Künstler im Unternehmen „Ich wusste gar nicht, was in ihm steckt“

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Kunst in der Kantine der Kreyenberg GmbH.

Kunst in der Kantine der Kreyenberg GmbH.© Dany Heck / Christiane Limper: KalendArt.wordpress.com

In Workshops mit Künstlern können Mitarbeiter Eigenverantwortung und Engagement spielerisch üben - und anschließend auf den Arbeitsalltag übertragen. Das Familienunternehmen Kreyenberg hat es ausprobiert - und Geschäftsführer Clemens Kreyenberg ist begeistert.

Wer Teilhabe in seinem Unternehmen zulässt, muss seinem Team vertrauen. Das erfordert einerseits Mut vom Chef, eröffnet ihm andererseits neuen Freiraum, etwa wenn Mitarbeiter am Arbeitsplatz Entscheidungen selbst treffen. Wer den Rahmen erst einmal austesten möchte, kann das in Zusammenarbeit mit Künstlern im Unternehmen modellhaft erproben. Künstler nähern sich unternehmerischen Fragestellungen mit unkonventionellen Denkmustern und Methoden. Sie stellen ungewohnte Fragen und regen so Perspektivwechsel im Unternehmen an.

Die erste Begegnung

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Wie eine Künstlerische Intervention konkret abläuft, war kürzlich bei einer Veranstaltung der Initiative „Unternehmen! KulturWirtschaft“ am Nordkolleg Rendsburg zu erleben. Die Künstlerinnen Dany Heck und Christiane Limper präsentierten ihr erstes Firmenprojekt. Geschäftsführer Clemens Kreyenberg ist Feuer und Flamme: „Wie die beiden auf die Mitarbeiter eingehen, ist fantastisch. Ihre offene, zugewandte Art hat mich auf Anhieb überzeugt.“ Prompt engagiert er die Frauen für sein eigenes Unternehmen.

Prozessbegleitung durch erfahrene Vermittler

Bevor es richtig losgeht, werden Gespräche über den Ablauf, die Ziele und Möglichkeiten der Aktion geführt, vorbereitet vom Team von „Unternehmen! KulturWirtschaft“ am Nordkolleg Rendsburg. Projektleiterin Lena Mäusezahl erklärt: „Interventionen gelingen dann, wenn Erwartungen, Prozesse und Dynamiken der Beteiligten immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden.“ Bei der inhaltlichen Gestaltung lässt Clemens Kreyenberg den Künstlerinnen freie Hand. Einzige Vorgabe: Unter den Mitarbeitern soll das Wir-Gefühl gestärkt werden, vor allem bei jenen, die im Alltag wenig miteinander zu tun haben.

Mensch und Maschine

Dany Heck und Christiane Limper durchlaufen die Werkhallen der Kreyenberg GmbH, wo mit robotergesteuerten Maschinen Metalle und Kunststoffe bearbeitet, gefräst und zerspant werden. Bei ihren Gesprächen spüren sie sofort die positive Atmosphäre im Unternehmen. Die Künstlerinnen überzeugen den Geschäftsführer, mit der gesamten Belegschaft von 150 Mitarbeitern kreativ zu arbeiten. Unter dem Motto „Mensch und Maschine“ mischen sie in sechs Workshop-Gruppen jeweils 20 bis 30 Teilnehmer aus verschiedenen Abteilungen und Berufsgruppen, unter anderem Mitarbeiter der Chefetage mit Azubis und Zeitarbeitern. Personalleiterin Anne Rose erklärt: „So entstehen neue spannende Begegnungen, auch zwischen unterschiedlichen Nationalitäten. Die Intervention kann gut in den Arbeitsalltag integriert werden, weil nicht ganze Abteilungen zeitgleich ausfallen.“

Ideenpool

In drei Workshops sammeln die Mitarbeiter Ideen für ihre Performances, die am Ende in einen gemeinsamen Flashmob münden. Jedes Team findet ein kreatives Thema: Das „Kreyenberg Chaos-Orchester“ groovt auf Metallfässern und Werkzeugen und schafft den rhythmischen Grundbeat. In einer Pantomime-Gruppe imitieren Mitarbeiter die verschiedenen Abteilungen und zeigen, wie ein „menschliches Zahnrad“ in das andere greift. Humorvoll wird der Fertigungsablauf bei der Materialbearbeitung präsentiert: Späne fliegen durch die Luft, es wird gefegt und Kaffee getrunken. Ein Team baut aus roten, blauen, grünen und gelben Transportkisten das Firmenlogo nach, ein Mitarbeiter filmt es mit dem Quadrocopter von oben. Andere Kollegen verkörpern das Innenleben einer robotergestützten Maschine mit stockenden Bewegungen unter Stroboskop-Licht in weißen Ganzkörperschutzanzügen.

Skepsis als Chance

Der Spaß überzeugt am Ende alle, auch anfängliche Kritiker: „Wofür soll das alles gut sein?“ Die Künstlerinnen lassen skeptische Fragen zu und fragen dann selbst: „Was passiert in der Firma, wenn es mal Probleme gibt, zum Beispiel wenn Maschinen ausfallen?“ So wandeln sie Widerstand in positive Energie. Die Zweifler kreieren begeistert einen Maschinencrash und lassen Paletten beherzt zu Boden krachen. „Humor ist ganz wichtig bei solchen Aktionen. Das gemeinsame Lachen über- und miteinander schweißt alle zusammen“, betont Dany Heck.

Vor Kollegen Persönliches von sich zu zeigen, fällt nicht jedem auf Anhieb leicht. Doch das gemeinsame kreative Tun sorgt für Vertrauen und einen Umgang auf Augenhöhe. Die Aktionen sorgen im Team immer wieder für Überraschungen: „Stark, was der Kollege kann“ oder „Großartig, was der sich traut“ oder „Ich wusste gar nicht, was in ihm steckt“.

Außergewöhnliches Engagement

Noch in ihrer Freizeit tüfteln die Teams an Ideen, malen bunte Schrauben und Zahnräder an die Kantinenwand. Die „visuelle Gedächtnisstütze“ wird die besondere Stimmung bei der Intervention lange aufrechterhalten. Ebenso wie der Imagefilm, der Höhepunkte der Intervention und Fertigungsprozesse in den Werkhallen festhält.

„Die Kunstaktion dient als Ventil“, weiß Christiane Limper, „Erfahrungen wie Eigenverantwortung und Engagement lassen sich in den Arbeitsalltag übertragen, genau das wirkt nachhaltig“. Geschäftsführer Clemens Kreyenberg prognostiziert: „Das bessere Kennenlernen wird Prozesse beschleunigen und die Zusammenarbeit verbessern. Das wirkt sich früher oder später direkt auf den Geschäftserfolg aus.“ Weitere Kunstaktionen sind fest eingeplant: „Vielleicht das Firmengebäude anmalen, vielleicht eine Skulptur, mal sehen“, sagt Anne Rose.

Quellen und Inspirationstipps:

  • Filminterviews mit Geschäftsleitung, Mitarbeitern und Künstlern von der Künstlerischen Intervention bei der Kreyenberg GmbH, geführt von Antje Hinz
  • In der Kulturzeitschrift Schleswig-Holstein geht es in der Februar-Ausgabe 2015 um „Künstlerische Interventionen“.

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