Nicole Basel leitet als Chefredakteurin von impulse die 20-köpfige Redaktion. Ihre Überzeugung: Niemand kommt als perfekte Führungskraft auf die Welt, aber jeder kann an sich arbeiten. An dieser Stelle schreibt sie über Fragen, die sie als Chefin beschäftigen. Mit ihrem Newsletter „Erfolgreich Führen" erreicht sie jede Woche 18.000 Menschen – und teilt dort offen Fehler, Erfolgserlebnisse und Erfahrungen.
Vor einigen Jahren habe ich Manfred Maus interviewt, den Gründer der Baumarkt-Kette Obi. Zwei Erkenntnisse sind seither für ewig in mein Hirn eingebrannt. Erste Erkenntnis: Obi kommt vom Wort Hobby. Wenn man Hobby französisch ausspricht, fällt das H weg. Et voilà: Obi. Zweite Erkenntnis (und ungleich wichtiger): Selbst der größte Erfolg fühlt sich schlecht an, wenn man dafür seine Werte verraten musste.
Kleine Entscheidungen, die eine große Frage aufwerfen
Vor vielen Jahren wollte Obi nach Russland expandieren. Der Baumarkt war schon gebaut, da verweigerten die Behörden plötzlich die Genehmigung. Die Eröffnung drohte zu platzen, wenn kein Geld gezahlt wurde. Manfred Maus ließ zu, dass gezahlt wurde. Als wir sprachen, war das lange her. Trotzdem konnte man ihm noch anmerken: Die Sache nagte an dem Mann.
Wer ein Unternehmen führt, wird ständig getestet: Halte ich an der lukrativen Kundin fest, die mein Team respektlos behandelt? Biete ich dem stillen Mitarbeiter, der nie fragt, trotzdem mehr Gehalt – weil es fair wäre? Lasse ich Freunde gefällige Referenzen schreiben? Male ich Erfolgsgeschichten im Marketing ein bisschen größer, als sie waren? Kleine Entscheidungen, jede einzelne scheinbar harmlos. Und doch ist jede eine Antwort auf eine wichtige Frage: Wer bin ich eigentlich, wenn niemand zuschaut?
Wer gegen seine Überzeugungen handelt, bezahlt einen hohen Preis
Eine Bekannte, die eine Strandbar betreibt, erzählte letztens, wie sie dafür belächelt wird, dass sie alle Einnahmen versteuert. Wer an seinen Werten festhält, wird oft für naiv gehalten. Dann heißt es schnell: „Das machen doch alle.“ Oder: „Warte mal ab, bis es nicht mehr so gut läuft. So viel Moral muss man sich auch leisten können.“ Und klar: Wer keine Grenzen hat, kann oft mehr erreichen.
Und wenn man sieht, wie andere, die es nicht so genau nehmen, wachsen, Erfolge feiern und vorankommen, kann man sich schon fragen: Bin ich zu anständig? Zu spießig? Ein wenig weltfremd vielleicht? Ich glaube: Nein. Nicht aus moralischer Überheblichkeit. Sondern weil es etwas kostet, wenn man es anders macht.
Man kann Millionen verdient haben. Aber was ist dieser Erfolg noch wert, wenn er auf unfairen Deals, Wegsehen und Entscheidungen beruht, die man dem eigenen Team nicht erklären könnte? Was bleibt, wenn man irgendwann zurückschaut und weiß: Damals habe ich mich selbst verraten?
Der Preis für Integrität ist manchmal hoch. Aber den Verlust von Integrität bezahlt man teurer.
