Herr Professor Busch, haben Sie heute schon ein KI-Tool genutzt?
Volker Busch: Im Sinne von Chatbots, die uns geistige Arbeit abnehmen? Ganz klares Nein, schon seit Wochen nicht. Aber ich benutze natürlich auch Technologien, die mit KI funktionieren wie das Navi im Auto.
Warum nutzen Sie keine Chatbots?
Ich sehe derzeit für mich persönlich keinen Sinn darin. Ich schreibe gerne Texte. Warum soll ich das abgeben an eine KI? Ich lasse sie ja auch nicht für mich ins Kino gehen. Bei Menschen, die das Schreiben hassen, es aber regelmäßig tun müssen, mag es etwas anderes sein.
Die Allgegenwärtigkeit von KI und das rasante Entwicklungstempo erzeugt bei vielen Menschen ein Gefühl der Überforderung.
Ja, das ist immer dann der Fall, wenn Dinge sich so schnell zu entwickeln drohen, dass man selbst nicht mitkommt. Man will Teil dieser Entwicklung sein, um nicht zum Außenseiter zu werden. Aber die Geschwindigkeit erfordert von mir ständiges Anpassen, Wissen, Mitmachen. Und sobald ich zurückbleibe, habe ich verloren. Es entsteht ein tiefes Gefühl der Verunsicherung. Und das macht Druck und Stress. Es wird ja auch überall propagiert: “Sei Teil der Zukunft.“ “Mach mit.“ “Du musst da dranbleiben, sonst wirst du von anderen überholt.“ Das ist für den Menschen immer schon schwer gewesen.
Volker Busch ist Arzt, Wissenschaftler und Buchautor sowie Professor für Psychiatrie. Er leitet eine neurowissenschaftliche Arbeitsgruppe an der Klinik für Psychiatrie der Universität Regensburg. Dort erforscht Busch die psycho-physiologischen Zusammenhänge von Stress, Schmerz und Emotionen. Zudem behandelt er als Therapeut Menschen, die unter Stress, Erschöpfung oder anderen Belastungen leiden.
In seinem 2021 erschienenem Buch „Kopf frei – wie Sie Klarheit, Konzentration und Kreativität gewinnen“ (Verlag: Droemer) erklärt er die negativen Effekte der digitalen Informationsflut auf die Gesundheit und wie man sie vermeiden kann. Zuletzt veröffentlichte Busch das Buch „Gute Nacht, Gehirn – Gedanken, um zur Ruhe zu kommen“ (Droemer, 2025). In seinem Podcast „Gehirn gehört“ (auf allen gängigen Plattformen verfügbar) bespricht er psychologische Alltagsfragen.
Was passiert da im Kopf?
Das Gefühl von Verunsicherung ist immer ein Bedrohungsszenario. Was wird mit mir, mit meiner Expertise? Bin ich noch wichtig in Zukunft? Was wird mit meiner Firma oder meinem Arbeitsplatz? Auf Dauer ist das sehr belastend. Dann kommt es zu Stressreaktionen. Die können auf vier verschiedenen Ebenen entstehen: auf der emotionalen, der geistigen, der körperlichen und der Verhaltensebene.
Das müssen Sie näher erklären!
Wer ständig verunsichert ist, wird dünnhäutiger, empfindsamer, eventuell depressiv, ängstlicher, manchmal auch aggressiver. Das ist die emotionale Ebene. Auf der geistigen Ebene verlieren Menschen den Fokus, können sich nicht mehr gut konzentrieren, sind antriebslos, unmotiviert. Die dritte Ebene ist die körperliche. Hier kann Unsicherheit zu Beschwerden wie Reizdarm, Rückenschmerzen oder auch zu Hautreaktionen und einem geschwächten Immunsystem führen. Häufig sind auch Kopfschmerzen. Dann kommt noch zuletzt die Verhaltensebene hinzu. Man sieht oft, dass sich Menschen bei Verunsicherung zurückziehen, bei der Arbeit weniger zuverlässig sind, sich weniger einbringen. Hält das Gefühl der Unsicherheit an, wird es chronisch, und dann kann es Menschen krank machen.
Wie können Unternehmerinnen und Unternehmer mit der Unsicherheit umgehen, die ja vielleicht auch bei ihren Beschäftigten verbreitet ist?
Sie müssen ein Problem nicht aus der Welt schaffen. Es genügt, sich anzupassen. Wichtig ist, ins Tun zu kommen, nicht passiv zu beobachten – aber dabei besonnen zu handeln. Also nicht aus einem Impuls heraus irgendein Tool einführen, nur um sich das Gefühl zu geben, beim KI-Trend mitzumachen. Nicht verändern der Veränderung wegen, sondern Veränderung der Verbesserung wegen. Man sollte sich Zeit nehmen, zu überlegen, was sinnvoll ist und das Unternehmen weiterbringt. Und auch gucken, was einfach so weiterlaufen soll wie bisher. Das erfordert Mut.
Sie schreiben in Ihrem Buch „Kopf frei“, unser Gehirn funktioniert immer noch so wie das unserer Vorfahren in der Jungsteinzeit, die um das Jahr 2000 vor Christus endete. Was macht Sie optimistisch, dass wir trotz dieser frühzeitlichen Konfiguration unseres Gehirns mit den technologischen Innovationen Schritt halten können?
Ich glaube nicht, dass wir ein anderes Gehirn brauchen, um mit den Problemen der Neuzeit klarzukommen. Es geht ja darum, wie wir mit Unsicherheit, mit Veränderlichkeit umgehen, wie wir flexibel denken, wie wir wieder zusammenrücken in einer Welt, die gerade auseinanderrückt. Das sind Fähigkeiten, die wir längst in uns tragen. Unser Gehirn ist über Hunderttausende von Jahren als soziales Organ gereift. Alles, was wir brauchen, um kreativ und mutig zu sein, um zusammenzurücken, haben wir längst. Studien haben gezeigt, dass die regelmäßige Nutzung generativer KI zu so genanntem Brain Rot führt, also zu Denkfaulheit.
Was passiert da?
KI macht alles für uns. Die Reise nach Italien buchen, die Präsentation erstellen, die Hochzeitsrede und den Einkaufszettel schreiben, die Steuererklärung erstellen. Wir reden hier nicht mehr von einer leichten Unterstützung, sondern von einer vollständigen Abgabe unseres Denkens. An der amerikanischen Warren Alpert Medical School wurde untersucht, wie sich die Arbeit mit KI auf die Kompetenzen von Ärzten in der Radiologie auswirkt. Für die Beurteilung von Tumor-Aufnahmen bekamen sie eine KI. Nach einiger Zeit sollten sie wieder ohne technische Hilfe Diagnosen stellen. Ihre Trefferquote war 40 Prozent schlechter als zuvor. Das zeigt: Menschen, die Denkaufgaben an die KI abgeben, werden schlechter, nicht besser.
Wo ist das Problem? Wir multiplizieren heute auch mit dem Taschenrechner oder speichern Telefonnummern auf dem Handy. Früher haben wir für beides den Kopf genutzt.
Ich verdamme KI nicht grundsätzlich. In Bereichen wie der Medizin, der Forschung oder auch in der Verwaltung kann KI die Gesellschaft voranbringen, weil sie Arbeit übernimmt, die wir als einzelne Menschen teils gar nicht erledigen können. Aber bezogen auf das Individuum kann sie zu einer Verrohung von Denkfähigkeiten führen. Die Denkautonomie bleibt auf der Strecke. Das heißt, die Leute werden nicht selbstständiger im Denken, sondern abhängiger. Wir brauchen selbstständig denkende Menschen. Was ist, wenn KI mal nicht funktioniert? Eine Befragung der Unternehmensberatung EY hat ergeben, dass nur noch 27 Prozent der Deutschen die Antworten von KI-Chatbots nachprüfen. Das heißt, 73 Prozent nehmen sie für bare Münze. Das ist das Aufgeben des eigenen Denkens.
Wenn ich lästige Aufgaben wie das Buchen einer Dienstreise oder die Steuererklärung von einer KI machen lasse, gewinne ich Zeit und Denkkapazitäten für wirklich wichtige Themen. Das ist doch ein großer Fortschritt, oder nicht?
Ja, so die klassische Theorie. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass wir die gewonnene Zeit nicht in geistig anspruchsvolle Dinge investieren, sondern mehrheitlich in den Konsum. Während der Lockdowns in der Corona-Pandemie beispielsweise floss die gestiegene Freizeit nahezu ausschließlich in Streaming, und eben nicht in ein forderndes Hobby. Der Mensch ist bequem und sucht sich nicht freiwillig eine körperlich oder geistig anstrengende Tätigkeiten, nur weil er mehr Zeit hat. Das ist naives Wunschdenken und entspricht nicht der Realität. Wir sollten uns dessen bewusst sein.
Manche Menschen nutzen KI sehr intensiv als Sparringspartner, um schnell zu Lösungen für Problemstellungen zu gelangen, an denen sie sonst lange gearbeitet hätten. Wirkt KI dann nicht als geistiger Leistungsbooster?
Das bezweifle ich. Eine Arbeit von Wissenschaftlern der Universität Harvard hat gezeigt, dass die geistige Aktivierung bei der Arbeit mit KI abnimmt. Sie fordert mich gerade nicht heraus, sie holt nicht das Beste aus mir raus, sondern die KI versetzt mich eher in einen Zustand der Bräsigkeit. Das Abwägen von Argumenten, das Überlegen und Prüfen, und zwar langsam, mehrfach, vielleicht nochmal eine Nacht drüber schlafen, das fördert das Denken. Das haben Sie im Kontakt mit Claude oder ChatGPT nicht. Sie geben eine Frage ein, Sie bekommen eine Antwort, fertig. Das ist noch kein Denkprozess.
Wo sollte man Grenzen ziehen beim Nutzen von KI?
Da muss ich aufpassen, dass ich mich nicht in Fachgebiete begebe, in denen ich keine Expertise habe. Ich glaube zum Beispiel, dass wir Ausbildung in Schule und Beruf komplett neu denken müssen. Die Zeit, in der junge Menschen Faktenwissen auswendig lernen, um eine Prüfung zu bestehen, die dürfte vorbei sein. Die Chatbots verschwinden ja nicht mehr von den Computern und Handys. Wichtig ist, sich klar zu machen, was die eigentliche Leistung des menschlichen Gehirns ist. Die besteht nicht darin, Antworten zu reproduzieren, sondern darin, immer weiter zu fragen und zu hinterfragen und Antworten selbst zu finden. Das ist der Denkprozess. Wenn Sie auf eine Frage immer sofort eine umfassende Antwort bekommen, gelangen Sie nicht von Frage zu Frage und beschäftigen sich nicht wirklich tief mit der Problemstellung. Zusammengefasst: KI verunsichert uns und sie macht uns denkfaul.
Was empfehlen Sie?
Man sollte einmal am Tag die digitale Nabelschnur durchtrennen und sich für eine Stunde auf einen Gedanken oder eine Aufgabe konzentrieren. Durch diesen Tunnelblick entstehen Denkprozesse, langsam aber in hoher Präzision. Nach sorgfältigem Abwägen kann ich viel besser eine kritische Entscheidung am Schluss dieser Stunde fällen. Ich nenne das „Die tiefe Stunde“. Darin ziehe ich mich 60 Minuten an einen Ort zurück, wo ich ungestört bin, ohne Smartphone, Chatbot oder andere Kommunikationsmittel. So entziehe ich mich der Geschwindigkeit des Alltags, bleibe stehen und konzentriere mich auf das, was jetzt gerade wichtig ist. Das kann ein unglaublich beglückender Prozess sein. (Wie das Konzept der „tiefen Stunde“ funktioniert, siehe unten)
Da werden viele sagen: Eine ganze Stunde, wo soll ich die in meinem durchgetakteten Tag hernehmen?
Am Anfang ist eine ganze Stunde vielleicht viel. Man kann auch mit 15 bis 30 Minuten anfangen und sich steigern. Entscheidend ist, dass man erlebt: Wenn ich in Ruhe in etwas versinke, entsteht das Gefühl, es verstanden zu haben, es bewältigt zu haben, etwas geschaffen zu haben, geistig oder letztendlich auch handwerklich. Das ist geistige Mündigkeit. Diese Autonomie fördert den Geist und macht gleichzeitig sehr glücklich.
"Die Tiefe Stunde" – so nutzt du sie
In seinem Buch „Kopf frei“ empfiehlt Volker Busch täglich eine sogenannte Tiefe Stunde. Das Konzept soll helfen, sich für einen festen Zeitraum von der digitalen Reizüberflutung zu befreien. 60 Minuten seien sinnvoll, wenigstens für den Start genügten aber auch 15 bis 30 Minuten, so Busch. Entscheidend ist, Kommunikationskanäle wie Telefon, E-Mail oder Messenger abzuschalten. Auch die Wahl eines Ortes, an dem man ungestört ist, kann den Effekt der Tiefen Stunde verstärken.
Busch unterscheidet drei Varianten der Tiefen Stunde:
1. Die Tiefe Stunde der Selektion: Hier steht die Stärkung der Aufmerksamkeit im Mittelpunkt. Nimm dir einmal täglich 15 bis 30 Minuten Zeit und beobachte ganz bewusst deine Umgebung und Mitmenschen – zum Beispiel im Büro, in einem Park oder Café. Achte auf Kleinigkeiten, wähle Dinge bewusst aus, betrachte sie und aufmerksam und höre genau hin. So trainierst du dein Erinnerungsvermögen. „Die Schärfung der Wahrnehmung ist ein effektives Hirndoping“, schreibt Busch.
2. Die Tiefe Stunde der Konzentration: Wer sich nur auf eine einzige anspruchsvolle Aufgabe fokussiert, verbessert sein logisches Denken, die Merkfähigkeit und das allgemeine Verständnis, so Busch. Konzentriere dich hierfür 60 Minuten täglich auf eine Sache . Das kann das Ausarbeiten der Unternehmensstrategie sein oder das Lesen eines Fachbuchs. Wichtig ist, dass es keine oberflächlichen Alltagsaufgaben wie E-Mail-Ablage sind, sondern wirklich anspruchsvolle Tätigkeiten. Sonst bleibt der Effekt aus. Wem 60 Minuten zu viel sind, kann mit 30 oder 45 Minuten beginnen.
3. Die Tiefe Stunde des Abschweifens: Lass deinen Gedanken ungestört freien Lauf und versuche nicht, sie zu steuern. Laut Busch kommt man so mitunter auf gute Einfälle. Zum Beispiel eine Idee für ein Geburtstagsgeschenk für einen geschätzten Menschen oder die Entscheidung darüber, ob die Firma eine große Summe investieren soll. Das Abschweifen wird so zur Quelle von Kreativität. Busch rät, mit einer Zerstreuungszeit von 30 Minuten täglich zu beginnen und sich danach zu steigern.
