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Wochenlang auf den Urlaub hingearbeitet, die letzten To-dos erledigt, endlich ausgeschlafen. Und dann kratzt der Hals. Die Nase läuft. Der Kopf dröhnt. Statt Liegestuhl wartet das Bett mit Wärmflasche.
Dass das keine Ausnahme ist, zeigt eine Studie der IU Internationalen Hochschule von Gesundheitswissenschaftlerin Stefanie André aus dem Jahr 2025, in der repräsentativ über 2000 Beschäftigte zwischen 16 und 65 Jahren befragt wurden: Rund 70 Prozent der Beschäftigten berichten von Krankheitssymptomen an freien Tagen, fast 20 werden häufig bis immer in ihrer Freizeit krank. Übertragen auf einen kleinen Betrieb mit 20 Mitarbeitenden heißt das: Etwa 14 kennen das Problem. Für rund vier Mitarbeitende fällt regelmäßig ein Wochenende oder der Urlaubsstart als Erholungszeit weg.
Leisure Sickness nennt man das Phänomen, im Urlaub krank zu werden. Laut André ist das kein anerkanntes Krankheitsbild. „Es ist eine Ansammlung von Symptomen, die sich sowohl im rein körperlichen Bereich, im psychisch mentalen Bereich als auch im sozialen Miteinander zeigen können“, sagt die Expertin. Diese treten meist innerhalb der ersten frei zur Verfügung stehenden Tage auf und können auch länger anhalten. Dazu zählen:
- körperliche Symptome: Müdigkeit, Fieberschübe, Kopfschmerzen, Migräne, Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Gliederschmerzen, Magenverstimmungen
- psychische Symptome: Erschöpfungsgefühl, Energielosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Antriebslosigkeit
- soziale Symptome: erhöhtes Aggressionsverhalten, häufigere Konflikte, Gereiztheit
Warum werde ich im Urlaub krank, sobald der Stress nachlässt?
Um im Körper ein Gleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung herzustellen, sollten auf Belastungsphasen immer wieder Erholungsphasen folgen. Dauererreichbarkeit, 15 offene To-dos, Zukunftsängste und Freizeitverpflichtungen – unser Stresslevel bleibt oft auch nach Feierabend hoch und verhindert bei vielen Menschen das Abschalten. „Wir bleiben zu lange in diesen Stressphasen, weil wir uns darin oft leistungsfähig fühlen“, sagt André. Bleibt der Stress aber über lange Zeit zu hoch und fällt dann abrupt ab, kann der Körper anfälliger für Beschwerden werden. Der Crash komme dann oft erst im Urlaub, wenn die Erholung einsetzt und wir Symptome durch weniger Ablenkung bewusster wahrnehmen, so die Expertin.
Wer einen sehr hohen Workload hat, dem oder der falle es zudem schwerer in der Freizeit runterzukommen, „weil der Kontrast dann so scharf ist von bis zum Anschlag arbeiten und plötzlich erholen“, sagt Psychologe Johannes Wendsche von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit.
„Ich kann Erholung nicht aufschieben“, sagt der Experte. Aber gut vorbereiten.
Wie bereite ich meinen Urlaub so vor, dass ich mich wirklich erholen kann?
Wer verhindern will, im Urlaub krank zu werden, sollte schon vor der Abwesenheit ansetzen: Alles, was du vorher sauber klärst, muss dein Kopf später nicht im Liegestuhl weiterbearbeiten.
Vor dem Urlaub
- Kläre Übergabe und Vertretung: Wer übernimmt welche Aufgaben und Entscheidungen?
- Plane die Zeit nach deiner Urlaubsrückkehr. Blocke dir beispielsweise ein paar Stunden für Mails und Check-Ins.
- Lege keine Deadlines in deine Urlaubszeit.
- Halte schon im Alltag kurze Pausen ein.
Im Urlaub
- Schränke deine Erreichbarkeit ein.
- Vermeide Rufbereitschaft.
- Plane deinen Urlaub bewusst. Wendsche rät etwa längere Urlaube für besondere Anlässe aufzusparen und häufiger Brückentage für Kurzurlaube zu nutzen.
- Stimme Erwartungen mit Mitreisenden ab. Gemeinsamer Urlaub entspannt eher, wenn alle ähnliche Vorstellungen haben.
- Plane im Urlaub mit anderen auch Zeit nur für dich ein.
Im Arbeitsalltag
„Menschen sind keine Maschinen. Wer leistungsfähig bleiben soll, braucht Erholung und Regeneration“, sagt Gesundheitswissenschaftlerin André. „Alles, was ich offline mache, ist gut als Vorbeugung gegen Leisure Sickness Symptome.“ Entscheidend sei es, regelmäßig aus dem Arbeitsmodus und Gedankenkarussell herauszukommen. Überlege dir, welche Tätigkeit oder welches Hobby dir hilft abzuschalten: Spazierengehen, Lesen, Kochen, Sport, Musizieren – oder einfach ohne Handy aus dem Fenster schauen.
Übrigens: „Wir wissen, dass der Erholungseffekt nach dem Urlaub nur circa eine Woche anhält“, sagt Wendsche. Kurztrips und tägliche Pausen können ähnlich gut erholen wie ein mehrwöchiger Urlaub. Mit dem weiteren Vorteil: Wer öfter kürzere Auszeiten plant, arbeitet auch nicht so lange am Stück durch.
Wie schaffe ich eine Erholungskultur im Unternehmen, die auch mein Team gesund hält?
„Erholung ist keine Privatsache und immer im Interesse des Arbeitgebers“, sagt André – mit weitreichenden Folgen. Wer regelmäßig im Urlaub krank ist, regeneriert kaum. Das kann später zu Krankmeldungen, mehr Ausfällen oder geringerer Leistungsfähigkeit führen. Im Krankheitsfall dürfen Beschäftigte die verlorenen Urlaubstage außerdem nachholen (nach §9 Bundesurlaubsgesetz, kurz BurlG).
Ob Mitarbeitende nach Feierabend oder im Urlaub wirklich abschalten können, entscheidet sich auch daran, was Führungskräfte vorleben. Wer selbst keine Pausen macht, ständig erreichbar ist oder auch im Urlaub arbeitet, sendet damit ein Signal an das Team. „Mitarbeitende orientieren sich in ihrem eigenen Verhalten an ihren Führungskräften“, sagt Wendsche. Umso wichtiger ist es, die eigene Haltung zu Regeneration zu hinterfragen und Grenzen zu setzen.
Konkret können Unternehmerinnen und Unternehmer an drei Stellen ansetzen, um ihren Teammitgliedern Erholung zu ermöglichen und Leisure Sickness vorzubeugen:
Strukturell: Arbeit so organisieren, dass Erholung möglich ist
- Arbeitsmenge und verfügbare Zeit realistisch planen.
- Aufgaben, Ziele und Zuständigkeiten klar benennen.
- Vertretungen und Übergaben vor dem Urlaub regeln.
- Ruhezeiten zwischen Schichten, Pausen und freie Tage schützen.
- Mobiles Arbeiten und flexible Arbeitszeiten anbieten, um selbstbestimmtes Arbeiten nach den eigenen Bedürfnissen zu ermöglichen.
Individuell: Erholungskompetenz stärken
- Kurze Erholungsmomente im Arbeitsalltag ermöglichen (etwa durch bewegte Pausen).
- Impulse geben, wie Erholung besser gelingen kann (etwa durch externe Workshops zu Achtsamkeitstraining, Schlafhygiene etc.).
- Belastungen regelmäßig ansprechen, bevor sie sich aufstauen.
Eigener Führungsstil: Erholung sichtbar vorleben
- Als Führungskraft selbst vorleben, dass Erholung, Urlaub und kurze Pausen dazugehören im Urlaub und Feierabend nicht selbstverständlich erreichbar sein.
- Nicht krank arbeiten.
- Keine Erwartung erzeugen, dass Mails sofort beantwortet werden.
- Offen fragen, was Mitarbeitende brauchen, um gesund arbeiten zu können.
Prof. Dr. Stefanie André ist Professoring für Gesundheitsmanagement an der IU Internationalen Hochschule. Sie forscht zu Gesundheit am Arbeitsplatz, Leisure Sickness und digitaler Dauererreichbarkeit.
Dr. Johannes Wendsche ist Diplom-Psychologe und arbeitet bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Stress und Erholung am Arbeitsplatz und Arbeitsgestaltung.

