Freundschaften am Arbeitsplatz
Die Macht der Freu(n)de

Der Plausch an der Kaffeemaschine kostet nur Zeit? Falsch gedacht! Studien zeigen, dass gute Beziehungen am Arbeitsplatz ein echter Erfolgsfaktor sind. Worauf es dabei ankommt.

Aktualisiert am 24. Juli 2026, 18:43 Uhr, von Verena Bast, Wirtschaftsredakteurin

Mosaik aus verschiedenen Gesichtern
© Nick Dolding / Getty Images

Hand aufs Herz: Wünschst du dir, dass deine Mitarbeitenden ihre Aufgaben möglichst schnell erledigen – und möglichst wenig miteinander quatschen? Schließlich kosten Gespräche unter Kolleginnen und Kollegen Zeit, die sie für wichtige To-dos nutzen könnten.

Das ist nur zu verständlich. Kurzfristig mag es sinnvoll erscheinen, wenn sich dein Team voll auf dringende Aufgaben konzentriert. Doch wenn der Austausch am Kaffeeautomaten oder Schreibtisch dauerhaft ausbleibt, leidet etwas Wesentliches: die Beziehungen untereinander.

„Zwischenmenschliche Beziehungen sind enorm wichtig. Viele Geschäftsführer unterschätzen, was für eine Kraft sie haben“, sagt Jonas Höhn, der seit rund zehn Jahren Führungskräfte berät. Für sein Buch mit dem Titel „Arbeitslust statt Frust” (Gabal Verlag, 2024) hat er viele Studien darüber gelesen, welche Effekte gute Beziehungen am Arbeitsplatz haben.

Natürlich kosten zehn Minuten Plauderei am Kaffeeautomaten oder über ein Onlinetool zunächst Arbeitszeit. Doch der Glaube, dass Freundschaften am Arbeitsplatz die Produktivität mindern, sei ein Mythos, sagt Höhn.

Das Gegenteil sei der Fall: Wenn Mitarbeitende wirklich gute Beziehungen untereinander aufbauen und pflegen können, habe das zahlreiche positive Effekte. Mitarbeitende seien dann motivierter und produktiver, gleichzeitig sei die Wahrscheinlichkeit eines Burnouts geringer. Sie seien zudem seltener krank, und in der Produktion gebe es weniger Unfälle. Das belegen Studien des Beratungsunternehmens Gallup.

Seit 2001 befragt Gallup Angestellte auch in Deutschland, wie emotional verbunden sie sich mit ihrem Arbeitgeber fühlen und wie sich das auf den Unternehmenserfolg auswirkt. Eine der zwölf Fragen lautet: „Habe ich einen besten Freund oder eine beste Freundin auf der Arbeit?“ Antworten Mitarbeitende mit „Ja“, zeigten sich in den Gallup-Umfragen die zuvor genannten positiven Effekte.

Zwar sind die Befragungen des Beratungsunternehmens in der Wissenschaft umstritten, weil es seine Datensätze nicht offenlegt. Fraglich ist auch, wie viele Mitarbeitende diese Frage überhaupt mit „Ja“ beantworten.

Doch auch renommierte Wissenschaftler bestätigen: Vertrauen und Unterstützung am Arbeitsplatz sind essenziell. „Viel zu viele Arbeitgeber überlassen gute Beziehungen aber dem Zufall. Das ist ein Fehler“, sagt Ron Friedman, einer der bekanntesten Sozialpsychologen der USA. Er befasst sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie Teams außergewöhnliche Ergebnisse erzielen können.

Einen Menschen zu haben, dem man vertrauen könne und der helfe, wenn es Probleme gebe, sei fundamental – auch im Job, sagt Höhn.

Drei Grundbedürfnisse am Arbeitsplatz

Einer der Hauptgründe dafür liegt an drei Grundbedürfnissen, die Menschen haben. „Wenn diese immer wieder erfüllt werden, geht es uns gut – und wir sind auch motiviert“, sagt Nico Rose, Experte für Führung, Unternehmenskultur und Positive Psychologie. Das fanden die beiden renommierten Psychologie-Professoren Richard M. Ryan und Edward L. Deci heraus. Sie forschen seit vielen Jahren dazu, was Menschen privat und im Job motiviert – und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen.

Diese Bedürfnisse sind:

  • Kompetenz,
  • Autonomie und
  • Verbundenheit.

„Wir brauchen ein gewisses Maß an Autonomie – sei es bei der Arbeit oder privat“, sagt Rose. Wer das Gefühl hat, keine oder nur ganz wenige Entscheidungen selbst treffen zu können, wird unzufrieden und verliert Motivation.

Ebenso wichtig ist das Gefühl, kompetent zu sein und Einfluss auf die Welt zu haben. Und schließlich: „In Beziehung zu anderen zu stehen, ist ein universelles menschliches Bedürfnis. Das gilt auch am Arbeitsplatz“, sagt Rose.

Soziale Bindungen erhöhen die Stressresistenz

Studien zeigen, dass soziale Bindungen nicht nur glücklich machen, sondern auch die Stressresistenz erhöhen. Ein wichtiger Faktor, insbesondere in Phasen, in denen alle im Unternehmen unter Druck stehen, neue oder zusätzliche Aufgaben übernehmen und Krisen meistern müssen. „In solchen Zeiten fühlen wir uns sicherer und kommen besser mit Stress und bedrohlichen Situationen zurecht, wenn vertraute Menschen um uns sind“, sagt Jonas Höhn.

Das Gehirn reagiert dann weniger stark auf Bedrohungen. Das belegte der US-Professor für Psychologie James A. Coan in einem Experiment: Die Teilnehmer erhielten dabei unregelmäßig Elektroschocks, um Bedrohungen oder Stress zu simulieren. Hielt eine vertraute Person die Hand des Probanden, zeigte sich die geringste Gehirnaktivität. „Das Gehirn muss also deutlich weniger Energie aufwenden, um sich emotional zu regulieren und wieder zu beruhigen“, sagt Höhn.

Selbst noch bevorstehende Situationen – etwa das Besteigen eines steilen Berges – empfinden Menschen als weniger herausfordernd und belastend, wenn eine vertraute Person um sie herum ist. Das zeigte eine Studie von Simone Schnall, die Professorin für Sozialpsychologie an der Universität von Cambridge ist.

Gute Beziehungen steigern die Resilienz

Resiliente Menschen bewältigen Krisen besser, passen sich leichter an Veränderungen an und wachsen an Herausforderungen. Doch Resilienz ist nicht nur eine individuelle Eigenschaft. „Es gibt eine enge Verbindung zwischen der Resilienz und dem Beziehungsgefüge“, sagt Nico Rose. Entscheidend sei, ob jemand Unterstützung erfährt – etwa indem jemand anbietet, bestimmte Aufgaben zu übernehmen oder einfach einfühlsam zuhört.

Übertragen auf Unternehmen bedeutet das: Gibt es dort jemanden, der hilft, wenn es schwierig wird? Fängt einen jemand aus dem Team auf, wenn ein Kunde unfreundlich oder rüde war? „Das funktioniert aber nur, wenn die Bindungen stark genug sind“, sagt Rose.

Dabei ist physische Nähe nicht entscheidend, also ob Mitarbeitende im gleichen Büro oder einer Werkshalle zusammenarbeiten. „Es zählt, wie nah sie einem im Kopf oder im Herzen sind“, sagt Rose.

Verbundenheit zum Unternehmen steigt

Engere Bande zwischen Kolleginnen und Kollegen haben einen weiteren wichtigen Effekt: eine geringere Fluktuation. Auch das belegen Studien. Haben Beschäftigte eine oder mehrere Personen im Team, denen sie wirklich vertrauen und mit denen sie sich gut verstehen, fühlen sie sich emotional stärker ans Unternehmen gebunden. Die Folge: Sie halten ihm eher die Treue – auch wenn es mal schwierig wird.

Natürlich spielen im Hinblick auf die Verbundenheit zum Arbeitgeber auch Faktoren wie die übertragenen Aufgaben, die Organisations- und Führungskultur oder Entwicklungschancen eine Rolle. Manche bindet mitunter auch ein überdurchschnittliches Gehalt an ein Unternehmen.

Gerade in Krisen können die zwischenmenschlichen Beziehungen aber – anders als die harten Faktoren – ausschlaggebend sein, sagt Nico Rose. „Es sind ganz oft die anderen Menschen im Team, die dafür sorgen, dass Mitarbeitende selbst in schwierigen Zeiten noch gerne im Unternehmen arbeiten.“

Geschäftszahlen verbessern sich

Gute Beziehungen im Team senken aber nicht nur die Fluktuation, sondern verbessern auch die Geschäftszahlen. Das fand Alex Edmans, Finanzprofessor an der London Business School und ehemaliger Investmentbanker bei Morgan Stanley, in einer Studie heraus, die im renommierten „Journal of Financial Economics“ veröffentlicht ist. Er untersuchte über einen Zeitraum von mehr als 25 Jahren die Aktienrenditen von Unternehmen, die als „100 Best Companies to Work For in America“ ausgezeichnet wurden. Diese verglich er mit entsprechenden Unternehmen ohne die Auszeichnung.

Das Ergebnis: Die ausgezeichneten Firmen erzielten jährlich eine um einige Prozentpunkte höhere Aktienrendite als die Vergleichsunternehmen. Über Jahrzehnte summiert sich das zu einem enormen Vorteil.

Auch Jan-Emmanuel De Neve, Professor an der Universität Oxford, fand heraus, dass eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit langfristig die Finanzkennzahlen verbessert. Dass hier tatsächlich die Beziehungen den Erfolg treiben und nicht umgekehrt erfolgreiche Firmen sich einfach mehr Wohlfühlkultur leisten können, legt der zeitliche Vorlauf nahe: „Die Effekte zeigen sich erst nach drei bis vier Jahren. Arbeitgeber müssen also Geduld haben“, sagt Rose.

Zufriedene Mitarbeitende wirken sich zudem positiv auf Kundinnen und Kunden und deren Kaufbereitschaft aus. Ihre gute Laune überträgt sich – ein Phänomen, das als „emotionale Ansteckung“ bekannt ist. Und es erhöht sich auch die Innovationsfähigkeit von Unternehmen: „Innovation entsteht ja nicht im stillen Kämmerlein. Sondern da, wo sich Leute miteinander austauschen und sich gegenseitig befruchten mit ihren Ideen“, sagt Rose.

Welche Fallstricke lauern

Doch bergen Freundschaften unter Kollegen nicht auch Risiken? Könnten sich, wie im Privatleben, Cliquen bilden, die Informationen zurückhalten oder die Zusammenarbeit mit anderen erschweren? Treten ungünstige Teamdynamiken oder Silodenken auf, sollten Führungskräfte eingreifen, rät Höhn. Wenn Teams sich so gut verstehen, dass sie nicht mit anderen kooperieren und sich als Konkurrenten sehen, liege das meist eher an der Firmenkultur. In einem Unternehmen mit wertschätzender, respektvoller Atmosphäre ohne Konkurrenzdenken ist allen klar: Es geht nicht darum, besser dazustehen als andere, sondern darum, das Unternehmen gemeinsam voranzubringen.

Und wenn es zu harmonisch zugeht? „Freundschaften bedeuten nicht Friede, Freude, Eierkuchen“, sagt Höhn. „Sie erleichtern es, Kritik zu äußern und Konflikte auszutragen – ohne dass die Beziehung Schaden nimmt.“

Klar ist: Nicht jeder braucht engere Beziehungen am Arbeitsplatz. „Manche sehen ihre Arbeit einfach als Arbeit. Das muss man dann auch einfach akzeptieren“, sagt Höhn. Für andere ist es jedoch wichtig, ein Umfeld zu haben, in dem sie sich sicher fühlen und Beziehungen zu Kollegen aufbauen und pflegen können.

Beziehungen stärken: Das kannst du tun

1. Zeit für Begegnungen schaffen

„Mitarbeitende brauchen Gelegenheiten, sich auf eine gute Art und Weise zu begegnen“, sagt Rose. Das kann ein gemeinsames Mittagessen, ein Stück Kuchen am Nachmittag oder ein Sommerfest sein. Oder auch die ersten zehn Minuten eines Meetings, in denen alle vom Wochenende, dem nächsten Urlaub oder anderen privaten Dingen erzählen. Wichtig ist, dass Führungskräfte signalisieren: Solche Gespräche sind willkommen, solange sie nicht überhandnehmen.

2. Räume für Begegnungen schaffen

Ein geeigneter Raum fördert den Austausch. Das kann eine gemütliche Ecke im Büro oder in der Werkshalle sein, wo Mitarbeitende miteinander sprechen können. Entscheidend ist, dass sie dort wirklich das Gefühl haben, sich öffnen und ungestört und offen miteinander reden zu können.

3. Sitzordnung selbst bestimmen lassen

Auch die Sitzordnung beeinflusst Beziehungen. „Chefs sollten Mitarbeitenden nicht vorschreiben, wo sie sitzen, sondern sie das selbst entscheiden lassen“, sagt Rose. Nicht jeder verstehe sich mit jedem gleich gut, und Führungskräfte wüssten oft nicht, wer mit wem besonders gut harmoniert.

4. Vorbild sein

Das Verhalten von Chefs und Chefinnen prägt die Kommunikationskultur. Erzähle eine Führungskraft nichts, das auch mal über die Arbeit hinausgeht oder spreche sie nicht auch mal offen über eigene Probleme oder Fehler, könne das signalisieren: „Das darf ich als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter hier auch nicht!“ Das erschwere es, tiefergehende und vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen, sagt Höhn. Führungskräfte sollten vorleben, dass Offenheit erlaubt ist. So schaffen sie ein Klima, in dem Vertrauen und Beziehungen wachsen können.

Die Experten
Dr. Nico Rose studierte neben seiner Position als Führungskraft an der University of Pennsylvania bei Prof. Dr. Martin Seligman, dem Begründer der Positiven Psychologie. In dieser Disziplin wird wissenschaftlich erforscht, welche Stärken es Menschen und Organisationen ermöglichen, sich zu entfalten und zu wachsen. Rose ist Autor mehrerer Fachbücher über Führung mit Positiver Psychologie, außerdem coacht und berät er heute Führungskräfte.
Jonas Höhn berät mit seinem Unternehmen detoxRebels seit rund zehn Jahren Führungskräfte. Sein Ziel: Dafür zu sorgen, dass Mitarbeitende sich so gut fühlen im Unternehmen, dass sie ihr volles Potenzial entfalten und Bestmögliches erreichen können. Seine Erfahrungen und Recherchen hat er in seinem Buch „Arbeitslust statt Frust” (Gabal Verlag, 2024) zusammengetragen.