Unternehmen Die Weltmarktführer von Hohenlohe

Hinter den Bergen im tiefen Wald irgendwo im Süden Deutschlands gibt es ein Tal, wo die Weltmarktführer zu Hause sind. Warum gerade da?

Weinberge in sattem Grün, goldgelbe Strohballen auf sanft geschwungenen Feldern, in den Tälern wie hingewürfelt Dörfer mit rostroten Hausdächern und spitzen Kirchtürmen. Einen Fürsten gibt es hier und Burgen, die Weibertreu oder Friedrichsruhe heißen: ein Landstrich nördlich von Heilbronn im fränkischen Teil Württembergs. Eine Schafherde trottet langsam, sehr langsam über die Straße. Und hinter der nächsten Kurve taucht plötzlich ein Schornstein auf, daneben noch einer. Gegenüber ein dritter.

In den scheinbar verschlafenen Hohenloher Tälern, an Kocher und Jagst, reiht sich Unternehmen an Unternehmen. Geballte Industriemacht hat sich in dem Idyll versteckt: Würth zum Beispiel, berühmtester aller Hohenloher Namen. Der Spezialist für Montage- und Befestigungsmaterial mit Milliardenumsatz sitzt in Künzelsau, hat 60.000 Mitarbeiter in 84 Ländern. Konkurrent Berner ist ebenfalls im Schrauben- und Werkzeuggeschäft. Oder EBM-Papst. In Mulfingen machen sie seit Jahrzehnten Motoren, Ventilatoren und liegen international vorn. Auch Mustang-Jeans kommen aus Hohenlohe. Das sind die Großen, doch es gibt auch Hornschuch (Folien, Beläge und Kunstleder), Gemü und Bürkert (Mess- und Regelinstrumente) und Kriwan (Sensoren) – sie alle sind in ihren Nischen extrem erfolgreich, produzieren in der fränkischen Provinz für die ganze Welt. In keinem anderen Landkreis der Republik sitzen, gemessen an der Einwohnerzahl, derart viele Weltmarktführer wie in Hohenlohe, so die Berechnungen von Bernd Venohr, Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Rund 1500 Weltmarktführer hat er in ganz Deutschland ausgemacht. Sie gehören zu den top drei auf dem Weltmarkt, sind Technologie- und Innovationsführer, häufig Familienunternehmen und vereinen das Beste aus zwei Welten: Sie sind flexibel wie Mittelständler und professionell wie Konzerne. „In der Region arbeiten sie zusammen, auf dem Weltmarkt sind sie oft harte Konkurrenten“, sagt Venohr.

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Deutschlandmeister Hohenlohe. Was macht die Region, deren Namen kaum einer kennt, so erfolgreich?

„Es hängt immer an den Personen“, sagt Peter Kirchner, Wirtschaftsgeograf an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Der Professor hat jahrelang zur Industriedynamik der Region Heilbronn-Franken geforscht, die außer der Hohenlohe noch drei weitere Landkreise umfasst. „In der Hohenlohe haben sie es geschafft, innovative technische Produkte auszutüfteln und im Markt unterzubringen“, so Kirchner.

Typen wie Reinhold Würth. Niemand steht so für den Aufstieg der Hohenlohe wie er. Begonnen hat der, den sie hier noch immer den Schraubenkönig nennen, mit einem Schubkarren voller Eisenwaren. Heute ist seine Gruppe ein Weltkonzern und Reinhold Würth Milliardär: das personifizierte deutsche Wirtschaftswunder.

Alfred Sefranek hat alles von Anfang an mitbekommen. Er ist 90 Jahre alt, hat früher bei Würth um die Ecke gewohnt, ist Gründer der Textilfirma Mustang und der Mann, der die Jeans nach Europa geholt hat. Auch so eine Hohenloher Geschichte. Jetzt sitzt er braun gebrannt an seinem Wohnzimmertisch vor einem Schweineschnitzel und erinnert sich. „Eine kleine Schraubenhandlung war das in den 50ern, das habe ich gar nicht so richtig ernst genommen, er selbst wahrscheinlich auch nicht.“ Sefranek lacht sein schallendes Lachen. Aber Würth, das sei immer schon einer mit „dem richtigen Feeling“ und guten Ideen gewesen. Damals zum Beispiel wartete der junge Würth nicht auf die Handwerker, sondern fuhr mit seinen Schrauben zu ihnen. Eine simple Idee, doch eine, die einschlug: Direktvertrieb ist noch immer das Fundament der Firma. Ebenso wie die Verkäufer, auch da hat Würth ein Händchen: „Er hat einen eingestellt ohne Schulbildung, den hätte ich nie genommen. Das ist sein bester Verkäufer geworden“, erzählt Sefranek. Dazu kommen die typisch Würth’schen Anreizsysteme: Superautos für Superverkäufer – läuft es mal nicht so, wird der BMW schnell zum Golf. Die Besten der Besten dürfen zur Belohnung verreisen: damals nach Italien, heute bis in die Karibik.

Die grauen Hallen der Würth GmbH thronen in der Hochebene von Gaisbach. In Sichtweite in Garnberg sitzt Würths ehemaliger Angestellter Albert Berner mit seiner Firma. Die beiden sind vor mehr als 60 Jahren in eine Klasse gegangen, gemeinsam mit EBM-Papst-Gründer Gerhard Sturm (siehe Interview ab Seite 44). „Man sagt nicht umsonst, Konkurrenz belebt das Geschäft“, sagt Würth, „wir wären wahrscheinlich beide nicht so weit gekommen, wenn wir nicht so nah aufeinandersitzen würden.“

Konkurrenz direkt gegenüber

Sie gleichen sich, diese Hohenloher Geschichten: Immer steigt einer irgendwo aus, gründet was Eigenes, gern genau gegenüber, bei Gemü und Bürkert war das so. Der Konkurrenzkampf ist eröffnet, aber meistens werden vorher Regeln abgemacht, damit alles schön sportlich bleibt. Würth und Berner haben sich versprochen, keine ehemaligen Mitarbeiter des anderen einzustellen. „Typische Clusterdynamik“, nennt das Wirtschaftsgeograf Kirchner, „Mitarbeiter erwerben Wissen, mit dem sie sich selbstständig machen.“ Aus einer Firma bilden sich neue, drum herum siedeln sich die Zulieferer an. Nichts, was nur in Hohenlohe passiert. Doch nirgendwo sonst in Deutschland gibt es so viele Cluster auf so engem Raum, und nirgendwo sonst betreiben sie das Spielchen mit so viel Hingabe.

„Die Art des Zusammenlebens befruchtet“, meint Helmut Jahn, seit mehr als 20 Jahren Landrat von Hohenlohe, mit 110.000 Einwohnern der kleinste Landkreis in Baden-Württemberg. Die Arbeitslosenquote liegt bei gerade mal 3,8 Prozent, die Scheidungsrate seit Jahrzehnten unter dem Landesdurchschnitt. Das Erbrecht sprach früher den gesamten Besitz dem ältesten Sohn zu, alle anderen gingen leer aus. „Die mussten also die Ärmel hochkrempeln und was tun“, sagt Steffen Schoch, Wirtschaftsförderer der Region Heilbronn-Franken, zu der auch die Hohenlohe gehört. Es ist eine enge, wertkonservative Welt. Bodenständig, in der Region verwurzelt, strebsam und schlitzohrig ist der typische Hohenloher, sagen die, die zugezogen sind.

Ventilatoren auf der grünen Wiese

Lange war die Hohenlohe ein vergessener Landstrich. Einst eigenständiges Fürstentum, bis Napoleon sie 1806 Württemberg zuschlug. Die Gegend war bis Ende des Zweiten Weltkriegs agrarisch geprägt, „Kornkammer und Gastarbeiterreservoir“, wie Landrat Jahn sagt. Während anderswo längst Großhäfen und Bergwerke gebaut wurden, bestellten sie in den beschaulichen Hohenloher Tälern weiter im Rhythmus der Jahreszeiten die Felder. Bis zur großen Krise der Landwirtschaft in den 60ern. Plötzlich stand ein riesiges Potenzial an Arbeitern für die neuen, wachsenden Industrien bereit. „Das waren ehemals selbstständige Landwirte, unternehmerisch denkende, sehr fleißige Menschen“, sagt Jahn. Das Wirtschaftswunder verwandelte Deutschland in eine Boomnation, die Voraussetzungen in der Hohenlohe hätten nicht besser sein können: Es gab Arbeitskräfte, aber keine Altlasten wie anderswo die sterbende Stahlindustrie. „Die große Spielwiese war offen. Die Unternehmer konnten ihre Ideen verwirklichen, dazu kam der wachsende Markt“, sagt Experte Kirchner.

Gerhard Sturm hatte damals den richtigen Riecher. 1963 gründete er seine Ventilatorenfirma EBM-Papst. Da musste er sich gegenüber dem Wirtschaftsminister des Landes noch verpflichten, nicht mehr als 85 Mitarbeiter einzustellen, schließlich sollten die Leute da ja noch Felder bestellen und Äcker pflügen. „Ein paar Jahre später waren alle froh, dass wir Arbeitsplätze hatten“, erzählt Sturm heute. Er hatte in den 50ern als Techniker bei der Ventilatorenfirma Ziehl-Abegg in Künzelsau begonnen. Die hatte in Berlin gesessen, war im Krieg ausgebombt worden und in die fränkische Provinz gezogen. Nicht der einzige Nachkriegszuzügler, aus dem sich vor Ort eine ganze Industrie entwickelt hat: R. Stahl etwa hat es aus Stuttgart nach Hohenlohe verschlagen.

Die „Ventilatoren-Mafia“ von Hohenlohe

Sein ehemaliger Chef Heinz Ziehl unterstützt Sturm damals bei der Gründung. Sie bauen auf der grünen Wiese in Mulfingen, Sturm nimmt 35 Mitarbeiter von Ziehl-Abegg mit. Es ist der Beginn von dem, was sie heute in der Hohenlohe die „Ventilatoren-Mafia“ nennen. Zehn Hersteller sitzen mittlerweile in der Region, dazu noch einmal so viele Zulieferer von Blech- und Kunststoffteilen. Sturm, Ziehl und andere erkannten damals, dass der kleine Außenläufermotor eine ziemlich große Sache war. Wer genau den ausgeheckt hat, da ist man sich heute nicht mehr so einig. Klar ist aber, er ist eine Revolution: kleiner, besser und weniger wartungsintensiv als sein Gegenstück, der Innenläufer, wird er zum Ventilatorenantrieb schlechthin. Der Markt wächst und wächst und wächst: In den 50er-Jahren wollen alle Raumlüfter und Dunstabzugshauben, heute braucht jeder Computer eine Kühlung.

Die Region ist reich an Weinbergen, doch arm an Rohstoffen. Und Not macht erfinderisch, Christian Bürkert zum Beispiel. 1945, als junger Ingenieur, baut er in Ingelfingen auf dem Bauernhof seines Vaters einen Brutapparat, auf dass darin die Hühnchen schneller wachsen und gedeihen, die den amerikanischen Besatzungssoldaten so schmecken. Dafür entwickelt Bürkert eigens einen Temperaturregler. Der Grundstock ist gelegt, in den 50ern gelingt der Einstieg in die Massenproduktion mit Waschmaschinenventilen. Heute führt Venohr die Firma als Weltmarktführer für Mess-, Steuer- und Regeltechnik.

Wie aber locken Unternehmen wie Bürkert qualifiziertes Personal in die Provinz? Die High Potentials gehen nach dem Studium zu Konzernen nach München oder Stuttgart, nicht zum Mittelständler nach Ingelfingen oder Weißbach. Bürkert hilft neuen Mitarbeitern deshalb bei der Kindergartenplatzsuche, organisiert Pflegeplätze für ältere Angehörige, andere Unternehmen kümmern sich um Baugrundstücke oder bringen Partner im Betrieb unter. „Auch mit flachen Hierarchien und besseren Aufstiegsmöglichkeiten locken Mittelständler in die Provinz“, sagt Marcel Megerle, der für die Unternehmensberatung Weissman eine Weltmarktführerplattform ähnlich der Venohrs recherchiert hat. Das Problem Fachkräftemangel bleibt: Wirtschaftsförderer Schoch zählt für die Region Heilbronn-Franken 6500 freie Stellen, 1600 davon für Akademiker.

„Das können wir hier nicht nach Schema F machen wie in den Metropolen, da müssen wir uns was einfallen lassen“, sagt er nachdenklich, während er einen schwarz glänzenden Audi durch die Hohenloher Lande steuert. Dann tritt er hart auf die Bremse. Schafe auf der Straße, schon wieder.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 10/2010.

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