Stefanie Stahl über Glaubenssätze
„Glaubenssätze prägen ein Unternehmen viel mehr, als Chefs denken“

Innere Überzeugungen können dich gefangen halten – und sogar die ganze Firma beeinflussen. Psychologin und Bestsellerautorin Stefanie Stahl erklärt, wie du sie entmachtest.

6. Oktober 2026, 18:09 Uhr, von Verena Bast, Wirtschaftsredakteurin

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Zeichnung eines Kopfes im Profil mit einer verschlossenen Gittertür darin.
© Dumitru Ochievschi / iStock / Getty Images Plus / Getty Images

impulse: Frau Stahl, manche Chefs und Chefinnen versinken im Tagesgeschäft, weil sie noch viele operative Aufgaben übernehmen. Anderen fällt es schwer zu delegieren oder sie haben das Bedürfnis zu kontrollieren, ob ihr Team alles so macht, wie sie es wollen. Was kann hinter solchen Verhaltensmustern stecken?
Stefanie Stahl: Dahinter stecken häufig Glaubenssätze wie „Ich muss alles alleine schaffen“, „Ich kann niemandem vertrauen“ oder „Niemand macht es so gut wie ich“. Oft spielt auch die große Angst vor Fehlern oder einem Kontrollverlust eine große Rolle. Solche Glaubenssätze entstehen meist schon ganz früh in der Kindheit, können aber auch später, etwa in der Pubertät, geprägt werden. Wenn ich schon als Kind gelernt habe, dass ich mich eigentlich nur am besten auf mich selbst verlasse, dann wird es mir entsprechend in der Führungsposition auch schwerfallen, mich anders zu verhalten.

Die Expertin:
Stefanie StahlStefanie Stahl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie hat mehrere Bücher darüber geschrieben, was Menschen prägt. Einige davon standen auf der SPIEGEL-Bestseller-Liste, mitunter sogar mehrmals.

Was kann die Ursache dafür sein?
Eine Ursache dafür kann sein, dass ich häufiger enttäuscht wurde – etwa, wenn Zusagen nicht eingehalten wurden oder ich mich mit Problemen weitgehend allein gelassen fühlte. Wenn ich andererseits schon als Kind gelernt habe, dass ich mich am besten sehr viel anpasse und versuche, es allen recht zu machen, dann wird mich das auch in meiner Führungsposition stark beeinflussen. In der Rolle als Chef oder Chefin kann sich das darin zeigen, dass man Konflikten ausweicht, ungern klare Grenzen setzt oder Entscheidungen hinauszögert, um niemanden zu enttäuschen.

Warum können solche Glaubenssätze so mächtig sein?
Weil sie das ganze Gehirn formatiert haben und sich auch immer weiter verfestigen. Wenn ich einen Glaubenssatz nie entmachte im Laufe des Lebens und immer wieder denke „Ich muss immer perfekt liefern“ oder „Ich muss immer die Kontrolle haben“, bestätige ich meinem Gehirn, dass es nur so geht. Und deswegen spuren sie sich immer tiefer ein.

Was passiert, wenn ich sie nicht reflektiere?
Dann bleibe ich sehr stark in meinen Mustern und Glaubenssätzen gefangen. Und dann bin ich natürlich kein freier Mensch, sondern ein Sklave meines Gehirns und meiner alten Programmierung. Diese ganzen Glaubenssätze aus der Kindheit prägen ein Unternehmen wesentlich mehr, als Chefs und Chefinnen oft denken. Sie spielen eine ganz tragende Rolle.

Etwas perfekt zu liefern, ist doch eigentlich nicht schlecht.
Es gibt viele Menschen, die einfach aus Leidenschaft nach Perfektion streben oder aus schlichter Notwendigkeit. In vielen technischen Berufen müssen viele Dinge einfach perfekt sein, damit sie funktionieren. Das Perfektionsstreben kann aber auch eine Schutzstrategie sein, um möglichst nicht auf Ablehnung zu stoßen. Genauso kann ein Macht- und Kontrollstreben eine Strategie sein, um sich selbst zu schützen. Oder das Streben nach Erfolg.

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Warum das Streben nach Erfolg?
Zuwendungen, Aufmerksamkeit und Applaus gelten ja immer den Erfolgreichen. Solche Menschen genießen in unserer Gesellschaft eine sehr hohe Anerkennung. Vor allem erfolgreiche Menschen sind allerdings eigentlich permanent auf der Flucht, in der Regel in die Arbeit. Denn da wissen sie, was zu tun ist. Sie wollen ja auch meistens höher, schneller, weiter. Dann fühlen sie sich am wohlsten. Und irgendwie kommen sie nie wirklich an und nie wirklich zur Ruhe. Solange ihre Abwehr jedoch steht und ihr Selbstschutz, können sie natürlich auch sehr lange rennen. Aber bemerkbar macht es sich dann zum Beispiel häufig in ihren Beziehungen, die immer wieder scheitern.

Wie kann man Glaubenssätze entmachten?
Sinnvoll und hilfreich ist, sich positive, neue Glaubenssätze zu machen und die alten damit zu überschreiben. Statt des Glaubenssatzes „Ich darf nicht angreifbar sein“ könnte man sich stattdessen sagen: „Ich bin auch nur ein Mensch, ich darf Fehler machen“ oder „Gut ist gut genug“. Gut ist auch die Frage: „Was kann denn schlimmstenfalls passieren?“

Wie lange kann es dauern, bis sie einen nicht mehr prägen?
Wenn man ein echtes Aha-Erlebnis hat, geht es oft relativ schnell. Man muss sich jedoch bewusst dazu entscheiden, etwas ändern zu wollen. Und man muss auch mal schlechte Gefühle aushalten können. Haben Chefs beispielsweise nicht das Gefühl, alles im Griff zu haben, sind sie häufig angespannt. Kontrollen können dann eine Erleichterung bringen. Man muss aber lernen, sich nicht von diesem Gefühl steuern zu lassen. Dann wird man erleben, dass man es aushalten kann und dass dieses Gefühl wieder verschwindet.

Was kann einem dabei noch helfen?
Sich zum Beispiel zu fragen: „Was ist sinnvoll?“ Oder: „Was sind vernünftige Argumente dagegen?“ Wenn ich merke, dass ich in gewissen Mustern gefangen bin und immer wieder an bestimmten Punkten getriggert werde, sollte ich auch darüber nachdenken: Was sind meine Trigger? Warum triggert mich das so? Welche tiefen Glaubenssätze könnten dahinterstehen? Und wie kann ich eigentlich sinnvoller reagieren? Man hat immer die Wahl, auf einen Reiz auch anders zu reagieren.

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