Unqualifizierte Bewerber Warum ein Unternehmer Azubis mit schlechten Noten einstellt

Sie kommen mit leeren Händen. Aber während der Ausbildung finden sie zu sich selbst.

Sie kommen mit leeren Händen. Aber während der Ausbildung finden sie zu sich selbst.© suze / photocase.de

Schlechte Noten oder gar kein Zeugnis? Darauf kommt es Jürgen Stark bei seinen Auszubildenden nicht an. Der Berliner Unternehmer hat ganz andere Prioritäten.

Sechs Auszubildende hat Schreibwarenhändler Jürgen Stark derzeit in seinen Geschäften. Vier von ihnen hatten es schwer, eine Stelle zu finden – vor allem wegen schlechter Schulnoten. Dem Berliner Unternehmer aber sind Zeugnisse nicht so wichtig, die Förderung der Jugendlichen dafür umso mehr. Seit 2009 bildet der 52-Jährige „problematischere Kandidaten“ zum Einzelhandelskaufmann aus – obwohl die Liste der Bewerber für seinen Betrieb lang ist: Berlin ist laut Statista das Bundesland mit der zweithöchsten Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland; im März 2016 lag sie bei 10 Prozent der 15 bis 25-Jährigen.

Gemeinsam mit seiner Frau führt Jürgen Stark seit 2008 den Schreibwarenhandel paper-la-papp in Berlin – mittlerweile an drei Standorten mit 18 Angestellten. In zwei Jahren soll noch ein viertes Geschäft dazukommen. „Das ist auch der Grund, warum ich ausbilde“, sagt der gebürtige Kölner. „Ich möchte dann zuverlässige und gut ausgebildete Mitarbeiter haben.“

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Er hat sich auch selbst durchgekämpft

Aber wäre das nicht auch mit gut fleißigen Schulabgängern möglich? „Schon, aber wie bei vielen Dingen im Leben kann man sich nicht immer die Rosinen rauspicken“, sagt Stark. 2015 hatten elf Prozent der Berliner Schüler keinen Abschluss, wie der städtische Bildungssenat kürzlich mitteilte – und die Zahl der Schulabbrecher steigt. Auch ihnen möchte Stark eine Chance geben.

Immerhin hat er sich auch selbst durchgekämpft. Um als junger Mann sein Studium in Mathematik und Physik zu finanzieren, verkaufte er auf Wochenmärkten erst Spielzeug, später Schreibwaren. Das Studium brach er später ab, die Selbstständigkeit führte er fort.

Angestellt war Stark noch nie in seinem Leben. Und genau diese Selbstständigkeit möchte er auch seinen Azubis vermitteln.  „Nach den drei Jahren Ausbildung sollen sie alles können, was ich auch kann, auf eigenen Füßen stehen und sich auch selbstständig machen können, wenn sie möchten.“

Er hilft seinen Azubis schon mal beim Lernen für die Berufsschule

Einige von Starks Azubis kommen aus schwierigen Verhältnissen. „Die Azubis müssen oft erstmal lernen, einen strukturierten Tag zu haben, Arbeitszeiten einzuhalten“, sagt Stark verständnisvoll. Ihm selbst sei es früher nicht anders ergangen. „Man muss den jungen Leuten eine Chance geben“, ist er überzeugt. Wichtig seien ihm Ehrlichkeit im Umgang miteinander und Offenheit für neue Ideen wie dem Umgang mit Fehlern. Fleiß und Pünktlichkeit könne man lernen, dafür sei die Lehre ja schließlich da.

Trotzdem gibt es Probleme im Arbeitsalltag: Immer wieder kommen Azubis zu spät, fehlen unentschuldigt in Betrieb und Schule, verhalten sich unangemessen gegenüber Kunden und Mitarbeitern. „Da hilft nur reden, das Problem anzusprechen“, sagt Stark. „Ich erkläre ihnen dann, wie ihr Verhalten auf mich und andere wirkt, dass es Desinteresse zeigt, dass auch andere Mitarbeiter nicht darüber erfreut sind. Und ich zeige ihnen auf, welche Auswirkungen ihr Verhalten haben kann“, sagt Stark. Das mache er nicht nur einmal: Meist seien drei bis fünf Wiederholungen nötig.

Für Jürgen Stark ist das eine Selbstverständlichkeit: „Ich bin natürlich dafür verantwortlich, dass sie alle ihre Ausbildung schaffen.“ Nicht selten nimmt sich der Unternehmer im Berufsalltag auch Zeit und hilft seinen Azubis zum Beispiel beim Mathelernen für die Berufsschule. Mit Erfolg.

Eine Auszubildende verschwand spurlos

Während fünf Azubis die Lehre erfolgreich abgeschlossen haben, brachen nur zwei ihre Ausbildung ab: Eine Auszubildende klagte über Rückenschmerzen und kam nicht mehr. Der andere Fall sei noch extremer gewesen: „Von einem Tag auf den anderen war das Mädchen verschwunden“, erzählt Stark. „Wir waren sehr besorgt und auch die anderen Azubis waren ratlos.“ Weder über den Sozialarbeiter, die Eltern oder die Krankenkasse habe er etwas erfahren können. „Das war sehr schade, sie hätte jederzeit zurückkommen können“, bedauert Stark, der heute psychische Probleme als Grund für das Verschwinden der jungen Frau vermutet.

Damit so etwas nicht wieder passiert, nimmt sich Stark viel Zeit für das Bewerbungsgespräch. Vor allem diese Fragen versucht er zu klären: Ist der Bewerber ehrlich, kann er mir in die Augen schauen, kann er frei reden, zappelt er aus Nervosität mit Beinen und Armen oder ist etwas anderes los?

Motivation aufbauen – mit lösbaren Aufgaben

Mögliche Auszubildende werden ihm durch die IHK in Berlin vorgeschlagen, meist aus dem Programm „passgenaue Vermittlung“, andere kommen per Mundpropaganda. So hat eine Auszubildende ihre Freundin vorgeschlagen – jetzt arbeiten die Mädchen zusammen. Die Motivation der beiden sei kein Problem – aber sie sei ihm zu Beginn auch gar nicht so wichtig. „Die Motivation kann ich bei den Azubis aufbauen, am besten mit lösbaren Aufgaben“, sagt Stark.

Das Wichtigste ist für ihn aber etwas anderes: „Man muss mit den jungen Leuten im Gespräch bleiben.“ Dann könne man in absehbarer Zeit erstklassige Mitarbeiter gewinnen. Dass andere Unternehmer Vorbehalte haben, Bewerber mit schlechten Noten einzustellen, könne er durchaus verstehen, sagt Stark: „Es ist ja praktisch unmöglich, einen Azubi zu kündigen.“ Diesen Wunsch habe er aber auch noch nicht gehabt. Vielmehr profitiere er auch selbst von dem vermeintlich schwierigen Zuwachs im Betrieb: „Weil ich auf das Verhalten der Azubis achte, nehme ich auch mein eigenes Verhalten bewusster wahr.“ Auch seine festen Mitarbeiter hätten Freude an der Arbeit mit den Azubis, erzählt Stark. Einige machen bereits Ausbildungslehrgänge.

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