Preisdruck durch KI
„Mehr Leistung für gleiches Geld ist eine Preissenkung“

KI beschleunigt Wissensarbeit. Was passiert mit Honorarsätzen, wenn für dieselbe Leistung weniger Arbeitszeit nötig ist? Anwalt und KI-Experte Chan-jo Jun erklärt, wo er Preisdruck erwartet.

3. November 2026, 15:16 Uhr , von Julia Poggensee

Das Wort "Price" mit Bausteinen geschrieben, Hand setzt einen Baustein mit einem grünen und einem roten Pfeil daneben
© AKart Design/ AKart Design/Getty Images

Herr Jun, was macht KI mit Preisen für anwaltliche Leistungen?
Die Stundensätze sinken nicht. Aber in bestimmten Bereichen bekommt man mehr Leistung für sein Geld. Ein Anwalt, der drei Stunden ohne KI arbeitet, ­produziert vermutlich weniger als ein Anwalt, der in derselben Zeit KI sinnvoll einsetzt. Insgesamt gibt es also eine Effizienzsteigerung. Letztlich bedeutet das: Mehr Leistung für das gleiche Geld. Und das ist im Grunde bereits eine Preissenkung.

Chan-Jo Jun

Chan-jo Jun ist Gründer der Kanzlei Jun Legal GmbH, die sich auf IT-Recht, gewerblichen Rechtsschutz und Datenschutz, KI-Compliance sowie Social Media spezialisiert hat. Zudem ist er unter anderem Mitglied des Ausschusses IT-Recht der Bundesrechtsanwaltskammer. 

Was geht denn schneller und wird dadurch günstiger?
Vor allem Aufgaben, bei denen bereits klar ist, was der Mandant erreichen möchte. Zu verstehen, welches Problem er hat, was ihm wichtig ist und welche Lösung für ihn sinnvoll ist, bleibt dagegen menschliche Beratungsarbeit. Aber wenn das Ziel feststeht, kann die juris­tische Umsetzung deutlich schneller werden. Einen Vertrag nach bestimmten Vorgaben zu erstellen oder einen bereits entwickelten Plan in Rechts­sprache zu übersetzen, wird durch KI massiv billiger.

Anzeige
Weihnachten umdenken: Schenken, was wirklich hilft
Weihnachten umdenken: Schenken, was wirklich hilft
Mit einer Unternehmensspende an Ärzte ohne Grenzen unterstützen Sie mit ihrer Firma unabhängige medizinische Nothilfe.

Was bedeutet das für die klassische Abrechnung nach Stunden?
Viele sprechen in diesem Zusammenhang vom Ende der „Billable Hour“. ­Gemeint ist das klassische Modell, bei dem eine Kanzlei die für ein Mandat aufgewendete Arbeitszeit erfasst und dem Mandanten nach Stundensatz ­berechnet. Wenn KI dafür sorgt, dass für dieselbe Aufgabe weniger Arbeitsstunden nötig sind, kann die Kanzlei entsprechend weniger Stunden in ­Rechnung stellen.

Manche hoffen, das durch höhere Stundensätze ausgleichen zu können. Ich halte das für naiv. Wenn ein Anwalt dank KI beispielsweise nur noch fünf statt zehn Stunden für dasselbe Ergebnis benötigt, wird der Mandant kaum bereit sein, für diese fünf Stunden ­einfach doppelt so viel zu bezahlen. Vielleicht kann der eine oder andere ­höhere Preise durchsetzen, aber grundsätzlich wird das schwierig.

Was könnte eine Alternative zum Stundenhonorar sein?
Es gibt einen gewissen Trend zurück zu Pauschalen. Nehmen wir eine Vertragsprüfung: Der Mandant ist daran gewöhnt, dass sie einen bestimmten Betrag kostet, weil früher entsprechend viele Stunden darin steckten. Jetzt kann ich versuchen, ihm das gleiche Produkt für eine Pauschale zu verkaufen. Ich trage das Risiko, falls es länger dauert, kann aber im Gegenzug die Effizienz­gewinne einstreichen.

Anzeige
Geschäftsreisen effektiv planen
Geschäftsreisen effektiv planen
Wer Buchung, Mobilität, Absicherung und Abrechnung clever aufeinander abstimmt, schafft mehr Raum für das eigentliche Ziel der Reise.

Können Kanzleien diese Effizienz­gewinne dauerhaft behalten?
Das kann eine Zeit lang funktionieren. Irgendwann werden aber auch die Pauschalen vergleichbar. Dann stellen Mandanten möglicherweise fest, dass bestimmte Preise zu hoch sind. Solange es genügend Anwälte und Angebot auf dem Markt gibt, wird KI meiner Ansicht nach Druck auf die Preise erzeugen.

Gibt es Vergütungsmodelle, mit ­denen Firmen von KI profitieren?
Ja. Die Abrechnung nach Gegenstandswerten. Wenn ich beispielsweise für ­einen arbeitsgerichtlichen Kündigungsprozess einen festen, vom Gegenstandswert abhängigen Betrag erhalte und durch KI deutlich weniger Zeit benötige, kann ich den Effizienzgewinn selbst behalten.

Wird menschliche Beratung damit zum Premiumprodukt?
Das kann ich mir vorstellen. Vielleicht nimmt die Bereitschaft gar nicht ab, für menschliche Leistungen weiterhin Stundensätze von 300 oder 400 Euro zu bezahlen. Möglicherweise steigt sie sogar. Es wäre denkbar, dass Menschen die eigentliche rechtliche Problem­lösung zunehmend von KI erledigen lassen, sich die strategischen Über­legungen aber weiterhin von Menschen holen.

Könnte KI die Preise für erfahrene Anwälte sogar steigen lassen?
Durchaus. Wenn Kanzleien weniger Nachwuchs ausbilden, weil KI Einstiegsjobs ersetzt, fehlen in einigen Jahren die Erfahrenen. Weniger Angebot bedeutet höhere Preise – der Markt regelt das, aber nicht schmerzlos.

Was bleibt dann der besondere Wert des Anwalts?
Gerade bei komplexen Konstellationen kann menschliche Erfahrung wichtig bleiben. Wenn es viele Beteiligte gibt und man eine Strategie entwickeln muss – in welcher Reihenfolge spiele ich welchen Zug oder welches Rechtsmittel aus? –, ist das nicht gut standardisiert. Dafür gibt es häufig kein Lehrbuch. Man braucht Erfahrung oder Intuition.

Alle Texte der Titelstory

Prozesse mit KI automatisieren
So wurde aus einem internen Problem ein Geschäftsmodell
KI kann Unternehmen bedrohen – aber auch die Basis für eine Ausgründung sein. Artem Axt erzählt, wie in seiner Solarenergie-Firma Ultravoltaik aus digitalisierten Prozessen eine Geschäftsidee wurde.

KI als Geschäftsmodell
Sich neu erfinden mit KI
Die Inhaber des Callcenter-Betreibers TDM erkannten früh, dass KI ihrer Firma die Basis entzieht. Also machten sie Voicebots zum Kern ihres neuen Geschäftsmodells. Ein Lehrstück über Transformation.

Beratung skalieren mit KI
Beratungsleistungen digitalisieren: Wie es gelingt und wo die Grenzen liegen
Praxisbericht: Der Hamburger Paartherapeut Eric Hegmann berichtet, wie er seinen KI-Avatar entwickelt hat – und ein Experte ordnet ein, was andere Beratende sich abschauen können.