Hochstapler-Syndrom Was hilft, wenn einen Selbstzweifel plagen

"Wann fliegt auf, dass ich nichts kann?" – wer trotz beruflichem Erfolg ständig so denkt, hat womöglich das Hochstapler-Syndrom.

"Wann fliegt auf, dass ich nichts kann?" – wer trotz beruflichem Erfolg ständig so denkt, hat womöglich das Hochstapler-Syndrom.© Marie Maerz / photocase.de

„Irgendwann fliegt auf, dass ich nichts kann“ – ein Gedanke, den gerade Chefs und Angestellte kennen, die erfolgreich sind. Dafür gibt es sogar einen Begriff: Hochstapler-Syndrom. Was dagegen hilft.

Ein Unternehmer, der seit Jahren eine gut laufende Beratungsfirma mit zwölf Mitarbeitern führt und trotzdem immer wieder denkt: „Eigentlich kann ich gar nichts. Eines Tages werde ich als Hochstapler enttarnt.“ Obwohl er studiert und jahrelang als angestellter Berater gearbeitet hat.

Oder die Mitarbeiterin in einem Modegeschäft, die jeden Abend beim Abrechnen überlegt, wann sie auffliegt – obwohl sie gelernte Einzelhandelskauffrau ist und die zuverlässigste und genaueste Mitarbeiterin des Betriebs.

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Fast jeden – auch Unternehmer – plagen gelegentlich Selbstzweifel. Ausgerechnet beruflich erfolgreiche Menschen aber denken oft, sie hätten die Anerkennung dafür nicht verdient. In Fachkreisen nennt sich das „Hochstapler-Syndrom“ oder auch „Impostor-Phänomen“. Das Phänomen haben zwei US-amerikanische Psychiaterinnen Ende der 70er Jahre entdeckt, als sie feststellten, dass viele ihrer beruflich erfolgreichen Patienten von massiven Selbstzweifeln berichteten.

Diese einmal gründlich zu hinterfragen, lohnt sich. Einmal, um zu verhindern, dass man sich selbst im Wege steht und nicht sein ganzes Potenzial ausschöpft. Dann, um weniger Energie und Zeit mit permanentem Grübeln und Zweifeln zu verschwenden. Und schließlich, um gegebenenfalls Mitarbeitern zu helfen, die ebenfalls unter zu starken Selbstzweifeln leiden.

Die Symptome des Hochstapler-Syndroms

Typisch für Menschen mit Hochstapler-Syndrom: „Sie sind von außen betrachtet Gewinner, halten sich aber für Versager und fürchten aufzufliegen“, sagt Myriam Bechtoldt, Psychologin und Professorin für Leadership. „Sie haben ein niedriges Selbstwertgefühl und Angst, Aufgaben, die auf sie zukommen, nicht bewältigen zu können. Sie sind perfektionistisch und stellen an sich selbst sehr hohe Ansprüche.“

Bechtoldt kennt häufige Ursachen für das Hochstapler-Syndrom und weiß, wie man die Selbstzweifel bekämpfen kann.

Die Ursachen des Hochstapler-Syndroms

Vorweg: Eine behandlungsbedürftige Krankheit ist das Hochstapler-Syndrom nicht, sagt Bechtoldt. „Jeder von uns hat Selbstzweifel. Das ist in einem gewissen Umfang auch gut so, es macht Sinn, sich selbst zu reflektieren und manchmal auch infrage zu stellen“. Doch während manche im Grunde wissen, dass sie ihren Erfolg hart erarbeitet und verdient haben, stellen andere sich ständig infrage.

Woran das liegt, wurde noch nicht vollständig erforscht. Bechtoldt legt aber nahe, dass Kindheitserfahrungen eine wichtige Rolle spielen: „Eine mögliche Erklärung ist, dass Eltern ein Kind nicht in seinem Selbstwertgefühl bestärkt haben. Dass es das Gefühl hat, es wird nicht um seiner selbst willen geliebt, sondern nur, wenn es gute Leistungen erbringt.“

Aber auch das Gegenteil könnte eine Ursache für ein geringes Selbstwertgefühl bei Erwachsenen sein: wenn Eltern ihre Kinder mit Lob überhäufen – und diese dann in der Schule feststellen, dass es andere Kinder gibt, die besser sind als sie. „Das kann dazu führen, dass man denkt: Offenbar bin ich nicht so toll, wie meine Eltern erzählt haben“, sagt Bechtoldt.

Das hilft gegen Hochstapler-Gedanken

1. Darüber sprechen

Denkt ein Unternehmer nicht nur gelegentlich, sondern sehr häufig darüber nach, dass er seinen Erfolg nicht verdient hat, kann es zunächst helfen, anderen davon zu berichten. „Vielen geht es so. Es ist tröstend zu merken, dass man nicht alleine damit ist“, sagt die Psychologin.

Ebenfalls hilfreich: sich klarmachen, wer alles am Hochstapler-Syndrom leidet. Selbst erfolgreiche Personen, darunter Schauspieler wie Jodie Foster, berichten laut Bechtoldt immer wieder, dass ihren Erfolg nicht verdienen und fürchten, aufzufliegen – und sind trotz ihrer Versagensängste Superstars geworden.

Sogar die ehemalige Dekanin der berühmten Harvard-Universität, die Physikerin Cherry Murray, gab zu, dass sie beim Schreiben von wissenschaftlichen Arbeiten oder vor Reden regelmäßig denkt: „Ich kann das nicht. Ich habe nicht genug Experimente gemacht.“ Und sich ständig mit der Vorstellung quält, nicht qualifiziert genug zu sein – trotz eines Doktortitels in Physik und diverser Preise für ihre Arbeit.

2. Sich selbst hinterfragen

Oft hilft es laut Bechtoldt auch, wenn angebliche Hochstapler ihre Selbstzweifel hinterfragen und sich in Selbstfürsorge üben. Zum Beispiel so:

  • Welche Hinweise deuten wirklich darauf hin, dass ich ein Versager bin?
  • Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass mein bester Freund oder mein eigenes Kind irgendwann in der Zukunft mir diese Hinweise als angebliche Belege dafür präsentieren würde, dass er odersie in Wahrheit unfähig ist – würden mich diese Hinweise überzeugen? Was würde ich sagen? Kann ich das, was ich meinem Freund oder meinem Kind sagen würde, auch mir selbst sagen?

Ziel dieser Fragen ist es, fürsorglich mit sich selbst umzugehen – sich selbst zu unterstützen statt niederzumachen.

„Man sollte sich vergegenwärtigen, was man selber geschafft und geleistet hat. Und überlegen, wie wahrscheinlich es ist, dass alles nur Zufall und Glück war“, sagt Bechtoldt. Wer rational darüber nachdenkt, sollte etwa zu so einem Schluss kommen:

„Ich bin über 40. Ich habe ein gutes Abi gemacht, studiert, einen Businessplan geschrieben, ein Unternehmen gegründet, das seit fünf Jahren läuft. Ich beschäftige zehn Angestellte und bin bisher nicht Konkurs gegangen. Ist es wirklich realistisch, dass alles nur Glück basiert?“

Wenn das nicht wirkt und die Selbstzweifel wirklich massiv sind, empfiehlt die Psychologin, sich professionelle Hilfe zu suchen.

So helfen Chefs Mitarbeitern mit Hochstapler-Gedanken

Die wenigsten Mitarbeiter dürften schon im Vorstellungsgespräch damit rausrücken, dass sie glauben, Versager zu sein. Weil kaum jemand offen darüber spricht, ist es für Chefs schwierig rauszufinden, ob ein Mitarbeiter sich mit Selbstzweifeln plagt. Ein Hinweis könnte sein, dass ein Mitarbeiter sich sehr häufig ohne wirklichen Anlass entschuldigt. Oder wenn er eigene Projekte und Aufgaben präsentiert und Kollegen und sogar den Chef regelmäßig dabei vorwarnt: „Das ist nicht so gut, ich konnte es nicht besser“ – obwohl er zuverlässig gute Arbeit leistet.

Öffnet sich dem Chef ein Angestellter, gibt es Bechtoldt zufolge mehrere Möglichkeiten, ihm zu helfen, die Zweifel abzubauen:

1. Anspruchsvolle Aufgaben delegieren

Chefs sollten unsicheren Angestellten nicht nur Routineaufgaben zuteilen – die helfen laut Myriam Bechtoldt wenig dabei, Selbstzweifel zu überwinden. Anspruchsvolle Aufgaben dagegen bieten Mitarbeitern eine Chance: „Sie können sich selbst überzeugen, dass sie vieles, auch Schwieriges, doch hinkriegen. Und sich damit zeigen: ‚Offenbar bin ich gar nicht so blöd‘“, sagt die Psychologin.

2. Vorbildfunktion einnehmen

Unternehmer, die sich selber hin und wieder mit Selbstzweifeln plagen oder es früher oft getan haben, können ihren Mitarbeitern ein Vorbild sein. Bechtoldt: „Chefs können auch offen über eigene Selbstzweifel sprechen – vorausgesetzt, sie geben zugleich auch Hinweise für einen konstruktiven und positiven Umgang damit. Zum Beispiel, indem sie sagen: ‚Mir hilft in solchen Situationen…‘. So können sie für Mitarbeiter mit Hochstapler-Syndrom als Rollenmodell wirken und sie dadurch unterstützen und entlasten.“

Aber: Unternehmer sollten nur im kleinen Kreis zugeben, dass sie diese Art von Selbstzweifeln kennen, zum Beispiel in Mitarbeitergesprächen. Vor versammelter Mannschaft zu verkünden, dass man sich für einen Hochstapler hält, könnte das Team an der Kompetenz des Chefs zweifeln lassen. „Und auch wenn Sie gerade an einen großen Auftrag an Land ziehen, sollten Sie nicht vor allen fragen: ‚Schaffen wir das?’“, warnt Bechtoldt.

Im Vier-Augen-Gespräch könnten Chefs laut der Psychologin dagegen zum Beispiel sagen: „Als ich in Ihrem Alter oder auf Ihrer Karrierestufe war, hatte ich manchmal Gedanken wie: ‚Ich schaffe das alles nicht. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich?‘ Dann kann man abwarten und sagen: ‚Was mir damals geholfen hat, war Folgendes…‘“ Denn: Von den eigenen Erfahrungen und Überwindungsstrategien zu berichten wirkt überzeugend, sagt Bechtoldt.

Übrigens: Mit steigendem Alter gewinnen die meisten Menschen an Selbstsicherheit. Die Psychologin: „Das Hochstapler-Syndrom treibt vor allem Jugendliche und junge Erwachsene um. Auf Dauer scheint es so zu sein, dass man sich seinem Erfolg nicht verschließen kann. Wenn Sie ein erfolgreicher Unternehmer sind, glauben sie irgendwann, dass das nicht nur Glück gewesen sein kann.“

Extra-Tipp: Zwei Typen von Hochstaplern unterscheiden

Laut Bechtoldt gibt es zwei Typen von Pseudo-Hochstaplern: solche, die wirklich an Selbstzweifeln leiden – und solche, die zwar vorgeben, unsicher zu sein, sich in Wirklichkeit aber mehr zutrauen, als sie vor anderen behaupten.

Diese Menschen würden das Hochstapler-Syndrom strategisch nutzen – denn wer sich selbst anzweifelt, wirkt bescheiden. „Bescheidenheit kommt sympathisch rüber“, so Bechtoldt. „Das hat den Vorteil, dass ich die Erwartungen, die Leute an mich haben, niedrig halte – und ich sie dann positiv überraschen kann.“

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