Perfektionismus Wann wird Perfektion zum Risiko?

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Ins Schwarze - beziehungsweise Rote - getroffen: Wer alles andere als Versagen empfindet, leidet unter krankhaftem Perfektionismus.

Ins Schwarze - beziehungsweise Rote - getroffen: Wer alles andere als Versagen empfindet, leidet unter krankhaftem Perfektionismus.© dziewul / Fotolia.com

Perfektionismus spornt manche Menschen zu Höchstleistungen an, andere treibt er in den Burnout. Wie viel ist gesund – und sinnvoll? Und wie kann man Perfektionismus überwinden, wenn er zur Last wird?

Ist Perfektionismus per se ungesund?

„Es gibt zwei Arten von Perfektionismus: gesunden und ungesunden“, sagt die Psychologin Christine Altstötter-Gleich. In der Forschung nennt man diese beiden Typen funktionalen und dysfunktionalen Perfektionismus.

„Funktionale Perfektionisten haben hohe Standards“, erklärt Altstötter-Gleich. „Wenn mal was schief geht, können sie das aber akzeptieren.“ Und: Sie können sich über ihre Erfolge freuen. „Der krankhafte Perfektionist hingegen ist übermäßig kritisch.“ Allein der Gedanke, er könnte etwas falsch machen, bringt seinen Puls zum Rasen. Passiert ihm auch nur der kleinste Fehler, fühlt er sich als Versager – und malt sich mögliche Konsequenzen in den schwärzesten Farben aus: „Zum Beispiel, dass ihn die Leute nicht mehr achten, weil er einen Fehler gemacht hat“, wie Altstötter-Gleich sagt.

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Wie kann Perfektionismus Unternehmern schaden?

Schon die gesunde Form des Perfektionismus kann für Unternehmer zum Problem werden: Perfektionisten fällt es oft schwer, Aufgaben zu delegieren – aus Angst, die Mitarbeiter könnten ihre übersteigerten Ansprüche nicht erfüllen. „Weil sie selbst so hart zu sich sind, neigen sie außerdem zum Überreagieren, wenn anderen ein kleiner Fehler passiert“, sagt Altstötter-Gleich. Das kann Mitarbeiter demotivieren und einschüchtern.

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Desweiteren verwenden Perfektionisten oft unnötig viel Zeit auf eine Aufgabe. Die Folge: Andere wichtige Aufgaben bleiben liegen. Nach dem Pareto-Prinzip lässt sich ein 80-prozentiges Ergebnis aber schon mit 20 Prozent Einsatz erreichen.

Richtig gefährlich ist allerdings der dysfunktionale Perfektionismus – nicht nur für den Unternehmenserfolg, sondern vor allem auch für die Gesundheit der Betroffenen.

Welche gesundheitlichen Gefahren drohen bei krankhaftem Perfektionismus?

Besonders häufig erleiden Perfektionisten einen Burnout. Kein Wunder, sagt Altstötter-Gleich: Das Streben, Außergewöhnliches zu leisten, dazu die ständige Angst, einen Fehler zu machen – das belastet. „Körper und Geist können sich irgendwann nicht mehr erholen.“ Die Folgen: Erschöpfungssyndrom, Depressivität und Burnout. Auch das Risiko für Essstörungen steigt, vor allem bei jungen Frauen.

Welche Symptome deuten auf krankhaften Perfektionismus hin?

Wer fürchtet, krankhaft perfektionistisch zu sein, solle sich fragen: „Wann mögen mich eigentlich Menschen?“, rät Altstötter-Gleich. „Ist die einzige Antwort, die einem einfällt: ‚Wenn ich alles gut und richtig mache‘, ist das ein Zeichen für dysfunktionalen Perfektionismus.“ Betroffene machen ihr Selbstwertgefühl von der eigenen Perfektion abhängig – und scheitern. Denn gleichzeitig wissen sie genau: Nie einen Fehler zu machen, das ist unmöglich. Da Perfektionisten fürchten, für ihre Fehler verachtet zu werden, ziehen sie sich oft zurück – aus Angst, andere zu enttäuschen.

Weitere typische Symptome: Betroffene können sich über ihre eigenen Erfolge nicht freuen. Nachts liegen sie oft wach, grübeln stundenlang über ihre Aufgaben und darüber, was schief gehen könnte.

Wie lässt sich Perfektionismus überwinden?

Nicht immer ist gleich eine Therapie nötig, um den eigenen Perfektionismus zu bekämpfen. „Beschäftigen Sie sich damit, was Sie entspannt und erholt“, rät Christine Altstötter-Gleich. Gerade Selbstständige und Unternehmer nähmen sich dafür oft nicht die Zeit, dabei ist dies für sie besonders wichtig – schließlich sagt ihnen kein Chef, wann sie Feierabend machen sollen. Da Nichtstun vielen Perfektionisten schwer fällt, kann aktive Erholung eine Lösung sein: etwa Sport, ein Treffen mit Freunden oder ein Spaziergang mit dem Hund. Weitere Ideen finden Sie in unserem Artikel: „Abschalten lernen: 10 Tipps, wie Sie nach der Arbeit den Kopf freibekommen“.

„Fragen Sie sich außerdem: Wer erwartet tatsächlich von mir, dass ich perfekt bin?“, sagt Altstötter-Gleich. Nur die wenigsten Menschen erwarten ständig Höchstleistungen – im Gegenteil, betont die Expertin: Menschen, die nicht perfekt sind, sind häufig besonders beliebt: Sie geben uns das Gefühl, dass auch wir noch gemocht werden, wenn wir mal einen Fehler machen.“ Sich das bewusst zu machen, tue Perfektionisten „unheimlich gut“.

Eine Therapie kann sinnvoll sein, wenn der Perfektionist sich von seinem krankhaften Ehrgeiz chronisch gestresst fühlt. Denn das hohe Stresslevel belastet nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Familie oder den Partner – und kann einer Studie zufolge sogar zu einer geringeren Lebenserwartung führen.

Was sind die Ursachen für Perfektionismus?

Wer viel leistet, erhält viel Anerkennung – das wissen wir schon seit der Schulzeit. „Wer eine Zwei hatte, konnte zwar zufrieden sein. Er hat aber immer gesehen, dass diejenigen mit einer Eins noch ein bisschen mehr gelobt wurden“, sagt Altstötter-Gleich. „Die Einser-Schüler haben später die besseren Studienplätze bekommen, die besseren Ausbildungsplätze.“

Eine prägende Erfahrung – und doch werden nur einige Kinder als Erwachsene dysfunktionale Perfektionisten. Warum? „Nach heutigem Stand der Forschung haben diese Menschen in ihren Elternhäusern gelernt, dass es ganz schlimm ist, einen Fehler zu machen.“ Die Folge: Die Kinder versuchen, um jeden Preis perfekt zu sein – in der verzweifelten Hoffnung, Anerkennung und Zuwendung zu bekommen. Doch das gelingt ihnen selten; denn laut Altstötter-Gleich herrscht in den Elternhäusern krankhafter Perfektionisten häufig emotionale Kälte.

Was sollten Chefs im Umgang mit Perfektionisten beachten?

Perfektionistische Mitarbeiter müssen für Unternehmer nicht zum Problem werden, sagt Altstötter-Gleich: „Diese Mitarbeiter können unheimlich viel leisten. Damit sie das können und nicht krank werden dabei, ist es aber wichtig, dass man ihnen klare Strukturen und Standards vorgibt. Und sie unbedingt kräftig loben für alles, was sie gut machen.“ Mehr Praxistipps finden Sie in unserem Artikel: „So führen Sie Perfektionisten richtig“.


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