impulse: Philipp, du beschäftigst dich intensiv mit dem Thema Ärger. Machst du auch die Erfahrung, dass es im Alltag immer mehr Grund gibt, sich zu ärgern?
Philipp Karch: Nein. Weil ich gelernt habe, dass nicht die anderen der Anlass für Ärger sind, sondern wir selbst!
Wie bitte? Aber ich bin doch nicht die, die in jedem Meeting genervt guckt – es ist eine Mitarbeiterin! Und nicht ich drücke dreist die Preise, sondern mein Kunde!
Schon klar. Aber du bist es, der mit einem Rucksack an Erwartungen durch den Tag gehst: wie andere sich dir gegenüber zu verhalten haben, wie der Tag ablaufen wird, was du abends alles erreicht haben willst. Das Problem: Mit all diesen Erwartungen machen wir uns abhängig von anderen Menschen und äußeren Bedingungen. Passen Vorstellung und Realität dann nicht zusammen – was ständig passiert –, ergibt das jedes Mal eine Gelegenheit, sich zu ärgern.
Wenn ein Sonntagsfahrer vor mir herschleicht: Warum ist meine Erwartung, angemessen ein Auto zu steuern, das Problem – und nicht diese unachtsame Fahrweise …
… zumal, wenn der Sonntagsfahrer auch noch montagmorgens unterwegs ist, du ein dringendes Meeting hast und wegen dieses vermeintlichen Idioten zu spät kommst?
Genau!
Ich bleibe dabei: Deine Erwartungen sind das Problem. Jeder von uns ist unterschiedlich, hat verschiedene Vorstellungen davon, was anständig ist, wann man sich wie zu verhalten hat. Dazu kommen die vielen äußeren Bedingungen, die wir nicht vorhersehen und beeinflussen können. Deshalb ist es einfach unklug, davon auszugehen, dass jeder sich so verhalten wird, wie wir das gern hätten. Sich diese Erwartungen bewusst zu machen, ist der erste – und wichtigste – Schritt, um sich weniger zu ärgern.
Philipp Karch arbeitet als Coach und Trainer und bringt Führungskräften bei, wie sie Mitarbeitergespräche souverän gestalten, rhetorisch gekonnt präsentieren – und natürlich, wie sie sich weniger ärgern. Tipps und Strategien dazu erklärt er außerdem in seinem Buch: „Was mich ärgert, entscheide ich! Konflikte klug bewältigen“ (BusinessVillage, 24,95 Euro).
Und wie geht das genau?
Sei so konkret wie möglich. Beispiel: die Fahrt ins Büro. Du gehst davon aus, dass auf der Straße täglich alles so läuft wie im Idealfall. Obwohl du aus Erfahrung weißt, dass bei etwa 99 von 100 Fahrten Unvorhergesehenes passiert, das dich Zeit kostet. Wenn du dir das klarmachst und deine Morgenroutine so änderst, dass du 15 Minuten früher startest, wirst du gelassener auf jeden Sonntagsfahrer blicken.
Okay. Und was kann ich noch tun, um mich weniger zu ärgern?
Sich eine Ohnmachts-Kompetenz aneignen. Dabei hilft die schlichte Frage: Kann ich die Situation gerade ändern – oder nicht? Beispiel: Du bist morgens früher losgefahren, stehst dann aber trotzdem im Stau, weil ein Unfall passiert ist. Jetzt die Ohnmacht zu umarmen und sich zu sagen: „Okay, da ist gerade nichts zu machen“, versetzt dich in die Lage, handeln zu können, statt immer wieder „fuck, fuck, fuck“ zu schimpfen. Und ohne Schuldgefühle im Büro anzurufen und zu sagen, dass du zu spät kommen wirst, und Bescheid gibst, sobald der Stau sich aufgelöst hat.
Was mache ich, wenn ich die Situation – theoretisch – ändern könnte?
Dann betrachtest du deinen Ärger als Verbündeten, um in die Schlacht zu ziehen!
Ärger als Verbündeter – wie soll das klappen?
Beispiel: Im Meeting sitzt Herr Müller mit verschränkten Armen in der ersten Reihe und lächelt süffisant, seit du angefangen hast, die aktuellen Unternehmenszahlen zu präsentieren. Wie so oft schon gibt er damit den Querulanten. Wenn du jetzt einen hochroten Kopf bekommst, vielleicht fluchst, ausfallend wirst oder versuchst, deinen Ärger herunterzuschlucken, reagierst du nur – aus einem Gefühl von Angst und Widerstand heraus. Du wirkst aggressiv oder passiv – beides schwächt deine Position als Chef. Stattdessen solltest du deinen Ärger dazu nutzen, das Konfliktangebot dieses Mitarbeiters anzunehmen und einen starken Auftritt hinzulegen.
Klingt gut. Aber was genau soll ich denn tun, wenn ich schlicht wütend bin – und mir eben nur Flüche einfallen?
Halte kurz inne, schau Herrn Müller zwei Sekunden an – und kündige ihm dann ein Feedback zu seinem Verhalten an, etwa mit den Worten: „Ehe ich mit den Zahlen fortfahre, möchte ich kurz etwas besprechen.“
Und wie sieht das Feedback dann aus?
Beschreibe zunächst genau, was du beobachtet hast, wie Herr Müller sich verhält. Und erkläre dann, was die verschränkten Arme und das unangemessene Lächeln in dir auslösen. Etwa, dass es dich frustriert. Oder du Angst hast, dass Herr Müller gerade innerlich aus dem Meeting aussteigt. Und dass es dir ein Bedürfnis ist, konstruktiv darüber zu sprechen. Dann, am Ende, kannst du eine Bitte formulieren wie: „Dein Verhalten vermittelt mir, dass du im Widerstand bist. Wenn das so ist, sprich es bitte offen aus.“
Aber wenn ich mich derart verletzlich zeige – schwächt nicht genau das meine Position als Chef?
Sätze wie: „Gefühle haben im Geschäftsleben nichts verloren“ sind der größte Schwachsinn überhaupt. Wer in Konfliktsituationen vermittelt, dass es okay ist, auch schwierige Gefühle anzusprechen, setzt ein wichtiges Signal für eine offene Unternehmenskultur. Entscheidend ist, dass du das Gefühl beherrschst – und nicht umgekehrt. Wenn du gekonnt und gefasst über deine Wut sprichst statt von ihr getrieben auszuflippen, wirkst du souverän und entschlossen. Und gibst ein Signal an alle: „So nicht. So nicht mit mir.“
Okay. Aber jetzt kann der Mitarbeiter doch einfach sagen: „Nö, ich bin nicht im Widerstand. Alles super.“
Dann könntest du schlagfertig etwas antworten wie: „Super, dass es dir gut geht – dann bin ich ja beruhigt.“ Eine andere Strategie: Du spiegelst dem Mitarbeiter sein Verhalten, verschränkst auch die Arme, lächelst süffisant – und fragst dann, ob so jemand aussieht, bei dem alles super ist. Das Wichtige: In beiden Fällen hast du der Gruppe signalisiert, dass Mitarbeiter nicht einfach tun können, was sie wollen. Starker Auftritt statt unproduktiver Ärger! Ganz wichtig dabei: Wenn du konfrontativ bist, dann immer humorvoll-ironisch, nie verletzend-sarkastisch. Das ist der feine, aber wesentliche Unterschied zwischen einem wertschätzenden und einem destruktiven Chef.
Mehr dazu hier: Schlagfertigkeit: 11 Tipps für schlagfertige Antworten
Klappen diese Tricks immer – ärgerst du dich also gar nicht mehr?
Natürlich ärgere ich mich auch! Beispielsweise kam ich neulich stolz nach Hause, weil ich etwas vermeintlich Großartiges geschafft hatte, und erzählte meiner Frau davon. Und sie? Sagte: „Super. Und hast du an die Milch gedacht?“ Das hat mich unglaublich geärgert, ich dachte, was für eine gemeine Ehefrau!
Mich hätte das auch geärgert …
Meine Reaktion war aber kindisch! Wie ein bockiger Fünfjähriger habe ich erwartet, dass mich meine Frau noch an der Haustür lobhudelt, obwohl sie gerade etwas völlig anderes im Kopf hatte. Erwachsen wäre gewesen, dass mir die eigene Wertschätzung für mich selbst erst einmal genügt, bis wir gemütlich beisammensitzen und einer dem anderen in Ruhe etwas erzählen kann. Das Gute: Genau solche Situationen zeigen, dass Ärger uns hilft, zu lernen und uns weiterzuentwickeln. Jedenfalls dann, wenn wir die Konflikte dahinter wirklich reflektieren. Dass wir dann so gut wie nie mehr einen hochroten Kopf bekommen – ein positiver Nebeneffekt!

