Introvertierte Mitarbeiter Wie Sie aus stillen Typen das Beste herausholen
Sie sind stille Zuhörer und ziehen sich gerne zurück -  introvertierte Mitarbeiter trauen sich nur selten aus ihrem Schneckenhaus heraus.

Sie sind stille Zuhörer und ziehen sich gerne zurück - introvertierte Mitarbeiter trauen sich nur selten aus ihrem Schneckenhaus heraus.© tilla eulenspiegel / Photocase.de

Unauffällig, zurückgezogen, in Meetings schweigsam: Introvertierte Mitarbeiter kann man leicht übersehen. Dabei sind sie oft die produktivsten von allen – wenn sie denn richtig geführt werden. Diese Tipps helfen dabei.

Kennen Sie ihn auch? Diesen einen Mitarbeiter, der sich in Teamgesprächen nie zu Wort meldet? Der still auf seinem Stuhl sitzt und beobachtet? Der nicht gern telefoniert und stattdessen ellenlange Mails schreibt, an denen man sich den Finger wund scrollt? Dann haben Sie es vermutlich mit einem introvertierten Menschen zu tun.

Introvertierte Mitarbeiter werden schnell übersehen – gerade wenn sie von Kollegen umgeben sind, die viel und gerne reden und auch mal einen derben Witz reißen. Dass sie sich zurückhalten, heißt aber nicht, dass sie nichts zu sagen hätten: „Introvertierte haben mehr auf dem Kasten, als sie preisgeben“, sagt Peter Krumbach-Mollenhauer, Psychologe und Führungscoach. „Sie sind eher Zuhörer. Sie glauben häufig, dass es nicht so relevant ist, was sie zu sagen haben.“ Die Folge: Wertvolles Potenzial bleibt für die Firma ungenutzt.

Doch wie können Chefs redescheue Mitarbeiter aus der Reserve locken? Wie ermutigt man sie, sich in Meetings zu beteiligen? Und wie kann man ihre Stärken nutzen?

Tipp 1: Arbeitsweise loben

Während sich geschwätzigere Kollegen über die Fußballergebnisse oder die neuste Fernsehserie verquatschen, arbeiten Introvertierte typischerweise still und konzentriert vor sich hin – Smalltalk ist eher nicht ihr Ding. „Introvertierte arbeiten oft sehr gewissenhaft und sehr konstant. Die brauchen nicht ständig Ablenkung“, sagt Peter Krumbach-Mollenhauer.

Diese Arbeitsweise, so der Coach, sollten Sie würdigen: „Introvertierte kriegen nicht so viel Aufmerksamkeit und Applaus wie Extrovertierte. In der Regel können sie Lob nicht so gut akzeptieren und sagen dann: ‚Das hätte jeder andere auch so gemacht‘ oder ‚Das gehört ja zum Job‘.“ Da gilt es als Chef, sich immer wieder zu erinnern, auch die leisen Typen zu loben.

Tipp 2: Mitarbeiter durch Fragen einbinden

In Teamgesprächen beteiligen sich Introvertierte meist wenig oder gar nicht. Sie denken, dass ihre Meinung nicht wichtig ist, sagt Krumbach-Mollenhauer. „Da muss man ihnen drüber hinweghelfen.“

Was nicht hilft: den Mitarbeiter konfrontieren. Chefs sollten nicht sagen: „Herr Müller, jetzt reden Sie doch auch endlich mal, seien Sie doch nicht immer so still.“ Dann fühlt sich der Kollege nur bloßgestellt und zieht sich vielleicht noch mehr zurück.

Besser ist es, den Mitarbeiter im Teamgespräch durch Fragen einzubinden. Zum Beispiel: „Herr Müller, was ist Ihre Meinung dazu? Wie sehen Sie das mit Ihrer Expertise?“ In der Regel hat Herr Müller dann auch was beizutragen, sagt Krumbach-Mollenhauer. „Man muss Introvertierte nur abholen.“

Lassen Sie dem Mitarbeiter dann Zeit zu antworten. Denn Introvertierte wägen oft genau ab, was sie sagen – anders als manch redseliger Kollege, der seine Meinung laut kundgibt und erst anschließend nachdenkt.

Tipp 3: Arbeitsaufträge zuweisen

Eine andere Möglichkeit: Weisen Sie dem Mitarbeiter vor einem Meeting einen Arbeitsauftrag zu. Sagen Sie ihm beispielsweise, dass er sich Gedanken über die Wochenplanung machen soll – so weiß er, dass er an der Reihe ist, wenn Sie das Thema ansprechen.

„Introvertierte springen nicht auf und sagen: ‚Super, jetzt bin ich dran‘, so wie Extrovertierte“, sagt Krumbach-Mollenhauer. Eine klare Zuweisung kann ihnen deshalb helfen, über ihren Schatten zu springen.

Tipp 4: Geduldig sein

Und wenn sich der zurückhaltende Mitarbeiter im nächsten Meeting nicht wie besprochen beteiligt? Geduld haben: Versuchen Sie ihn weiter zu ermutigen. „Das muss sich Schritt für Schritt entwickeln. Introvertierte sind keine Schnellentwickler“, sagt Krumbach-Mollenhauer.

Um einen stillen Mitarbeiter mehr zu beteiligen, können Sie auch Rollen verteilen, rät Krumbach-Mollenhauer. Machen Sie einen stillen Mitarbeiter zum Moderator. Er soll das Teamgespräch steuern und bestimmen, wer an der Reihe ist zu sprechen. Möglicherweise mag er diese Rolle nicht so gern – aber er kann in sie hineinwachsen.

Tipp 5: Wertschätzung zeigen

Meldet sich der schweigsame Mitarbeiter im Teamgespräch doch mal zu Wort, sollten Führungskräfte das würdigen – und vor allem dafür sorgen, dass er nicht unterbrochen wird. Denn womöglich hat es den Kollegen viel Überwindung gekostet, seine Meinung mitzuteilen. „Sie sollten den Beitrag wertschätzen und demjenigen das Gefühl geben, dass er ein wichtiges Mitglied des Teams ist“, sagt Krumbach-Mollenhauer.

Tipp 6: Über Telefonier-Angst sprechen

Die meisten introvertierten Menschen telefonieren nicht gern; stattdessen schreiben sie lieber E-Mails. „Ein Introvertierter ist recht konfliktscheu“, sagt Krumbach-Mollenhauer. „Er hat Angst, dass er am Telefon einem Konflikt nicht gewachsen ist, nicht schlagfertig reagiert und nicht schnell genug eine gute Antwort parat hat. Deshalb schreibt er dann unglaublich lange E-Mails, bei denen man nicht mal mehr die Betreffzeile lesen kann vor lauter Re:Re:Re:Aw:Aw.“

Angst vorm Telefonieren kann im Tagesgeschäft hinderlich sein: Wenn bei einem telefonscheuen Grafiker plötzlich alle Bildbearbeitungsprogramme streiken und er die IT-Experten per E-Mail um Hilfe bittet, kann er ewig warten – manche Dinge müssen schnell und im direkten Gespräch geklärt werden.

In so einem Fall rät Krumbach-Mollenhauer Chefs, den Mitarbeiter anzusprechen und klar zu sagen: „Du rufst da jetzt an und sprichst mit der Person. Die langen E-Mails mag keiner lesen.“ Betonen Sie, dass er viel schneller zu Ergebnissen kommt, wenn er anruft. Die Angst vorm Telefonieren kann man abbauen – wenn man telefoniert.

Tipp 7: Vormachen, wie es geht

In besonders schwierigen Situationen können Sie Ihrem Mitarbeiter das Gespräch abnehmen, sagt Krumbach-Mollenhauer. Muss Ihr Mitarbeiter etwa mit einem wichtigen Kunden sprechen, weil der sich nicht an Abmachungen hält, können Sie als Chef sagen: „Komm, ich mach‘ das für dich.“ Das geht natürlich nicht immer – doch so können Sie Ihrem Mitarbeiter vormachen, wie Sie Probleme am Telefon regeln.

Tipp 8: Angenehme Arbeitsatmosphäre schaffen

Viele in sich gekehrte Menschen arbeiten gerne in einer ruhigen Umgebung. „In einem Großraumbüro ist es laut und es gibt viel Trubel, da fühlen sie sich eher gestört und können ihrer Arbeit nicht nachkommen“, sagt Krumbach-Mollenhauer. „Die finden es peinlich, wenn Kollegen mithören, wie sie telefonieren. Denn die könnten das ja bewerten.“ Eine grundsätzliche Regel, wo man introvertierte Mitarbeiter am besten platziert, gebe es aber nicht.

Fragen Sie Ihren Angestellten daher, in welcher Atmosphäre er gerne arbeitet – vorausgesetzt, Sie haben mehrere Räume und Arbeitsplätze zur Verfügung. Dass er ungestört arbeiten kann, liegt schließlich auch in Ihrem Interessen. Haben Sie nur ein Großraumbüro, fühlt sich der Mitarbeiter vielleicht am Rand am wohlsten. Auch das Home-Office kann eine gute Alternative sein.

Tipp 9: Keine Wunder erwarten

Bei allen Bemühungen, einen stillen Menschen aus der Reserve zu locken, werden Sie aus ihm kein extrovertiertes Plappermaul machen. Das sollte ohnehin nicht das Ziel sein, denn Introvertierte haben Stärken, die viele Extrovertierte nicht haben.

„Sie lehnen sich selten aus dem Fenster, ohne was zu wissen“, sagt Krumbach-Mollenhauer. „Sie sind in der Lage zu Stillarbeit, zu konsequenteren Denkvorgängen und können nachhaltig arbeiten.“

Dennoch werden Extrovertierte in der Gesellschaft oft bevorzugt, denn es gilt: „Wer laut ist und sich aufdrängt, wird bevorzugt“, sagt Krumbach-Mollenhauer. Wenn werdende Eltern sich aussuchen könnten, ob sie lieber introvertierte oder extrovertierte Kinder hätten, würde sich die Mehrheit für extrovertierte entscheiden, sagt der Personalcoach. „Das ist Quatsch, aber so funktioniert unsere Gesellschaft.“

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4 Kommentare
  • Bernhard 3. November 2021 01:16

    Oh mein Gott,

    dieser Artikel wurde definitiv nicht von einer introvertierten Person erstellt.
    Ich zähle mich selber zu dieser Gruppe der „Tiefdenker“ und habe in meinem Leben in mehreren Firmen gearbeitet.
    Am wohlsten fühlte ich mich immer mit max. zwei weiteren Personen in einem Büro. Großraumbüros mit Trennwänden und bis zu 20 Personen waren der absolute Horror und die Mittagspause hatte ich auch immer umschifft, so das ich (fast) alleine in der Küche war, womit ich vor der Pause auch fast alleine im Büro war.
    Moderator sein? *lach* da würde ich spontan ein Magengeschwür bekommen.
    Einen Introvertierten muss man machen lassen, aber definitiv nicht versuchen in eine Rolle zu zwängen – auch wenn es gut gemeint wäre.
    Wir wirken zwar unbeteiligt an Gesprächen, aber das liegt daran das wir fokussiert aufnehmen was passiert und damit Dinge bemerken die andere übersehen.
    Wenn wir was zu sagen haben dann ist es fast immer ein valider Punkt.

    Mein Rat an diejenigen die selber keine sind – lasst die Introvertierten in Ruhe.
    Für alle anderen Mitarbeiterexperimente gibt es die extrovertierten „Schwätzer“.

  • Ein Intro 29. Januar 2021 12:45

    Für mich sind die Tipps sehr schlecht. Es ist ganz einfach, man sollte die Introvertirtheit des Mitarbeiter akzeptieren. Ein Mitarbeiter muss nur seine Arbeit machen und nicht viel reden, dass währe für mich das richtige verhalten

  • Michael 7. Januar 2020 09:25

    Die Ratschläge halte ich allesamt für falsch. Sie dienen allesamt nur dazu, aus einem Introvertierten einen Extrovertierten machen zu wollten. Das wird aber niemals funktionieren. Sorgen Sie lieber dafür, dass Introvertierte ein ideales Arbeitsumfeld erhalten: Keine viel zu langen Meetings mit viel zu vielen Teilnehmern. Schriftliche Planung statt Gespräche. Weniger störende Hintergrundgeräusche, also kein Großraumbüro.
    Aber auch Team-Events können dem Introvertierten, dem der Flurfunk und der Small Talk fehlt, helfen, die Kollegen besser kennenzulernen.

  • Spektakel 14. August 2019 15:36

    Oh Gott! Einen Introvertierten zum Moderator machen: Es gibt wenig Kontraproduktiveres als das. Zum einen besteht dafür meist gar keine Notwendigkeit und zum anderen ist das für Introvertierte der reine Horror. Denn, und das ist oft der wahre Grund bei Tipp 2: Introvertierte haben Scheu, vor großen Gruppen zu sprechen. Was auch daran liegt, dass sie Informationen viel tiefer verarbeiten, und wenn viele Menschen auf einmal involviert sind, überfordert sie das.

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