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Erinnerst du dich an Kameras und Filme von Kodak? An die Kataloge von Neckermann oder Quelle? An den einstigen Erfolg der Handys von Nokia? All diese Unternehmen waren mit ihren Produkten einmal Marktführer – verschliefen aber neue Trends und Entwicklungen wie die Digitalfotografie oder den Online-Versandhandel. Die Folge: Die Konkurrenz stampfte sie ein. Kodak gibt es zwar noch heute, an seinen früheren Erfolg kann das Unternehmen aber nicht anknüpfen. Nokia stellt schon lange keine eigenen Handys mehr her. Quelle und Neckermann meldeten Insolvenz an, ihre Markenrechte sicherte sich später der Versandhändler Otto.
Auch kleinere Unternehmen sind nicht davor gefeit, von Konkurrenten überholt zu werden. „Viele Unternehmer beschäftigen sich zu wenig mit Entwicklungen, die die Zukunft der Firma bedrohen. Verständlich: zu überlegen, dass die eigene Firma kaputtgehen könnte, tut unglaublich weh“, sagt Dominique Trott, Coach und Beraterin. Viele Chefs würden erst reagieren, wenn es schon zu spät sei – nämlich dann, wenn Mitarbeiter gingen und der Umsatz einbreche.
Was ist die Kill-your-Company-Methode?
Die gute Nachricht: Eine Methode kann dir helfen, genau das zu verhindern. „Kill Your Company“ (deutsch: „Töte dein Unternehmen“) heißt sie. Die Idee dahinter: Du verdrängst deine Firma in einem Gedankenspiel vom Markt, um so Risiken aufzudecken und Strategien für die Zukunft zu entwickeln. Dominique Trott (früher Stroh) stellt „Kill Your Company“ in ihrem Buch „Agil geht anders“ vor. Wie die Methode funktioniert und worauf du dabei achten solltest.
Kill-your-Company-Workshop vorbereiten: Das brauchst du
Entscheidend dafür, dass die Methode Nutzen bringt, ist laut Trott die Unternehmenskultur: „Mitarbeiter müssen sich trauen, frei zu sprechen. Führungskräfte müssen kritische Gedanken annehmen. Denn bei der Methode geht es darum, über den Tellerrand zu schauen und seine Komfortzone zu verlassen.“
Wenn du „Kill Your Company“ in deinem Unternehmen ausprobieren willst, plane mindestens zwei Stunden dafür ein. Auch ein tagesfüllender Workshop ist Trott zufolge möglich. Stell dafür ein Team aus drei bis sechs Leuten zusammen, dich selbst eingeschlossen. Wichtig dabei: Das Team sollte möglichst gemischt sein, etwa aus Führungskräften, Mitarbeitern mit weniger Verantwortung und Neulingen bestehen. „Die Andersartigkeit eines Teams führt zu verschiedenen Perspektiven, das sollte nicht reine Chefsache sein“, sagt die Beraterin.
Bevor du dein Team zum Workshop versammelst, solltest du alle Teilnehmenden auf einen ähnlichen Wissensstand bringen. Trott: „Du musst vorher ein Bewusstsein dafür schaffen, was auf dem Markt los ist.“ Denn nicht jeder setze sich ständig mit Wettbewerbern auseinander oder beschäftige sich mit Firmen, die von anderen verdrängt wurden.
Kill your Company: Anleitung in 4 Schritten
Dein Team überlegt sich anschließend in drei Schritten, wie es das eigene Geschäftsmodell killen könnte – und im vierten Schritt, wie sich das Unternehmen vor dem Aus bewahren ließe.
Schritt 1: Finde die Schwachstelle in deinem Geschäftsmodell
Zu Beginn geht es darum, Szenarien zu entwickeln, in denen Konkurrenten durch neue Erkenntnisse oder Innovationen deine Firma schachmatt setzen. Fragt euch: „Was fehlt? Was ist so wichtig, dass es denjenigen, der die Lücke erkennt, zum Marktführer macht?“
In „Agil geht anders“ stellt Dominique Trott (früher Stroh), Führungskraft, Beraterin und Agile Coach, neben „Kill Your Company“ 19 weitere Methoden für den Führungsalltag vor. Erschienen im Schäffer-Poeschel Verlag, 141 Seiten, 29,95 Euro. Ein Werkzeughersteller könnte etwa fürchten, dass ein Konkurrent die eigenen Kunden abgreift, indem er Schleifmaschinen, Bohrer und andere Geräte günstig verleiht, womöglich sogar liefert.
Ein Beispiel aus der Vergangenheit: Netflix startete 1998 als DVD-Versand und machte damit den Videotheken Konkurrenz. Später ersetzte das Unternehmen sein eigenes Geschäftsmodell durch Streaming, 2023 verschickte es die letzte DVD. Videotheken gibt es heute kaum noch, Netflix dagegen ist einer der weltweit erfolgreichsten Streaming-Anbieter.
Schritt 2: Erkenne die Konkurrenz von morgen
Deine derzeitige Konkurrenz ist überschaubar oder kaum vorhanden? Das kann sich jederzeit ändern: Die Deutsche Bahn wurde vom plötzlichen Erfolg der Fernbusse überrascht. Taxifahrer in vielen Ländern verlieren Kunden an Fahrdienste wie Uber.
Um Ähnliches zu verhindern, überlegt im Workshop, wer in Zukunft den Markt bestimmen könnte. Welches Start-up oder welches Unternehmen aus einer anderen Branche wartet nur darauf, deiner Firma mit einer guten Idee Konkurrenz zu machen? Und welche Idee könnte das sein?
Schritt 3: Prüfe, was dein Angebot dann noch wert ist
Im dritten Schritt versetzt ihr euch in die Lage von Kunden, Mitarbeitern oder Geschäftspartnern. Welchen Wert hat euer Angebot noch für diese Gruppen, wenn eines der zuvor überlegten Szenarien eintritt – oder aber ein völlig anderes, das durch politische Entscheidungen, Trends oder technologische Entwicklungen bedingt ist?
Welchen Wert hätten etwa die Motorräder eines traditionellen Herstellers, wenn Verbrennungsmotoren verboten würden? Oder wenn viele Städte plötzlich große auto- und kraftradfreie Zonen schafften?
Schritt 4: Entwickle Maßnahmen gegen das Aus
Der letzte Schritt ist laut Trott die größte Herausforderung: Ideen für konkrete Maßnahmen gegen die Bedrohungen zu sammeln. Könnte der Motorradhersteller etwa auch Elektromotoren verbauen? Womöglich sogar ein Verleihsystem entwickeln?
Ein Energieversorger, bei dem Trott die Methode angewandt hat, erkannte im Laufe des Workshops, dass ihm eine Strategieabteilung fehlte. „Sie haben sich dann eine Art Innovations-Café gegönnt und einmal die Woche Mitarbeiter Ideen spinnen lassen, wie die Firma in den nächsten Jahren aussehen könnte“, sagt Trott.
Es geht also nicht darum, in kurzer Zeit durchdachte Lösungen für die Worst-Case-Szenarien zu entwickeln, sondern vielmehr darum, langfristige Prozesse anzustoßen und weitere Schritte zu planen. Überlegt im Team, welche Informationen ihr noch braucht, welche Ideen ihr als Erstes angehen wollt – und wann ihr dafür wieder zusammenkommt.
