Ausbildung von Flüchtlingen Wie Unternehmen Flüchtlinge als Azubis finden und integrieren können

Eine internationale Gruppe:  Volker Laubert (2.v.l.) gibt den drei Azubis von Walker Etiketten (v.l.) Amir, Segvan und Moshfeq ehrenamtlich Deutschunterricht.

Eine internationale Gruppe: Volker Laubert (2.v.l.) gibt den drei Azubis von Walker Etiketten (v.l.) Amir, Segvan und Moshfeq ehrenamtlich Deutschunterricht.© Petra Walker

Sie möchten einen Flüchtling als Azubi einstellen? Unternehmerin Petra Walker gibt Tipps, wie Sie fündig werden, und erzählt, wie es bei ihr im Betrieb vorangeht.

Die Entscheidung, einen Flüchtling als Auszubildenden einzustellen, haben mein Mann und ich schnell gefällt. Aber dann fing die Arbeit erst an. Zwei bis drei Tage habe ich nichts anderes gemacht, als Informationen einzuholen und Dokumente auszufüllen. Dabei habe ich festgestellt, dass unsere Situation recht ungewöhnlich ist: Wir kannten unseren neuen Azubi schon und er sollte gleichzeitig mit dem Einstiegsqualifizierungsprogramm (EQ) und dem Deutschkurs beginnen. Wir haben damit eine unkonventionelle Abkürzung genommen, die für die uns unterstützende Industrie- und Handelskammer (IHK) eher die Ausnahme ist.

IHK und Handswerkskammern vermitteln Flüchtlinge an Unternehmen

Denn in den meisten Fällen funktioniert es so: Die IHK Esslingen hat das Programm „Vermittlung von Flüchtlingen in Ausbildung“ (VIA) ins Leben gerufen und direkten Kontakt zu den Flüchtlingen aufgenommen. In den Camps suchen sie gezielt nach qualifizierten Menschen, denen man eine Ausbildung anbieten könnte. In einem ein- bis zweijährigen Deutschkurs lernen diese Flüchtlinge dann die Sprache und meist auch noch fließend Schwäbisch. Anschließend stellt die IHK den Unternehmen die geförderten Flüchtlinge als mögliche Auszubildende vor. Werden sie eingestellt, beginnt das EQ-Jahr, danach die reguläre Ausbildung.

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Für Unternehmer, die einen Flüchtling einstellen wollen, aber keine Kandidaten kennen, sind deshalb die IHK und die Handwerkskammern gute Anlaufstellen, auch dank dem VIA-Programm. Zu den Veranstaltungen gehe ich regelmäßig und bin gegeistert von dem Engagement der Menschen, die an der Vermittlung zwischen Flüchtlingen und Unternehmen arbeiten. Hier fand ich Kontakte und wichtige Informationen (mehr dazu in meinem nächsten Beitrag).

Schulleiter und Lehrer kennen die Talente und Interessen ihrer Schützlinge

Auch bei Einrichtungen wie das GARP Bildungszentrum für die IHK-Region Stuttgart, die DAA (Deutsche Angestellten-Akadamie) und den IB (Internationaler Bund) habe ich gute Beziehungen knüpfen können. Alle drei bieten Deutschkurse an und werden über die Arbeitsagentur bezahlt. Die Kooperation untereinander ist gut – und zeigt: Irgendwo ist immer ein Platz in einem Deutschkurs frei. Die Lehrer kennen zudem die Talente und Interessen ihrer Schüler. Das können sich Unternehmen zunutze machen.

Bei der Suche nach einem geeigneten Kandidaten für eine freie Azubistelle sind auch Schulleiter von Flüchtlingsklassen mit Schülern unter 21 Jahren eine große Hilfe. Sie kennen ihre Schützlinge genau. Wenn sie einen begabten Flüchtling identifizieren, sind sie froh, wenn er im Anschluss an die Schule eine Ausbildung machen kann. Gerne stellen sie die Schüler auch für Schnuppertage frei. Das alles ist sehr zielorientiert und kooperativ.

Warum ehrenamtlich engagierte Rentner so wichtig sind

Mit einem pensionierten Schulleiter aus der Region bin ich derzeit viel in Kontakt. Herr Laubert kümmert sich um die mittlerweile drei Flüchtlinge, die bei uns im Betrieb arbeiten. Er gibt ihnen zusätzlich zu den nachmittäglichen Kursen beim DAA einmal die Woche privaten Deutschunterricht. Dabei geht es vor allem um spezifische Themen beim Etikettendruck. Da gibt es unglaublich viele Details und rechtliche Ausdrücke zu beachten, die die drei im normalen Deutschkurs natürlich nicht lernen.

Fitte und engagierte Rentner sind meiner Meinung nach die perfekte Hilfe für die vielen jungen Männer, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Sie kommen ja aus einer von Männern dominierten Kultur. Ältere deutsche Männer sind für sie Respektpersonen, manchmal sogar Vater-Ersatz und Vertrauensperson. Von ihnen lassen sie sich beraten und anleiten. Und über diesen Weg kann auch das Thema Frauen in Deutschland von Mann zu Mann besprochen werden.

Es ist unglaublich, was hier an wunderbarer Integration geleistet wird. Denn die pensionierten Herren sind zugleich auch „Trainer on the job“,  weil sie viel Berufserfahrung haben und wertvolle Anleitung geben können. Bei Herr Laubert ist das auch so, weshalb wir sehr froh sind, ihn gefunden zu haben. Mit ihm lernen die Flüchtlinge Deutsch für alle Lebenslagen – vom Busfahren bis zum Einkaufen – und haben ein persönliches, privates Vertrauensverhältnis. Das ist ein großer Zugewinn für alle.

Beim Verein Senior Experten Service (SES) können sich Menschen im Ruhestand ehrenamtlich engagieren und ihr Wissen weitergeben. Auch über diesen Weg lassen sich sicherlich gute Kontakte zu engagierten Flüchtlingen finden.

Das Netzwerk hilft, Lösungen zu finden

Aber ganz egal, über welchen Weg man einen Flüchtling sucht: Es ist auf jeden Fall wichtig, sich mit vielen Institutionen vor Ort zu vernetzen. Sie helfen nicht nur bei der Suche nach einem geeigneten Kandidaten, sondern auch bei den bürokratischen Hürden. Da gibt es immer wieder etwas Neues. Man sollte sich deswegen keine Illusionen machen, ein Flüchtling als Azubi ist viel mehr Aufwand als ein „normaler Azubi“. Aber mein Netzwerk hilft mir sehr, schnell zu reagieren und Lösungen zu finden.

Es freut mich sehr zu sehen, dass so viele Institutionen kooperieren und die Menschen gesehen werden, statt nur die Flüchtlingszahlen oder die Kosten. Wehmütig stimmt mich hingegen, dass viele Flüchtlinge aus den Camps keine Chance auf eine Ausbildung haben, weil es ihnen einfach an Bildung fehlt. Es sind viele ordentliche und sympathische junge Männer dabei. Aber ob sie das deutsche Tempo erreichen und mithalten können?


Was Unternehmen erledigen müssen, wenn sie einen Flüchtling einstellen möchten, berichtet Petra Walker im nächsten Teil dieser Serie. Möchten Sie etwas zum Thema wissen? Haben Sie Fragen an Frau Walker? Dann schreiben Sie uns – an online@impulse.de

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