Nicole Basel führt als Chefredakteurin die impulse-Redaktion. An dieser Stelle schreibt sie über Fragen, die sie als Chefin beschäftigen.
Wir Menschen sind schon drollig. Wir sind fest überzeugt, die Welt rational und objektiv beurteilen zu können. Besonders uns selbst. Besonders unsere Leistung. Und gleichzeitig erstellen wir Studien, die gnadenlos offenlegen, wie sehr wir uns überschätzen.
Wenn man Menschen befragt, wie gut sie in einem bestimmten Bereich sind, geben mal 60, mal 70, 80 oder sogar 90 Prozent an, dass sie zur besseren Hälfte gehören: Dass sie überdurchschnittlich umweltbewusst seien. Überdurchschnittlich gute Autofahrer. Überdurchschnittlich gut im Bett. Psychologinnen und Psychologen sprechen vom „Better-than-average“-Effekt: besser als der Durchschnitt.
97 Prozent halten sich für gute Führungskräfte
Bei Führungskräften ist die Selbstüberschätzung besonders deutlich. In der jährlichen Gallup-Studie geben stolze 97 Prozent der Führungskräfte an, sich für eine gute Führungskraft zu halten. Gleichzeitig berichten 69 Prozent derselben Gruppe, selbst schon einmal eine schlechte Führungskraft gehabt zu haben. Was ist da los?
Meine Freundin Petra hat einen Teamleiter, nennen wir ihn Paul. Paul klopft ständig bei Petra an: „Petra, wer muss morgen beim Marketing-Meeting dabei sein?“ „Petra, wie findest du die Farbe der Anzeige?“ „Petra, Lollis als Messe-Giveaways – ja oder nein?“ Petra ist genervt: „Ständig soll ich ihm bei Entscheidungen das Händchen halten.“
Ich kenne Paul nicht. Aber ich schätze, er hält sich für eine überdurchschnittliche Führungskraft. Für modern. Für einen Chef, der Fragen stellt und zuhört. Petra hingegen findet, dass er das Team ausbremst. „Er sagt, er wolle uns beteiligen. Das ist aber nur Tarnung. Er ist schlicht zu unsicher, selbst zu entscheiden.“
Diese Fragen helfen, um blinde Flecken zu erkennen
Ich fürchte, dass blinde Flecken bei uns Führungskräften besonders groß sind, weil wir eher selten ungefiltertes Feedback bekommen. (Petra hat Paul noch nie gesagt, was sie wirklich denkt.)
Wie so oft im Leben hilft Selbstreflexion: Habe ich zu meinem Team wirklich ein familiäres Verhältnis? Oder bedeutet familiär, dass ich mich wie ein Patriarch verhalte, wenn andere anderer Meinung sind? Bin ich die coole Chefin, die loslassen kann? Oder tarnt meine Laissez-faire-Haltung nur, dass ich keinen Schimmer habe, was zu tun ist? Bin ich eine, die ihr Team eng begleitet – oder bedeutet Begleitung, dass ich kontrolliere, ob alles so läuft, wie ich es will?
Auf solche Fragen ehrlich zu antworten, kann schmerzhaft sein. Aber dass es wehtut, ist kein schlechtes Zeichen. Sondern der Anfang von mehr Ehrlichkeit beim Blick auf sich selbst.
