„Keystone Conversation": Mit fünf Fragen Konflikten vorbeugen
Mit der Methode „Keystone Conversation“ des US-amerikanischen Autors und Führungskräftecoach Michael Bungay Stanier können Chefs und Chefinnen ihre Arbeitsbeziehungen aktiv gestalten. Ziel ist es, Konflikten vorzubeugen oder sie zu lösen. Das Gespräch basiert auf fünf Fragen, die sie mit Mitarbeitenden gemeinsam besprechen. Wichtig ist laut Stanier, dem Gegenüber ein paar Tage Zeit zur Vorbereitung zu geben, um das Gespräch dann ungestört zu führen.
1. Amplify Question: Was ist das Beste an dir? Was sind deine Stärken?
Die Frage zielt auf das, was wir im Alltag oft übersehen: den persönlichen „Hebel“. Wer weiß, wann der andere in Bestform ist, kann Aufgaben passender zuschneiden und gemeinsame Arbeitserfolge dadurch wahrscheinlicher machen.
2. Steady Question: Wie arbeitest du gerne?
Hier geht es um ein Mini-„Betriebshandbuch“ der anderen Person: Kommuniziert sie lieber schriftlich oder mündlich? Auf welche Weise bekommt sie gerne Feedback? Arbeitet sie lieber morgens oder abends? „Gute Teams scheitern selten am Willen zur Zusammenarbeit, sondern viel öfter an unausgesprochenen Erwartungen“, sagt Michael Bungay Stanier.
3. Good Date Question: Was hast du aus früheren funktionierenden Beziehungen gelernt?
Es geht in diesem Teil darum, welche guten Erfahrungen die Beteiligten in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen gemacht haben. Was hat in früheren Beziehungen Vertrauen geschaffen? Oder: Konntest du die Zusammenarbeit mit einer anderen Person durch ein bestimmtes Verhalten produktiver gestalten? Was habt ihr getan, um Konflikte aktiv zu vermeiden?
4. Bad Date Question: Was hast du aus frustrierenden Beziehungen gelernt?
Diese Frage ist das Gegenstück zur Good Date Question: Es geht darum, Warnsignale frühzeitig zu erkennen. Wer weiß, welche Dynamiken jemanden ausbremsen (z.B. unklare Zuständigkeiten, Funkstille, Mikromanagement), kann sie rechtzeitig erkennen und im besten Fall stoppen.
5. Repair Question: Wie reparieren wir unsere Beziehung, wenn die Dinge schieflaufen?
Entscheidend ist nicht, ob es knirscht, sondern wie man zurück zu einer gut funktionierenden Arbeitsbeziehung findet, ist Michael Bungay Stanier überzeugt. Geklärt werden könnte beispielsweise: Sollte man das Problem direkt ansprechen oder lieber mit etwas zeitlichem Abstand? Bevorzugt die Person ein 1:1-Gespräch oder eine E-Mail? Was ist ein No-Go? Wer solche Fragen vorab klärt, kann Konflikte im besten Fall zügig lösen und schnell wieder zu einer funktionierenden Arbeitsbeziehung zurückfinden.
impulse: Michael, dein Buch heißt „How to work with (almost) anyone“, auf Deutsch etwa: „Wie du mit (fast) jedem zusammenarbeiten kannst“. Wieso gibt es die Einschränkung „fast“?
Michael Bungay Stanier: Niemand würde ein Buch mit dem Titel „Wie du mit jedem zusammenarbeiten kannst“ ernst nehmen. Denn wir alle haben in unserem Arbeitsleben schon Menschen getroffen, die uns verrückt gemacht haben. Aber wenn wir diese Person, oder die zwei, drei Personen außen vor lassen, bleiben immer noch eine Menge Menschen übrig.
Wieso ist es überhaupt ein Problem, wenn ich zu einem Mitarbeiter kein gutes Verhältnis habe? Wir müssen ja keine Freunde werden.
Überleg mal, welche Menschen Einfluss auf deine Zufriedenheit im Job haben: Das können Geschäftspartner sein oder Kunden, aber genauso deine Mitarbeiterinnen und Kollegen. Denk mal an eine Zeit zurück, in der du eine schwierige Beziehung zu einem Mitarbeiter hattest. Wie hast du dich gefühlt, wenn du von der Arbeit nach Hause gegangen bist? Selbst wenn die Arbeit Spaß gemacht hat, hattest du dabei wahrscheinlich ein schlechtes Gefühl und hast vielleicht auch nach Feierabend oder an den Wochenenden darüber nachgedacht.
Da ist was dran.
Und dann denk mal an die schönsten Momente deines bisherigen Arbeitslebens. Sehr wahrscheinlich fallen dir dabei fantastische Menschen ein, mit denen du zusammengearbeitet hast. Vielleicht war die Aufgabe selbst gar nicht so spannend – aber die Leute waren toll. Sie sind es, die in unserem Arbeitsalltag den Unterschied machen.
Deine Methode basiert auf fünf Fragen. Wie bist du darauf gekommen?
Ich habe mehrere kleine Firmen und führe seit 30 Jahren Teams. Im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, dass unsere Zusammenarbeit auf fachlicher Ebene umso besser funktioniert, je genauer wir die Stärken der anderen kennen. Aber wir sollten von unserem Gegenüber auch wissen, wie er oder sie reagiert, wenn etwas schiefgeht, und was er aus vergangenen funktionierenden, aber auch frustrierenden Beziehungen gelernt hat. Ich arbeite mit meinen Teams daher schon seit Jahrzehnten auf diese Weise. Und irgendwann habe ich beschlossen, meine Methode aufzuschreiben.
Du empfiehlst, deine Methode anzuwenden, wenn man eine Person neu kennenlernt. Das sind schon sehr spezielle und persönliche Fragen. Sind Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen deiner Erfahrung nach immer bereit, sie zu beantworten?
Viel wahrscheinlicher ist, dass jemand nur sehr oberflächlich antwortet. Ich gebe zu: Wenn man so ein Gespräch zum ersten Mal führt, fühlt es sich für die meisten komisch an. Es ist viel leichter, über die gemeinsame Arbeit zu sprechen als über sich selbst und über die Beziehungen, die wir zu anderen Menschen haben. Aber mit der Zeit wird es immer leichter. Meine Erfahrung ist, dass es sich lohnt, diesen anfangs unangenehmen Moment auszuhalten, wenn ich dadurch langfristig eine bessere Arbeitsbeziehung bekomme.
Funktioniert die Methode in jeder Branche und Kultur? Die Menschen sollten in der Lage sein, offen miteinander zu kommunizieren.
Ich bin kein Kulturexperte, aber ich glaube, das ist eher ein westlicher Ansatz. In Asien beispielsweise, wo es eher verpönt ist, sich offen die Meinung zu sagen, wird mein Konzept wohl nicht funktionieren.
Ist es grundsätzlich so, dass ich als Chef oder Chefin diese Fragen an meinen Mitarbeiter richte?
Meiner Erfahrung nach ist es eher der Ranghöhere – also der Chef oder die Chefin –, der das Gespräch anstößt. Aber die Fragen beantworten natürlich beide. Auch als Mitarbeiter sollte ich wissen, wie meine Chefin gerne arbeitet und welche guten oder schlechten Erfahrungen sie in vergangenen Beziehungen gemacht hat. Das Konzept beruht auf Gegenseitigkeit – sonst bringt es nichts. Ich muss also auch als Chefin gewillt sein, mich ein Stück weit zu öffnen. Natürlich kann ich auch als Mitarbeiter so ein Gespräch initiieren. Aber seien wir ehrlich: Dafür braucht es durchaus Mut – und den werden die meisten nicht aufbringen.
Was ist deiner Erfahrung nach der Hauptgrund für das Scheitern von Arbeitsbeziehungen?
Die meisten Arbeitsbeziehungen scheitern nicht, sondern sie verschlechtern sich mit der Zeit. Klar, manchmal gibt es einen großen Knall, aber in der Regel arbeiten wir mit anderen Menschen zusammen, und im Laufe der Zeit wird der gegenseitige Unmut immer größer.
Inwiefern?
Oft sind es die kleinen Dinge: Ich sage etwas in einem Meeting. Mein Gegenüber versteht es anders, als ich es gemeint habe. Er ist enttäuscht von mir, sagt aber nichts. Solche Dinge passieren jeden Tag. Im Grunde nichts Schlimmes, aber wenn sich solche Vorfälle häufen, verschlechtert sich unsere Beziehung stetig. Deshalb finde ich die fünfte Frage – wie „reparieren“ wir unsere Beziehung, wenn die Dinge mal nicht so gut laufen – auch so wichtig.
Sollte man im Arbeitskontext nicht über solche Kleinigkeiten hinwegsehen? Wir sind doch alle erwachsen.
Auf gewisse Weise heilt die Zeit Wunden dieser Art. Aber meine Erfahrung ist, dass die Arbeitsbeziehung nie wieder so gut wird, wie sie einmal war. Es sei denn, wir reden ganz offen darüber und besprechen auch, was wir in Zukunft anders machen wollen.
Kann ich eine „Keystone Conversation“ nur führen, wenn ich neu mit jemandem zusammenarbeite? Oder funktioniert das Konzept auch noch nach Jahren der Zusammenarbeit?
Der beste Zeitpunkt, einen Baum zu pflanzen, war vor 20 Jahren. Und der zweitbeste ist heute. Und so ähnlich ist es auch mit diesem Gespräch. Wenn ich neu mit jemandem zusammenarbeite, sage ich: „Hey, ich freue mich total auf die Zusammenarbeit mit dir. Aber bevor wir starten, lass uns darüber sprechen, auf welche Weise wir unsere Zusammenarbeit bestmöglich gestalten können.
Und was mache ich, wenn wir schon lange zusammenarbeiten?
Dann gehe ich hin und sage: „Hey, lass uns mal darüber sprechen, ob unsere Zusammenarbeit für uns beide so passt. Gibt es etwas, das wir ändern sollten? Oder was wir besser machen können?“ Die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, frage ich regelmäßig: „Wie geht’s uns?“ Das ist die Gelegenheit, über unsere Arbeitsbeziehung zu sprechen. Wenn du dich traust, euer zwischenmenschliches Verhältnis anzusprechen, dann sorgst du dafür, dass eure Arbeitsbeziehung effektiv und kraftvoll bleibt.
Muss ich immer alle fünf Fragen stellen?
Die Art eurer Beziehung regelt, in welcher Tiefe und in welchem Umfang ihr die Fragen besprecht. Wenn es eine wirklich wichtige Beziehung ist, empfehle ich alle fünf Fragen durchzugehen. Manchmal ist es auch sinnvoll, sich langsam heranzutasten: Wenn ich meinen neuen Mitarbeiter zum ersten Mal treffe, reicht vielleicht auch die Frage „Was ist für dich in unserer Arbeitsbeziehung wichtig“ fürs Erste. Und die anderen Fragen hebe ich mir für spätere Gespräche auf. Wichtig ist auch, dass ich meinem Gesprächspartner ausreichend Zeit gebe, sich vorzubereiten. Deshalb kündige ich das Gespräch immer rechtzeitig vorher an: per Mail oder im persönlichen Gespräch.
Führe ich die Keystone Conversation immer unter vier Augen?
Auch das hängt von der Art unserer Beziehung ab. Ich treffe beispielsweise morgen ein neues Team aus fünf Mitarbeitenden, das sich um den Social-Media-Auftritt meiner Firmen kümmern wird. Heute habe ich ihnen eine Mail mit den fünf Fragen geschickt. Wir machen das im Team, denn wir werden zwar zusammenarbeiten, aber es wird keine besonders enge Beziehung zwischen uns geben.
Welche der fünf Fragen ist deiner Erfahrung nach die einfachste?
„Wie arbeitest du am liebsten?“ Diese Frage beantwortet jeder gerne. Denn es sagt nur etwas über deine Arbeitsweise aus. Also: Bist du eher ein Morgen- oder ein Abendmensch? Arbeitest du gerne vorausschauend oder erledigst du die Dinge auf den letzten Drücker? Schaltest du bei Videocalls die Kamera lieber ein oder aus?
Und welche Frage ist für die meisten Menschen am herausforderndsten?
Ich denke, das sind zwei Fragen: Die letzte lautet: „Wie willst du unsere Beziehung reparieren, wenn die Dinge schieflaufen?“ Die meisten Leute sind nicht bereit, sich einzugestehen, dass Dinge schieflaufen werden – obwohl sie insgeheim wissen, dass es so kommen wird. Und bei der vorletzten Frage geht es darum, was wir aus schwierigen Arbeitsbeziehungen in der Vergangenheit gelernt haben. Die meisten Menschen versuchen, solche Erlebnisse zu verdrängen. Aber diese schwierigen Muster aus der Vergangenheit wiederholen sich erfahrungsgemäß in Beziehungen mit anderen Menschen in der Zukunft.
Warum tun sich viele Leute damit so schwer?
Na ja, wenn ich sage: „Erzähl mir von einem Mitarbeiter – oder einem Chef – der echt ätzend war. Und dann erzähl mir, was du dazu beigetragen hast, dass ihr eine schwierige Beziehung hattet“, dann bergen solche Fragen eine wahre Schatzkammer an Informationen. Diese Frage macht die Menschen verletzlich. Ja, grundsätzlich bergen alle fünf Fragen dieses Risiko. Aber es geht ja auch genau darum: sich zu öffnen und etwas von sich preiszugeben.
Wie oft sollte ich das Gespräch wiederholen?
Das grundlegende Gespräch mit allen fünf Fragen kann man einmal führen. Das reicht meiner Erfahrung nach aus. Danach bietet sich ein Check-in an, wie ich ihn regelmäßig mit meinen Teams mache.
Wie funktioniert der genau?
Ich frage meine Mitarbeitenden: „Hey, wie geht’s uns gerade?“ Diese Frage stelle ich etwa alle drei Monate. Daraus ergibt sich dann meist ein tiefergehendes Gespräch über unsere Arbeitsbeziehung – und wir können wieder etwas für unsere Zusammenarbeit lernen.
Michael Bungay Stanier, 59, ist Autor des Bestsellers „How to work with (almost) anyone“ und Unternehmer. Er bietet mit seiner kanadischen Firma Box of Crayons auch Coachings und Trainings für Führungskräfte an. Darüber hinaus hat er die Plattform MBS Works gegründet. Dort vertreibt er Bücher und Kurse zu Führung und persönlicher Entwicklung.

