor. Dazu gehören klassische Konzentrationsmethoden wie beispielsweise die „Eat-the-frog“-Methode, bei der man die unangenehmste Aufgabe zu Beginn des Tages erledigt. Oder dass man mit Aufgaben anfängt, die schnell zu erledigen sind, und sich so in einen guten Konzentrationsmodus begibt.

Damit kann man auch schnelle Erfolge sehen: Einer meiner Seminar-Teilnehmer konnte sich im Arbeitskontext nur sehr schwer konzentrieren. Als ich ihn zwei Wochen später wieder traf, hat er mit einer Mischung aus Stolz und Verwunderung erzählt, dass er an einem Thema dran und dabei so konzentriert war, dass er gar nicht mitbekommen hat, wie Kollegen ihn mehrfach angesprochen haben.

Wie kann ich mein Team dabei unterstützen, konzentriert zu arbeiten?
Ich würde erst mal fragen, ob sich jemand von Geräuschen gestört fühlt und ob es genügend Rückzugsräume gibt. Schallschutzwände zum Beispiel funktionieren in einigen Großraumbüros gut. In meinen Seminaren erstelle ich mit den Teilnehmenden Konzentrationsjournale. Sie sollen aufschreiben, wann es ihnen leicht fällt, sich gut zu konzentrieren. Ein Teilnehmer, der regelmäßig komplexe Texte mit 50 bis 70 Seiten liest, hat diese Aufgabe nach dem Seminar in sein Konzentrationshoch verschoben und kann diese seitdem viel schneller bearbeiten.

Haben Sie noch andere Tipps für den Arbeitsalltag?
Ich empfehle immer, Regeln gut innerhalb des Teams zu kommunizieren. Ein Beispiel: Wenn jemand ein Einzelbüro hat, sollte an der Tür ein Hinweis stehen, wenn man sich in einer Konzentrationsphase befindet und ab wann die Person wieder erreichbar ist. Genauso sollte die Verwendung von Noise-Cancelling-Kopfhörern offen kommuniziert werden, damit das nicht als Abschottung missverstanden wird.

Was hat schlussendlich den größten Einfluss auf unsere Konzentration?
Am häufigsten erhalte ich nach meinen Seminaren das Feedback, dass der Umgang mit Pausen einen großen Unterschied macht. Viele berichten, dass sie ihre Mittagspause bewusst draußen verbringen oder den Kopierer zwei Stockwerke weiter unten verwenden. Damit kommt man einerseits in Bewegung, andererseits kommt man aus dem Konzentrationstunnel raus. Das erzeugt Leerlauf im Gehirn, sozusagen.

Viele Menschen vergessen, dass das Gehirn nicht „Stopp“ sagen kann. Wenn ich zu viel gegessen habe, macht sich der Magen bemerkbar, aber das Gehirn kann das nicht. Es braucht Pausen, um Inhalte zu verarbeiten und leistungsfähig zu bleiben. Manchmal heißt das: nur aus dem Fenster schauen und nichts machen.

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