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Du sitzt im Meeting, die Zeit läuft, die Agenda ist voll. Dann kommt genau die Frage, von der du dachtest, sie sei längst geklärt. „Das haben wir doch schon tausendmal besprochen.“
Der Satz ist schneller draußen, als du ihn einfangen kannst. Kurz danach diese typische Stille. Niemand widerspricht, niemand fragt nach. Und du weißt: Das war nicht hilfreich. Nicht wegen des Inhalts, sondern wegen des Tons. Das Gespräch ist eigentlich vorbei, bevor es richtig angefangen hat.
Solche Momente entstehen unter Druck. Bei Zeitmangel, Konflikten, Widerstand oder Veränderungen schaltet das Gehirn auf Autopilot. „Unter Stress greifen Menschen auf Gewohnheiten zurück“, sagt Führungskräftetrainer Stephan Kowalski. Schnell, intuitiv, aber nicht immer wirksam.
Warum fühlen sich manche Situationen alternativlos an?
Das Gefühl von Alternativlosigkeit entsteht, weil Reiz und Reaktion im Kopf scheinbar direkt zusammenfallen. „Der Mitarbeiter macht einen Fehler und ich ärgere mich“, sagt Kowalski. „Das fühlt sich logisch an. Entscheidend ist aber: Meine Reaktion entsteht nicht automatisch durch den Fehler, sondern durch meine innere Bewertung.“
Derselbe Auslöser kann bei zwei Führungskräften völlig unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Wer diesen Unterschied versteht, verschiebt die Perspektive. Weg von der Frage, was der andere falsch gemacht hat. Hin zur Frage, wie ich mit der Situation umgehen will. „Wenn ich Verantwortung für mein Gefühl übernehme, werde ich flexibler in meiner Reaktion“, sagt Kowalski, „und genau das ist das Ziel der Wertematrix.“
Was ist die Wertematrix?
Die Wertematrix ist ein Reflexionstool für Führungskräfte unter Druck. Das Modell stammt ursprünglich aus der Akzeptanz- und Commitment-Therapie und wurde vom kanadischen Psychologen Kevin Polk unter dem Namen ACT Matrix entwickelt.
Stephan Kowalski hat das Modell für den Führungsalltag adaptiert. „Mir ging es darum, ein Instrument zu schaffen, das Führungskräften hilft, ihre Werte in konkretes Verhalten zu übersetzen. Deshalb der Name Wertematrix.“
Im Kern trennt die Wertematrix das eigene Innenleben und das sichtbare Verhalten. Also das, was du denkst und fühlst, von dem, was du sagst und tust. Genau darin liegt die Stärke des Tools. Statt reflexhaft zu reagieren, gewinnen Führungskräfte einen Moment zum Nachdenken und Entscheiden.
Wie ist die Wertematrix aufgebaut?
Die Matrix besteht aus zwei Achsen, die vier Felder bilden.

Innen und Außen
Die senkrechte Achse beschreibt Innen und Außen. Unten liegt alles, was in dir passiert: Gedanken, Gefühle, Impulse. Oben liegt das, was andere wahrnehmen: Sprache, Tonfall, Verhalten.
Unsere Gedanken und Gefühle können wir nur sehr schwer verändern“, sagt der Führungskräftetrainer. „Aber unsere Reaktionen, unser Verhalten, schon.“ Genau diese Trennung ist entscheidend. Führung scheitert selten an Gefühlen, sondern daran, dass sie ungefiltert ins Verhalten rutschen.
Hin zu oder weg von
Die waagerechte Achse hat die beiden Pole „Weg von“ und „Hin zu“
„Hin zu“ bedeutet: Du verhältst dich so, wie es deinem Anspruch als Führungskraft entspricht. Du sprichst Dinge an, bleibst respektvoll, triffst klare Entscheidungen – auch wenn das manchmal schwierig ist.
„Weg von“ bedeutet: Dein Verhalten soll vor allem ein unangenehmes Gefühl beenden. Ärger, Unsicherheit oder Druck sollen schnell verschwinden. Daher flüchtest du aus dem Konflikt, wirst schärfer im Ton oder machst es selbst.
Die vier Quadranten der Matrix
Aus den beiden Achsen ergeben sich vier Felder – die vier Quadranten der Matrix.
Rechts unten: Was ist mir wichtig?
Dieser Quadrant steht für deine Werte, also deinen inneren Kompass. Hier klärst du, wofür du stehen willst. Dabei geht es nicht um allgemeine Unternehmenswerte. Sondern um deinen konkreten Anspruch als Führungskraft in genau diesem Moment. Willst du klar sein? Wertschätzend? Fair? Verlässlich?
Stephan Kowalski empfiehlt, es überschaubar zu halten: „Nicht mehr als zwei oder drei Werte auf einmal. Sonst wird es unpraktisch.“ (impulse-Mitglieder können dazu Arbeitsblätter herunterladen, die helfen, die eigenen Werte herauszufinden.)
Links unten: Was triggert mich gerade?
Hier geht es um das automatische Innenleben: Ärger, Zweifel, Überforderung. Auch Gedanken, die man lieber nicht hätte.
Dieses innere Autoradio lässt sich nicht abschalten und nicht steuern. „Da denkt man schon mal: ‚Bin ich denn nur von Idioten umgeben’“, sagt Kowalski. Oder: Bin ich eine schlechte Führungskraft, wenn mein Team das hier nicht hinbekommt?
Entscheidend ist der Umgang damit. Stephan Kowalski empfiehlt eine Akzeptanzübung: Gedanken und Gefühle werden zunächst nur wahrgenommen und beobachtet. Ich versuche mir dann innerlich sagen: „Danke, liebes Gehirn, schon wieder dieser Gedanke. Er ist da, aber er hilft mir gerade nicht weiter. Also entscheide ich mich bewusst, anders zu handeln.’“
Links oben: Was tue ich, um das unangenehme Gefühl loszuwerden?
Hier sitzt das Vermeidungsverhalten. „Diese Reaktionen fühlen sich in dem Moment oft richtig“, sagt Stephan Kowalski. „Sie lösen das Problem aber selten.“
Typische Muster:
- Angriff: Du wirst schärfer im Ton, belehrst, machst Vorwürfe.
- Rückzug: Du sprichst Dinge nicht an und hoffst, dass sie sich von allein erledigen.
- Ablenkung: Noch eine Mail, noch eine Aufgabe, noch etwas anderes tun. Hilft gegen das Gefühl, aber selten gegen das Problem.
- Innere Rechtfertigung: „Der andere ist halt so.“
Rechts oben: Was kann ich konkret tun, um meine Werte zu leben?
Hier wird es praktisch. In diesem Feld übersetzt die Wertematrix Haltung in Handlung. Werte bleiben nicht länger abstrakt, sondern zeigen sich in deinem Verhalten. „Werteorientiert zu führen, heißt, Situationen bewusst zu gestalten“, sagt Kowalski.
Ein Beispiel: Ein Mitarbeitender liefert wiederholt Ergebnisse ab, die hinter den Erwartungen bleiben. Wer im Autopilot unterwegs ist, reagiert vielleicht genervt, korrigiert stillschweigend oder macht eine spitze Bemerkung im Vorbeigehen.
Wer Werte wie Wertschätzung und Professionalität ernst nimmt, führt kein Gespräch zwischen Tür und Angel, sondern terminiert es bewusst. Der Rahmen signalisiert: Das Thema ist wichtig – und die Person auch. Erwartungen werden konkret benannt, ohne Vorwurf.
Oder das anfangs erwähnte Szenario: Im Meeting stellt jemand eine Frage, die aus deiner Sicht längst geklärt ist. Der Impuls wäre, genervt zu reagieren. Werteorientiertes Verhalten könnte heißen, kurz innezuhalten und zu sagen: „Lass uns das nochmal sauber klären, damit wir alle dasselbe Verständnis haben.“ Der Inhalt bleibt derselbe, aber der Effekt ist ein völlig anderer.
Wie wende ich die Wertematrix an?
Die Wertematrix ist kein Theoriemodell, sondern soll im Alltag genutzt werden. Vor Gesprächen, nach Gesprächen und mit etwas Übung auch mittendrin. Kowalski beschreibt die drei Stufen der Anwendung.
1. Nach einem Gespräch reflektieren
Nach einem schwierigen Termin oder Gespräch kannst du kurz innehalten und die vier Felder ausfüllen: Was habe ich gedacht? Was habe ich gefühlt? Wie habe ich reagiert? Wie hätte ich anders reagieren können? Die Matrix hilft, diese Ebenen auseinanderzuhalten, statt alles pauschal als „lief nicht gut“ abzuhaken.
2. Gespräche vorbereiten
Vor einem schwierigen Gespräch kannst du die Matrix als Planungsinstrument nutzen. Was ist mir hier wichtig? Welche Reaktionen kenne ich von mir unter Druck? Was wäre werteorientiertes Verhalten in dieser Situation?
3. Im Gespräch flexibel bleiben
Mit Übung gelingt auch der wichtigste Schritt: im Moment selbst Abstand gewinnen. „Das heißt, wenn ich merke, ich ärgere mich gerade: einmal tief Luft zu holen und mich dann wieder an meinen Werten orientieren. Ich könnte mich zum Beispiel fragen: Wie kann ich jetzt in diesem Moment meinen Wert Vertrauen leben? Wie kann ich jetzt zeigen, dass der Mitarbeiter mir wichtig ist oder wie kann ich jetzt in diesem Moment Grenzen aufzeigen?“ Wer das könne, schalte den Autopiloten ab.
Worum es am Ende wirklich geht
Das übergeordnete Ziel der Wertematrix ist Kowalski zufolge psychologische Flexibilität. Jeder Mensch hat Trigger, Ärger, Zweifel – und trotzdem immer auch eine Wahl. Oder wie Kowalski es alltagstauglich formuliert: „Du kannst den Mitarbeiter blöd finden und trotzdem wertschätzend sein. Du kannst unsicher sein und das Gespräch trotzdem führen.“
Am Ende reicht manchmal eine einzige Frage, um den Autopiloten auszuschalten. Ein Teilnehmer namens Michael brachte es in einem Seminar bei Kowalski so auf den Punkt: „Was würde der bessere Michael jetzt tun?“
Stephan Kowalski ist Führungskräftetrainer, Trainer an der impulse Akademie und Co-Host des Führungs-Podcasts Pinguine im Cockpit.
