Secure Base Leadership Der Boss ist ein Auslaufmodell

"Sir, yes, Sir!" ist kein Modell für moderne Unternehmen: Hierarchische Kommandostrukturen wie beim Militär (hier eine Szene aus Stanley Kubricks Film "Full Metal Jacket") sind in der Wirtschaft Auslaufmodelle.

"Sir, yes, Sir!" ist kein Modell für moderne Unternehmen: Hierarchische Kommandostrukturen wie beim Militär (hier eine Szene aus Stanley Kubricks Film "Full Metal Jacket") sind in der Wirtschaft Auslaufmodelle.© picture-alliance / Mary Evans Picture Library

Unternehmer müssen ein Umfeld schaffen, in dem Mitarbeiter gern arbeiten, sagt Management-Berater Matthias Michael. Ein Plädoyer für ein neues Führungsverständnis.

Ob im deutschen Mittelstand oder in Konzernen: Die Führungskultur in vielen Unternehmen ist veraltet. Da wird ein Denken in Hierarchien zelebriert und gelebt, da gehen Führungskräfte nicht mit ihren Mitarbeitern zum Essen, da wird Wissen gebunkert statt geteilt, da wird schlecht informiert. Devise: Wer hier schuftet, macht das nicht, weil er das will, sondern weil er muss.

In einer solchen Atmosphäre nutzen Vorgesetzte ihre Zeit und Energie dazu, ihre Abteilungen zu vergrößern und Etats aufzublasen. Das Verhältnis zu ihren Mitarbeitern ist ihnen nicht wichtig – Hauptsache, die „Untergebenen“ respektieren, dass sie die Leiter, die „Disziplinarvorgesetzten“ und die Respektpersonen sind. Ein Fehler.

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Denn hierarchische Kommandostrukturen wie beim Militär oder in der Medizin sind in der Wirtschaft Auslaufmodelle. Die alten Zeiten des reinen Top-down-Managements, der Anstellung fürs Leben, des Aufstiegs über Jahrzehnte in ein und derselben Firma und der Einmal-Chef-immer-Chef-Attitüde: endgültig perdu. Und das ehedem heilige Führungsprinzip „Command and Control“: so sexy wie ein versiffter Spüllappen.

Etwas bieten: ein Umfeld, in dem man gern arbeitet

Jeder kennt die Schwierigkeiten des Standorts Deutschland: Die starken Jahrgänge der Babyboomer gehen in den nächsten zehn bis 20 Jahren in Rente, was nachkommt, ist zahlenmäßig kaum vergleichbar: 1964 wurden rund 1,4 Millionen Babys in Deutschland geboren, 2013 nur noch 682.000, also weniger als die Hälfte. Als Folge gehen der Wirtschaft die qualifizierten Nachwuchskräfte verloren. Es mangelt schon heute in vielen Branchen an talentierten und motivierten jungen Leuten. Inwieweit Flüchtlinge hier lindernd wirken können, ist einstweilen kaum abzusehen.

Also müssen Unternehmen etwas bieten, um die besseren jungen Leute für sich zu gewinnen: ein Umfeld, in dem man gern arbeitet. Reputations- und Innovationsmeister wie Google, Apple und 3M haben das erkannt. Sie bieten Tischkicker, Getränke und Obst, Massagen, Fitnessstudios, Kinderkrippen und Kreativworkshops – alles kostenfrei.

Das Miteinander ist wichtiger als der Kicker

Dabei ist der Kicker nicht entscheidend. Viel wichtiger: das Miteinander. Wenn die Beschäftigten gern zur Arbeit kommen und das Gefühl haben, sich mit ihren Interessen und Fähigkeiten einbringen zu können und dafür geschätzt zu werden, wird das Unternehmen immer gute Bewerber und Einsteiger finden, die geschäftsschädigende Personalfluktuation wird gering sein.

Der Vorgesetzte und das Unternehmen sind hier sichere Basisstationen für die Beschäftigten – amerikanische Unternehmens-Coaches und -Psychologen sprechen vom Modell des „Secure Base Leadership“. Wichtig sind offene Kommunikation, das Eingeständnis von Fehlern, eine Toleranz im Umgang mit Mängeln und persönlichem Versagen, wechselseitiges Wertschätzen, eine Kultur des Lobens und Motivierens und ein Gefühl des warmen Aufgehobenseins – ähnlich wie in der eigenen Familie. Das ist die Quelle für Inspiration, Energie, Risikobereitschaft und Selbsterfahrung.

Ohne die menschliche Komponente zünden wir nicht

Viele Führungskräfte meinen noch immer, ein ordentliches Gehalt und ein sicherer Arbeitsplatz sollten Motivation genug sein. – Mitnichten! Ohne die menschliche Komponente zünden wir nicht. Das alte Modell, Einsatz durch Druck zu erzwingen, ist obsolet.

Nicht nur im Dienstleistungssektor sind die Beschäftigten der eigentliche Wert einer Organisation. Auch in der Industrie sorgen die Arbeiter meist für die entscheidenden Vorschläge für Prozessoptimierungen, Kundennutzen und Kostenvorteile. Sie tun das, weil sie nachdenken, weil sie sich engagieren, weil ihnen etwas liegt am Erfolg ihres Unternehmens.

Chefs, die Ruhe ausstrahlen und wissen, was sie tun

Allenthalben fehlt es in deutschen Unternehmen an der vertrauensvollen Beziehung. Das ist nicht zu verwechseln mit Freundschaft. Eine „sichere Basis“ erlaubt uns, Risiken einzugehen, uns auszuprobieren, neue Wege zu erkunden und auch mal Fehler zu machen. Dafür brauchen wir jemanden, der uns unterstützt, führt und motiviert – einen guten Vorgesetzten, der unsere Möglichkeiten erkennt und uns nicht nach unserer aktuellen Laune und Leistung beurteilt.

Wenn der Vorgesetzte allerdings selbst nervös ist und uns gegenüber ständig neue Ansprüche stellt, werden wir ihm nicht vertrauen und nichts Neues wagen oder Risiken eingehen. Beschäftigte brauchen also Chefs, die Ruhe ausstrahlen und wissen, was sie tun.

Die Voraussetzung für neue Ideen und Veränderungen

Die besten Vorgesetzten zeigen ihren Mitarbeitern immer wieder, dass sie sie als Menschen schätzen, dass sie Wert auf ihre Meinung legen und sich gern mit ihnen austauschen. Den Betroffenen tut es gut, von ihren Chefs so achtsam behandelt zu werden. Sie werden versuchen, ihn nicht zu enttäuschen, sie werden ihm ihre Zuneigung spiegeln.

Wer sich mit seinem Vorgesetzten, seinem Unternehmen und den Kollegen verbunden fühlt, geht motivierter ans Werk – wichtige Voraussetzung für neue Ideen und Veränderungen. In einem harmonischen Miteinander werden die Gruppenmitglieder erheblich aufgeschlossener gegenüber Feedback sein als in einem Klima, das durch Skepsis und Kontrolle geprägt ist. Unternehmen, in denen Achtsamkeit und Vertrauen gelebt werden, sind zukunftsfähiger als solche, in denen eine Atmosphäre der Angst und Unsicherheit wohnt.

Gute Eltern vermitteln ihren Kindern, immer da zu sein für sie, wenn’s wirklich wichtig ist – und sie bedingungslos zu lieben. Vorgesetzte sind zwar qua Funktion auch Kontrolleure, aber diese Aufgabe sollte gegenüber der fördernden und wertschätzenden weit in den Hintergrund treten. Wie gute Eltern achten sie weniger auf die Effizienz als vielmehr auf die Menschen.

1 Kommentar
  • Franz Josef Neffe 28. Oktober 2015 16:35

    Führen heißt mit gutem Beispiel vorangehen.
    Das hat man uns schon in der Schule mit bestem Misserfolg verkehrt vorgemacht.
    Ein LEHRER sollte ein mitreißendes Vorbild für Lernen sein, aber „Lehrer“ unterrichten = richten nach unten.
    Sie trieben hinten die Herde an und laufen inzwischen unverbindlich als Begleiter nebenher.
    Pädagogen sollten Kinder FÜHREN, aber die meisten scheinen den Weg selbst nicht zu kennen.
    Bevorwir wieder nur einfach etwas anders machen, sollten wir ersteinmal verstehen lernen, was wir gemacht haben.
    Offenbar lenken wir heute viel zu oft mit „Reformen“ nur davon ab, dass wir nicht können.

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