Rechthaberei
Aber, ich hab doch recht!

Immer das letzte Wort? Rechthaberei lähmt das Team und untergräbt Vertrauen. Wie Chefs und Chefinnen Muster bei sich erkennen und gegensteuern können.

12. November 2025, 15:14 Uhr, von Lena Kaltenbach, Redakteurin

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Collage weit aufgerissener Münder mit Megafonen und anderen Symbolen für Schall
Laut, dominant, abweisend – Rechthaberei lässt sich erkennen und verhindern.
© Alona Horkova/Getty Images

Montagmorgen, Teammeeting: Eine Mitarbeiterin schlägt vor, Kosten­voranschläge übersichtlicher zu gestalten, nachdem einige Kunden ­Kritik geäußert haben. Der Chef fällt ihr ins Wort: „Ich finde, wir haben ein gutes System. Unser neuer Kunde hat es auch verstanden. ­Also passt.“ Kurz darauf präsentiert er begeistert eine neue CRM-Software. Als jemand aus dem Team einwendet, sie sei zu teuer und ­datenschutztechnisch fragwürdig, entgegnet der Chef ungeduldig: „Das ist die Zukunft, wir testen das ab nächster Woche!“ Der Chef hat recht. Oder nicht?

Szenen wie diese spielen sich so ähnlich in unzähligen Unternehmen ab. Es ist ein Beispiel dafür, dass Menschen recht haben wollen, aber nicht unbedingt recht haben. Sie halten an den eigenen Überzeugungen fest, blockieren im Extremfall andere Perspektiven und zeigen sich wenig zugänglich für Argumente, die nicht ihre eigenen sind. Gerade Chefinnen und Chefs, die viele Entscheidungen treffen müssen, können in solche Verhaltensmuster fallen.

Laut Sonja Höhn, Diplom-Psychologin und systemische Beraterin mit Fokus auf Führung und Psyche, liegt der Unterschied zwischen „Recht haben“ und „rechthaberisch sein“ in folgender Absicht: Wer Recht hat, beruft sich auf allgemein akzeptierte Fakten. Rechthaberei dagegen beschreibt den Versuch, durch spezielle Kommunikationsmuster die eigene, subjektiv geprägte Weltsicht und die eigenen Vorstellungen mit persönlicher Macht durchzusetzen.

Drücken Führungskräfte besonders oft ihre Ansichten durch, kann das dem Unternehmen auf Dauer schaden: „Rechthaberei verhindert Fortschritt und Innovation“, sagt Stefanie Philippi, Psychologin und Expertin für Führungskräfteentwicklung aus dem hessischen Schlangenbad.

Doch was genau bewirkt Rechthaberei, was gewinnen Führungskräfte, wenn sie sich mit rechthaberischem Verhalten auseinandersetzen, und wie können sie gegensteuern?

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Was sich verändert, wenn du dich mit ­deiner Rechthaberei auseinandersetzt

Chefinnen oder Chefs, die sich regelmäßig selbst ehrlich reflektieren, können schädliches Ver­halten wie Rechthaberei erkennen und gezielt gegensteuern und damit zu einem besseren ­Arbeitsklima und Arbeitsergebnissen beitragen. Vor allem auf den folgenden Ebenen hat das ­einen positiven Effekt.

  1. Mehr Produktivität und Innovationen: Wer Ideen abbügelt, erzeugt Frust. „Mitarbeitende können in eine Spirale aus Hilflosigkeit fallen und sich wie gelähmt fühlen“, sagt Stefanie Philippi. Wer Rechthaberei dagegen ablegt, schafft die Basis für Motivation und Produk­tivität sowie Raum für neue Ideen.
  2. Leistungsträger binden: Gute Leute gehen, wenn sie nichts sagen dürfen. Wer Widerspruch zulässt, hält kritische, kreative Köpfe im Team. „Für ein gutes Team brauche ich ­Menschen, die mir widersprechen“, sagt Sonja Höhn.
  3. Gesündere Mitarbeitende: Rechthaberisches Verhalten kann bei anderen Stress und Ängste auslösen, was psychisch und körperlich krankmachen kann. Wer dem entgegenwirkt, senkt Ausfälle und schützt das Team.
  4. Bessere Außenwirkung: Mitarbeitende, die ständig Angst haben müssen, ausgebremst oder kleingemacht zu werden, handeln un­sicher und zögerlich, was Kunden und Partner irritieren kann. Selbstbewusste Mitarbeitende wirken souveräner – das stärkt dein Image.

Doch wie kann ich rechthaberisches Ver­halten ablegen? So kannst du Vorgehen – in zwei Schritten:

Schritt 1: Beobachte, wann du im Rechthaber-Modus bist

Wer sich rechthaberisch verhält, tut dies meist unbewusst und ohne böse Absicht. Experten beschreiben Rechthaberei als den Versuch, den Selbstwert zu schützen und die Kontrolle zu bewahren: „Als Chefin oder Chef will man ­immer funktionieren“, sagt Baha Meier-Arian, Psychologin und Coachin aus Ulm. Das löse starken Druck aus. „Viele haben auch Angst vor Veränderungen oder davor, ihre Autorität zu verlieren, wenn sie mal danebenliegen.“

Auch Stress und Erschöpfung können dieses Verhalten begünstigen – insbesondere, wenn Ausgleichsmöglichkeiten, wie beispielsweise Sport oder Zeit mit der Familie, fehlen. 

Um gegenzusteuern, muss man erst erkennen, ob man zu übermäßiger Rechthaberei neigt und in welchen Situationen man sich im Rechthaber-Modus befindet.

Zudem kannst du dich selbst und andere im Arbeitsalltag beobachten und zum Beispiel auf folgende Dinge achten:

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1. Die Körpersprache: Rechthaberisches Verhalten ist geprägt von einer schnellen, lauten, großen und abwertenden Haltung. „Manche plustern sich auf, die Augen werden groß, ­Zähne sind gefletscht“, sagt Sonja Höhn. Allein diese Mimik kann auf andere einschüchternd wirken. Du kannst dich zum Beispiel in Meetings oder Einzelgesprächen beobachten: Verdrehe ich die Augen oder zeige Ablehnung durch verschränkte Arme? Oder neige ich dazu, sehr laut zu werden, wenn ich anderer Meinung bin?

2. Die Wortwahl: Rechthaberinnen und Rechthaber verspüren oft den Drang, andere unterbrechen zu wollen. Ihre Ausführungen beginnen meist mit einem „Ja, aber …“. Sie sagen oft auch Sätze, wie „Das entscheide am Ende ­immer noch ich“, „Das war kein Vorschlag“ oder „Da diskutiere ich nicht“. Achte darauf, ob du ähnliche Formulierungen verwendest.

3. Die Reaktionen des Umfelds: Menschen ­reagieren auf rechthaberisches Verhalten sehr unterschiedlich: Die einen weichen im Stuhl zurück, verschränken die Arme schützend vor der Brust. Andere gehen selbst über in Angriff und geben laut Kontra. „Wieder andere werden ganz still und verfallen in Gleichgültigkeit: ‚Ist ja sowieso egal, was ich sage. Der Chef hat eh immer recht‘“, so Stefanie Philippi. Auch im Privaten kann man sich Feedback einholen. Vielleicht hast du schon mal auch von Freunden gehört: „Du willst echt immer recht haben, oder?“

4. Gefühle: Rechthaberei zeige sich zwar in der Interaktion, lasse sich aber in erster ­Linie mit einem Blick ins eigene Innere angehen, sagt Philippi. „Das Verhalten ist für die Personen wie ­eine Prophylaxe: Bevor ihr mich abwertet, stelle ich mich über euch“, sagt die Expertin. Meist stecke Unsicherheit dahinter und das Bedürfnis: Ich bin richtig, so wie ich bin. Nimm also auch deine Gefühle in Gesprächen wahr: Fühlst du dich verunsichert oder eventuell sogar in deiner Position geschwächt, wenn jemand eine andere Meinung hat?

Schritt 2: Dämme Rechthaberei ein

Rechthaberei lässt sich auf zwei Ebenen eindämmen. Zum einem kannst du Routinen im Team einführen, die bestimmtes Verhalten erschweren, auch bei anderen. Zum anderen kannst du selbst etwas für dich tun.

Arbeit im Team

Fehler teilen: Die Psycho­login Stefanie Philippi empfiehlt, regelmäßig eine „Lesson learned“-Session in Teambesprechungen einzubauen, in der alle Teammitglieder über Gelerntes der vergangenen Woche/des vergangenen Monats berichten und was sie aus ­Fehlern gelernt haben. Auch Führungskräfte teilen ihre Erfahrungen. Das helfe, sich selbst Fehler einzugestehen und Team­mitgliedern auf Augenhöhe zu begegnen.

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Für alle, die eigene unbewusste Verhaltensmuster erkennen, verstehen und auflösen wollen.

Beobachtungsrolle: Im nächsten Meeting kannst du fragen, ob jemand die Rolle des ­Beobachtenden einnehmen möchte: Er oder sie berichtet am Schluss, welche Wortwahl einschränkend war, ob jemand zu viel ­Redezeit eingenommen hat oder Ideen nicht aus­formuliert werden konnten. Damit niemand Konsequenzen befürchten muss, sollte die ­Rolle möglichst im Team rotieren.

Extra-Tipp: Stefanie Philippi rät Führungskräften, in Ich-Botschaften zu sprechen, etwa so: „Ich habe nachgedacht und möchte diese Methode ausprobieren. Ihr würdet mir damit helfen, und ich verspreche mir davon …“ So wächst das Vertrauen, und das Team nimmt das ­Anliegen ernst.

Arbeit an sich selbst

„Rechthaberische Menschen müssen etwas für sich selbst tun“, sagt Stefanie Philippi. Zum Beispiel, sich mit frühkindlichen Erfahrungen, einschränkenden Glaubenssätzen und den ­eigenen Wertevorstellungen auseinander­setzen, um die Ursache rechthaberischen Verhaltens zu erkennen und zu lösen. Das stärkt auch das Selbstbild.

Erforsche deine Vergangenheit: „Unsere Erfahrungen prägen unsere Realität“, sagt Psychologin Baha Meier-Arian. Oft liegen die Wurzeln von Rechthaberei tief in der Kindheit: Gab es eine rechthaberische Mutter? Einen Vater, der keinen Widerspruch duldete? Eine rechthabe­rische Chefin hat vielleicht früh gelernt: Solange ich im Recht bin, behalte ich die Kontrolle.

Lerne innezuhalten: Wie fühlst du dich, wenn jemand mit einer neuen Idee ankommt oder dir Widerspruch gibt? Willst du unterbrechen, fängt dein Herz an, laut zu ­pochen, wirst du ungeduldig? Versuche dann innezuhalten, einmal durchzuatmen und dein Gegenüber ­aussprechen zu lassen.

Fordere Gegenargumente ein: Bevor du ­einer Idee widersprichst, prüfe: Ist sie wirklich falsch – oder nur anders als deine Sichtweise? Stelle Rückfragen: „Welche Argumente sprechen dafür oder dagegen?“ Wenn du selbst eine andere Idee hast, frage konkret: „Was spricht gegen meinen Vorschlag?“

Vertraue auf die Expertise im Team: Chefs und Chefinnen stecken oft weniger im operativen Geschäft. Bevor du einen Vorschlag ablehnst, frage dich: Habe ich genügend Informationen, um das Thema gut einschätzen zu können? Ein Beispiel: Dein Vertriebsteam hätte gern Tablets am Einsatzort. Statt direkt abzulehnen („Mit Papier habe ich es auch immer hingekriegt!“), erkundigst du dich nach den Vorteilen. So kannst du fundierter entscheiden.

Wahrnehmen, ohne zu bewerten: Ganz gleich, was man sieht, hört oder fühlt, die meisten Menschen neigen dazu, ihre Wahrnehmungen zu bewerten. Das lässt sich aber abtrainieren – etwa mit Achtsamkeitsübungen im Alltag. Zum Beispiel im Supermarkt oder auf einer Bank im Park: Was hörst du? Was siehst du? Kannst du die Eindrücke aufnehmen, ohne sie zu be­werten? Die Übung lässt sich auf den Arbeitskontext übertragen, etwa im Feedback­gespräch, indem man sich auf bestimmte ­Dinge konzentriert: Was sagt dein Gegenüber? Wie ist sein Gesichtsausdruck?

Gesprächsführung mit KI analysieren

Ob du zu Rechthaberei neigst, kannst du auch mithilfe von KI ­herausfinden. Mit dieser Prompt-Vorlage klappt es:

Lade eine Tonaufnahme oder ein Transkript von einem Gespräch oder Meeting etwa bei ChatGPT oder Claude hoch – mit Zustimmung aller Gesprächsteilnehmer. Gib dazu folgenden Prompt ein:

„Kontext: [Beschreibe kurz, welche Gesprächsform vorliegt – z. B. Teammeeting, Feedbackgespräch]. Ich bin Sprecher [Name oder Nummer im Transkript].

Analysiere das folgende Gespräch:

1. Wie wirkt mein Kommunikationsstil in Bezug auf rechthaberisches ­Verhalten, Dominanz oder einseitige Gesprächsführung?

2. Gib mir je 2–3 konkrete Beispiele (falls vorhanden mit Zitat; wenn nicht, bitte anmerken):

  • Wo wirke ich rechthaberisch, absolut oder dominant?
  • Wo zeige ich Offenheit, Zuhören oder dialogische Stärke?
  • Welche Formulierungen könnten auf mein Gegenüber abwertend oder blockierend wirken?

3. Fasse zusammen:

  • Was kann ich schon gut, was kann ich verbessern?
  • Gib mir 3 Tipps für eine wertschätzende und weniger rechthaberische Gesprächsführung.
  • Liefere eine Checkliste mit „Statt so …“- „Besser so …“-Formulierungen (um Rechthaberei entgegenzuwirken).
  • Gib mir 3 Reflexionstipps: z. B. wie ich erkennen kann, welche Kommunikationsmuster schädlich sein können; worauf ich bei mir selbst im ­Arbeitsalltag mehr achten kann.“
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