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Erholung durch Urlaub Braucht der Mensch wirklich Urlaub?

Koffer packen und nichts wie weg. Damit es mit der Erholung im Urlaub klappt, sollte man vor allem einer einfachen Regel folgen: das tun, worauf man am meisten Lust hat.

Koffer packen und nichts wie weg. Damit es mit der Erholung im Urlaub klappt, sollte man vor allem einer einfachen Regel folgen: das tun, worauf man am meisten Lust hat.© Frank Brehm / photocase.de

Und wenn ja: Wie viel Urlaub ist optimal? Warum kann Urlaub auch krank machen? Wie erholt man sich am besten? Und warum kommen US-Amerikaner oder Japaner mit wenig Ferien aus? Neun Fragen - neun Antworten.

1. Sorgt Urlaub wirklich für Erholung?

Koffer packen, im Stau stehen, sich über die dreckige Ferienwohnung ärgern – Stress lass nach. Bringt Urlaub also wirklich Erholung? Die Forschung sagt ja: Schon in den 80er-Jahren fanden mehrere Forscher heraus, dass die Menge an Stresshormonen wie Cortisol im Körper sinkt, wenn wir freihaben (siehe zum Beispiel Johansson und Aronsson). Auch Kopf-, Bauch- und Rückenschmerzen gehen schon nach wenigen Urlaubstagen zurück.

Einige Studien legen sogar nahe, dass Menschen, die ihre Freizeit aktiv gestalten, nicht nur entspannter sind, sondern auch schlanker. Zudem bekommen wir im Urlaub meist mehr Sonnenlicht ab, wodurch die Produktion des Neurotransmitters Serotonin steigt. Wir werden gelassener, ruhiger, zufriedener. Stimuliert durch das Sonnenlicht gönnt sich der Körper auch eine Extraportion Endorphine.

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Urlaub kann sogar Leben retten: In einer amerikanischen Langzeitstudie, der Framingham Heart Study, wurden über 20 Jahre hinweg mehr als 12.000 Menschen alle zwei Jahre untersucht. Eines der Ergebnisse: Menschen, die angaben, nur selten in den Urlaub zu fahren, starben in den Folgejahren mit größerer Wahrscheinlichkeit an einem Herzinfarkt. Wer hingegen regelmäßig ausspannt, verringert das Risiko um 32 Prozent (Männer) beziehungsweise 50 Prozent (Frauen).

2. Kann man nach einem Urlaub mehr leisten?

Auch das ist erforscht: Erholte Menschen arbeiten schneller, können Probleme besser lösen und helfen eher Kollegen – dies zeigt zum Beispiel eine Studie an den Universitäten Mainz und Konstanz.

Günstig wirken sich freie Tage auch auf die Kreativität aus. Der Neurowissenschaftler David Strayer von der University of Utah in Salt Lake City untersuchte das in einem Versuch mit 30 jungen Männern und 26 jungen Frauen. Rund die Hälfte schickte er für vier Tage in die Berge. Die anderen mussten am Computer weiterarbeiten. Die Ausflügler schnitten hinterher in Kreativitätstests um 50 Prozent besser ab, berichtet Strayer in der Online-​Fachzeitschrift PLoS One.

Warum aber machen uns ein paar freie Tage kreativer? Eine mögliche Erklärung: Unser Hirn bekommt neuen Input. Wir probieren neue Speisen, sehen eine andere Umgebung, hören eine andere Sprache. Außerdem hat unser Kopf Zeit zum Tagträumen, so dass sich Gelerntes sortieren kann.

3. Was ist erholsamer: ein langer Urlaub oder mehrere kurze?

Ein Streit, den viele Unternehmer kennen: Die Partnerin oder der Partner meckert, weil man doch auch mal drei, vier Wochen am Stück machen könnte – doch viele Selbstständige bekommen allein bei dem Gedanken daran eine Panikattacke.

Und die Wissenschaft ist bei der Lösung dieses Konflikts leider keine Hilfe. Experten treffen hier widersprüchliche Aussagen. Die Wahrheit ist: Abschließend ist die Sache nicht erforscht. Sowohl für Kurzurlaube als auch für mehrere Wochen Ferien gibt es gute Argumente.

Was für die Langzeitferien spricht: Wer lange in den Urlaub fährt, der hat eine größere Chance auf wirklich entspannte Tage. Denn oft sind ja sowohl die Anreise („Beeil Dich, wir kommen zu spät zum Flughafen!“) als auch die Abreise („Oh Gott, habe ich meine Kamera liegen lassen?“) eher Stress als Vergnügen.

Für den Kurztrip spricht unter anderem, dass allein die Planung eines Urlaubs sich schon positiv aufs Gemüt auswirkt. Das fanden die britischen Marktforscher David Gilbert und Junaida Abdullah 2002 in einer Befragung heraus. Wer gerade einen Urlaub plante, war insgesamt glücklicher und bewertete seine allgemeine Lebenssituation (Familie, Gesundheit, usw.) positiver als Menschen, die keine Reise planten. Es ist also eine durchaus aussichtsreiche Strategie, sich durch viele Kurztrips in einem positiven Vorfreude-Modus zu halten.

4. Kann man sich auf Vorrat erholen?

Nein, das funktioniert fast gar nicht. Die Urlaubserholung ist meist schon nach einer Woche aufgebraucht. Das zeigt eine Metastudie der Psychologin Jessica de Bloom von der Universität Tampere in Finnland. Spätestens nach der dritten Woche die Anspannung wieder auf dem Niveau von vor dem Urlaub – das gilt übrigens völlig unabhängig davon, wie lange man verreist war. Auch das ist also ein Argument für mehrere Kurzurlaube.

5. Wie erholt man sich besonders gut?

Tauchen, Wandern, Müßiggang – was entspannt am besten? Die Arbeitspsychologin Carmen Binnewies von der Universität Münster hat erforscht, wie sich Menschen am besten von ihrer Arbeit erholen. Ihre Erkenntnis: Besonders erholsam ist Freizeit dann, wenn man sie nutzt, um etwas Neues zu lernen, oder etwas erreicht, was man sich lange vorgenommen hat.

Dabei gehe es aber nicht um außergewöhnliche Leistungen. Selbst wer im Urlaub nur mal ins Konzert geht oder eine Radtour macht, falls er sich das gewünscht hat, kann damit seine Erholung verbessern. Nicht nur Binnewies, sondern auch andere Forscher weisen darauf hin, dass man solche Urlaubselemente prima auch in seinen Feierabend oder ins Wochenende einbauen kann. Womit wir beim nächsten Thema wären …

6. Was wirkt noch besser als Urlaub?

Hier herrscht unter Wissenschaft geradezu unerwartete Einigkeit: Wer langfristig regeneriert und entspannt sein will, der braucht jeden Tag ein bisschen Urlaub. Kleine Dinge können dabei eine große Wirkung haben: ein kurzer Spaziergang. Laut Musik hören. Frisches Obst essen. Ein Bad nehmen. Wichtig dabei sei lediglich, dass man sich bewusst Zeit für etwas nimmt, das einem gut tut.

7. Warum kommen Japaner und Amerikaner mit so wenig Urlaub aus?

Beschäftigte in Japan haben zehn Tage bezahlten Urlaub, US-Amerikaner immerhin 15 – allerdings unbezahlt. Viele nehmen diese Urlaubstage jedoch nicht in Anspruch.

Warum kommen Japaner und Amerikaner mit so wenig Urlaub aus? Mancher argumentiert damit, dass die Menschen in den USA sich mehr mit ihrem Job identifizierten und Japaner aufgrund ihrer Meditationskultur gut entspannen könnten. Und tatsächlich zeigen Befragungen aus Japan, dass die meisten Menschen dort (39 Prozent) sich nicht nach mehr Urlaub sehnen.

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Die Strebsamkeit geht so weit, dass die japanische Regierung immer wieder Maßnahmen diskutiert, wie man die Bevölkerung zum Urlauben zwingen könnte. Grund dafür ist unter anderem das Karoshi-Phänomen (Tod durch Überarbeitung). Vielleicht würde aber auch eine Änderung des Arbeitsrechts helfen. Denn in Japan verlieren Arbeitnehmer, die in einem Jahr eine gewisse Anzahl an Arbeitstagen versäumen, ihren Urlaubsanspruch im Folgejahr. Außerdem gibt es keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Daher sparen viele ihren Urlaub auf, um Urlaubstage nehmen zu können, wenn sie krank werden.

Und in den USA? Befragungen zeigen, dass der Urlaubsverzicht nicht daher rührt, dass die Menschen keinen Urlaub machen wollten. Sie stresst jedoch der Gedanke daran, wie groß die Arbeitsflut nach dem Urlaub wäre. Viele haben auch Angst um ihre Karriere. Eine Kultur, in der Mitarbeiter geschult werden, um Kollegen zu vertreten, die Urlaub machen, ist für viele gänzlich unbekannt.

8. Wie viel Urlaub machen Unternehmer?

Unternehmer stehen Japanern und Amerikaner in nichts nach: Fast jeder Fünfte machte laut einer internationalen Befragung unter 2600 Unternehmern aus dem Jahr 2015 gar keinen Urlaub, jeder Siebte maximal fünf, knapp jeder Dritte maximal 20 Tage Urlaub. Und selbst wenn Unternehmer in den Urlaub gehen, arbeiten so gut wie alle trotzdem weiter: Jeder Dritte arbeitet in dieser Zeit bis zu fünf Stunden, jeder Zehnte sogar zehn bis 20 Stunden pro Woche. Die Hälfte der rund 200 befragten deutschen Unternehmer hat bereits im Supermarkt oder im Urlaub einen geschäftlichen Telefonanruf entgegengenommen oder eine E-Mail beantwortet. Am Geburtstag seiner Kinder ging jeder Zehnte trotzdem ans Telefon.

9. Warum kann Urlaub krank machen?

Man hatte sich vorgestellt: Spanien, Sonne, Strand und Sangria.

Daraus wurde: Spanien, Hotelzimmer, Brechdurchfall und Notfallapotheke.

Tatsächlich werden manche Menschen im Urlaub häufiger krank – und das hat nichts mit ungewohntem Essen oder bakterienversuchtem Wasser zu tun. Wenn andere Faktoren ausscheiden, dann sprechen Wissenschaftler von der Leisure Sickness – der Freizeitkrankheit. Eine niederländische Forschergruppe hat zum Beispiel Menschen befragt, die häufiger am Wochenende oder im Urlaub krank werden, und die Antworten mit einer Kontrollgruppe verglichen. Das Ergebnis: Diejenigen, die im Urlaub zum Krankwerden neigten, gaben an, bei der Arbeit besonders gestresst und stark belastet zu sein. Nach eigener Einschätzung fiel es ihnen schwer abzuschalten.

Warum aber werden die Stressgeplagten im Urlaub häufiger krank? Die Forscher vermuten, dass die Wahrnehmung des eigenen Wohlbefindens sich ändert. Unter dem Jobstress wurden Beschwerden ausgeblendet – erst wenn man im Liegestuhl liegt, merkt man, wo es zwickt und ziept. Eine andere Erklärung hat mit dem Hormonlevel zu tun. Stresshormone können etwa die Reaktion des Immunsystems auf Erreger unterdrücken. Dadurch bleiben die Symptome wie Fieber bei einer Infektion zunächst aus. Das ist biologisch sinnvoll, denn in einer Stresssituation (früher akute Gefahr fürs eigene Leben) muss der Mensch vor allem funktionieren, etwa flüchten können. Die Immunantwort schlägt daher erst durch, wenn das Stresslevel sinkt – also im Urlaub.

3 Kommentare
  • Tobias 28. August 2017 09:36

    Urlaub ist für mich unfassbar wichtig. Mindestens einmal im Jahr brauche ich einen langen Urlaub mit vielen Aktivitäten und Erlebnissen, die Eindrücke für den Rest des Jahres hinterlassen. Dieses Jahr geht es dafür auf Costa Rica Rundreise. Ansonsten finde ich am Wochenende kleine Ausflüge an den See oder Radtouren sehr erholsam. [Link entfernt – bitte keine Werbung, siehe auch unsere Netikette]

  • Johannes K. 16. August 2017 09:59

    Auf meiner bislang letzten Reise habe ich einen US-Amerikaner getroffen. Er hat schon mehrmals Jobs gekündigt, um einen längeren Urlaub machen zu können, und hat danach in einer neuen Firma angefangen. Ein verbreitetes US-Phänomen?

  • Felix H. 16. August 2017 09:51

    Liebe Frau Basel,
    Korrelation ist nicht gleich Kausalität. Die zitierten Studien zeigen ausschliesslich Korrelationen und können keine Schlüsse der Form „A führt zu B“ ziehen. Sie sollten das der journalistischen Sorgfalt wegen auch nicht tun. Diese Berichterstattung ist unterhaltsam, aber alles andere als wissenschaftlich,.

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