Rasant – das ist die passende Beschreibung für das Tempo, in dem das US-Unternehmen Chegg erlebt, wie sein Geschäftsmodell die Erfolgsbasis verliert. Die Firma verkauft Schülern und Studierenden im Abonnement Hilfe bei Hausaufgaben – Erklärungen, Lösungswege, Zusammenfassungen. Im Mai 2023, wenige Monate, nachdem ChatGPT für die ganze Welt zugänglich geworden war, räumte das Chegg-Management ein, dass der KI-Chatbot dem Geschäft schade.
Der Grund: Was Chegg für Geld anbot, lieferte ChatGPT – und inzwischen noch viele andere KI-Bots – plötzlich kostenlos. Immer mehr Kunden merkten: Sie brauchen das Produkt nicht mehr. Cheggs Umsatz ist seit 2022 um rund die Hälfte eingebrochen; die Firma geriet in die Verlustzone. Die Zukunft? Unklar.
Für Chegg wurde KI zur Unternehmenskrise: ChatGPT ersetzte das Kernangebot der Firma. Diesen Chegg-Moment erleben immer mehr Firmen, überall, auch in Deutschland. Karolin Frankenberger, Professorin für Strategisches Management an der Universität St. Gallen, beschreibt ihn so: „Es ist der Moment, in dem die Kunden beginnen, Teile der Unternehmensleistung mithilfe von KI selbst zu erbringen.“
KI kann Geschäftsmodelle, die mitunter über Jahrzehnte erfolgreich waren, unter Druck setzen, gar existenziell bedrohen. Das zeigt das Beispiel von Chegg. Doch – und jetzt kommt die gute Nachricht – die Technologie kann Unternehmerinnen und Unternehmern auch helfen, ihre Firma zukunftsfähig aufzustellen: als Kern ganz neuer Angebote, im mindesten als Analysewerkzeug und Ideenmaschine.
1. Analysiere deinen Markt
Und wie? Klaus Kallenbrunnen, Gründer der KI-Beratung Kalebru und Dozent an der Hochschule Karlsruhe, empfiehlt, die eigene Branche permanent zu beobachten, mithilfe von KI. Er setzt auf Agenten, die täglich eine Recherche machen, im Web oder in wichtigen Branchen-Datenbanken: Was passiert im Wettbewerbsumfeld, dem Markt? Verändern sich Produkte und Nachfrage? „So erkennt man frühzeitig, wenn dem eigenen Geschäft die Basis wegbricht“, sagt er.
Ein solches Monitoring lässt sich mit jedem Chatbot einrichten, ob ChatGPT, Copilot oder Claude. Zeigt der tägliche KI-Report Verschiebungen in der Branche an, ist ein näherer Blick auf die Entwicklung dringend geraten. Ein klares Warnsignal ist etwa, wenn Wettbewerber ähnliche Leistungen deutlich schneller oder günstiger anbieten als bisher.
Der Grund könnte sein, dass die Konkurrenz KI als Effizienztreiber nutzt. Weitere Alarmzeichen sind fallende Preise, weil die Nachfrage sinkt, oder neue Wettbewerber aus dem KI-Bereich, die den Etablierten das Geschäft streitig machen.
Das betrifft schon heute diverse Branchen: Ob Marketing, Übersetzung, Softwareentwicklung oder Rechtsberatung – KI kann viele dieser Leistungen vollständig oder wenigstens in Teilen erbringen. „Besonders unter Druck geraten Geschäftsmodelle, bei denen Kunden im Wesentlichen dafür bezahlen, dass standardisierbares Wissen verarbeitet und in ein vorhersehbares Ergebnis übersetzt wird“, sagt Nils Urbach, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Frankfurt University of Applied Sciences.
2. Erkenne deine Stärken
Grund zur Panik besteht jedoch für viele etablierte Unternehmen nicht. „Sie haben einen Startvorteil im KI-Zeitalter“, sagt Expertin Frankenberger. „Sie verfügen über Assets, die sich mit KI neu kombinieren und aufwerten lassen.“ Dazu gehört aufgebautes Erfahrungswissen, Daten aus eigenen Prozessen, Vertrauen bei Kunden, Zugänge zu Märkten. Eine starke Substanz, die sich ein Branchen-Neuling erst mühsam erschließen müsste.
Doch wie lässt sich KI kombinieren mit dem, was ein Unternehmen bislang einzigartig macht? Das zeigen die folgenden drei Beispiele:
- Das Solar-Unternehmen Ultra Voltaik aus dem schleswig-holsteinischen Schwarzenbek hat seine Prozesse mit KI deutlich effizienter gemacht. Die tiefe Kenntnis von Arbeitsabläufen im Handwerk machte es möglich, dass der Inhaber heute mit einer eigens dafür gegründeten Firma andere Betriebe berät.
- Der Callcenter-Dienstleister TDM aus Sarstedt bei Hannover kann durch den Einsatz von Voicebots auch Großkonzerne als Kunden gewinnen, für die bisher das Personal fehlte: Die KI kann beliebig viele Telefonate gleichzeitig führen. Die KI-Lösung stammt von einem Partnerunternehmen, das notwendige Callcenter-Know-how aber steuert TDM bei.
- Und der Paartherapeut Eric Hegmann hat sich quasi geklont. Er hat seine persönliche KI mit der eigenen, über Jahre aufgebauten Erfahrung und Expertise trainiert – und kann dank des Avatars mehr Menschen eine deutlich günstigere Beratung anbieten.
Doch wie soll man starten, will man das Geschäftsmodell zukunftsfähig machen? Die Antwort auch hier: mit KI. Wer anfangen möchte, braucht keinen großen Plan. Andreas Liebl, Geschäftsführer der Applied AI Initiative aus München, empfiehlt, sich einen kostenpflichtigen Account bei einem der großen Chatbots einzurichten – egal, ob Gemini, Claude, Copilot oder ein anderer. Damit gewinne man einen leistungsstarken Sparringspartner und die eingegebenen Daten würden in der Regel nicht für das KI-Training genutzt.
Das Sprachmodell kann helfen, Ideen für neue Geschäfte zu entwickeln. Erscheint eine davon vielversprechend, „arbeite ich die Idee mit der KI aus“, sagt Liebl.
Der Experte mahnt, sofort loszulegen. Er vergleicht die Situation mit der eines Laufanfängers: Wichtig sei ein Trainingsplan, um stetig besser zu werden. Irgendwann ist man dann fit genug für einen Marathon. Wer die gut 42 Kilometer hingegen ohne Vorbereitung läuft, wird überholt und muss abbrechen. Liebls Botschaft an Unternehmerinnen und Unternehmer in Bezug auf KI ist daher: „Ihr müsst trainieren.“
