Hohe Selbstdisziplin Wann zu viel Selbstkontrolle schadet
Hohe Selbstdisziplin

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Voll fokussiert auf ein Ziel zuarbeiten: Wer eine hohe Selbstdisziplin hat, ist erwiesenermaßen erfolgreicher. Doch die Eigenschaft hat auch Schattenseiten.

Sie schieben weniger auf, leben gesünder, sind zufriedener und finanziell besser aufgestellt: Verschiedene Studien zeigen, dass besonders selbstkontrollierte Menschen erfolgreicher sind.

Doch sich immer selbst zu zügeln, um kurzfristigen Verlockungen zu widerstehen und seinen langfristigen Zielen nachzujagen, hat auch seine Kehrseiten. Welche das sind, haben die Unternehmenspsychologen Olga Stavrova von der Universität Tilburg in den Niederlanden und Michail Kokkoris von der Universität Wien im Magazin Harvard Business Review zusammengetragen.

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1. Selbstdisziplinierte Menschen bereuen später, was sie verpasst haben

Worauf blicken wir gern zurück, wenn wir mit 80 Jahren über unser Leben nachdenken? Auf durchgearbeitete Nächte und Wochenenden, für die Freunde und Familie zurückstecken mussten? Oder auf die gemeinsame Zeit mit den eigenen Kindern und Freunden, auf die Weltreise mit dem Partner?

Stavrova und Kokkoris zufolge ist es typisch, dass Menschen mit ausgeprägter Selbstdisziplin rückblickend bereuen, dass sie stur auf ein Ziel zugearbeitet haben und dafür auf private Vergnügen verzichtet haben. Beruflicher Erfolg ist schließlich nicht alles.

Eine Technik, die dabei helfen kann, die Auswirkung einer Entscheidung auch langfristig zu beurteilen und so späteres Bedauern zu verhindern, ist die 10-10-10-Methode: Dabei überlegt man, welche Konsequenzen eine Entscheidung in 10 Minuten, 10 Monaten und 10 Jahren mit sich bringt.

Mehr dazu: 10-10-10-Methode: So treffen Sie die richtigen Entscheidungen

2. Menschen mit hoher Selbstkontrolle freuen sich weniger über Erfolge

Die Firma hat den geplanten Gewinn übertroffen, ein neues Produkt verkauft sich überraschend gut oder ein Bekannter spricht anerkennend darüber, was man erreicht hat – aber man selbst kann sich gar nicht richtig darüber freuen.

Laut den Unternehmenspsychologen geht es vielen Menschen mit einem hohen Maß an Selbstkontrolle so. Forscher der Universität Albany in den USA haben einen Zusammenhang zwischen der Eigenschaft Selbstkontrolle und solchen Reaktionen gefunden: Ihren Studien zufolge kann starke Selbstdisziplin mit weniger intensiven Emotionen einhergehen. Unternehmer sollten sich also nicht wundern, wenn andere über einen Erfolg jubeln, der sie selbst relativ kalt lässt – oder wenn ein besonders selbstbeherrschter Mitarbeiter sich kaum über eine Beförderung oder Gehaltserhöhung freut. Es liegt womöglich einfach in der Natur der Person, dass sie den Emotionen nicht freien Lauf lassen kann.

3. Selbstkontrolle kann zu Überlastung führen

„Die Last-minute-Präsentation für den Kunden vorbereiten? Das kann Müller machen, der arbeitet so diszipliniert und lässt sich nicht ablenken.“

„Unsere Urlaube plant meine Frau – die hat immer alles im Griff.“

„Den nächsten Betriebsausflug könnte doch Thomas planen, dann geht garantiert nicht schief.“

Wer den Ruf genießt, besonders selbstkontrolliert zu sein, ist unter Freunden und Kollegen gefragt – denn wer, wenn nicht das beherrschte Organisationstalent, wird es richten?

Die Kehrseite haben Freunde und Kollegen dabei nicht unbedingt im Blick: Wer sich dauernd auf einen selbstkontrollierten Menschen verlässt, überlastet ihm womöglich.

Der Ausweg: Lernen, nein zu sagen. Denn auch wenn man noch so diszipliniert seine Aufgaben abarbeitet – der Tag hat nur 24 Stunden.

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4. Erzwungene Selbstkontrolle tut nicht gut

Selbstdisziplin kann man lernen – und grundsätzlich ist es natürlich gut und wichtig, in entscheidenden Momenten die Zähne zusammenbeißen zu können, sich aufzuraffen und durchzuhalten.

Aber: Erzwungene Selbstkontrolle passt einfach nicht zu jedem. Laut den Unternehmenspsychologen haben manche Menschen das Gefühl, ihre wahre Persönlichkeit zu unterdrücken, wenn sie versuchen, selbstdiszipliniert zu sein: „Hat beispielsweise ein Angestellter, der eigentlich eher auf Gefühlsbasis Entscheidungen trifft, es geschafft, Selbstkontrolle auszuüben und es dadurch zu einer Beförderung gebracht, kann er trotzdem unzufrieden sein“, schreiben Stavrova und Kokkoris. „Denn er hat vielleicht das Gefühl, dass er sich selbst nicht treu war. Weil er so auf die Arbeit fokussiert war, dass er nicht genug Zeit mit Freunden und Familie verbracht hat.“

5. Bessere Selbstkontrolle ist nicht die Antwort auf alles

Ob jemand übergewichtig ist, zu viel Alkohol trinkt oder ständig Deadlines reißt: Viele Menschen führen solche Probleme laut den Psychologen auf mangelnde Selbstkontrolle zurück. Schließlich liegt es nur an einem selbst, was und wie viel man isst und trinkt oder wie man seine Arbeit einteilt. Oder?

„Selbstkontrolle übermäßig zu betonen kann dazu führen, dass wir tieferliegende soziale, wirtschaftliche oder politische Probleme übersehen“, schreiben die Unternehmenspsychologen. Es sei etwa bekannt, dass die Wurzeln des weit verbreiten Übergewichts auch im günstigen Preis von industriell verarbeiteten Lebensmittel liegen, in größeren Servierportionen oder darin, dass wir sowohl bei der Arbeit als auch in der Freizeit immer mehr sitzen.

Man solle daher vorsichtig sein, den Fehler nur in der mangelnden Selbstkontrolle eines Einzelnen zu suchen – meist stecken noch andere Faktoren dahinter. War etwa die Deadline, die der Mitarbeiter gerissen hat, realistisch angesetzt? Hat der Chef ihn richtig abgeholt, oder fehlten ihm Informationen, so dass er sie gar nicht halten konnte? Hat er sich vielleicht nicht getraut, Probleme anzusprechen, weil im Unternehmen eine schlechte Fehlerkultur herrscht?

Eigene Grenzen und Schwächen akzeptieren

„Selbstkontrolle ist eine wichtige Eigenschaft, um seine Ziele zu erreichen“, schreiben Stavrova und Kokkoris. Man solle sie aber nicht zum entscheidenden Faktor für Erfolg und Zufriedenheit überhöhen – sondern auch seine Schwächen und Grenzen akzeptieren. Das helfe, sich realistischere Ziele zu setzen und sich selbst treu zu bleiben.

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