Arbeitssucht Bin ich süchtig nach Arbeit?

Kommt vor lauter Arbeit alles andere zu kurz? Arbeitssucht ist schwer zu diagnostizieren, denn nicht jeder, der viel arbeitet, ist süchtig danach. Schwierig wird es, wenn das ganze Selbstwertgefühl in der Arbeit begründet liegt.

Kommt vor lauter Arbeit alles andere zu kurz? Arbeitssucht ist schwer zu diagnostizieren, denn nicht jeder, der viel arbeitet, ist süchtig danach. Schwierig wird es, wenn das ganze Selbstwertgefühl in der Arbeit begründet liegt. © inkje / Photocase

Unzählige Überstunden, in Gedanken ständig beim Job? Wie Sie erkennen, ob Sie an Arbeitssucht leiden, und was Sie dagegen tun können.

Konfuzius sagte: „Wähle einen Beruf, den du liebst, und du musst nie im Leben arbeiten.“ Doch ist es wirklich so eine gute Idee, sein Hobby zum Beruf zu machen? Mancher geht so in seinem Beruf auf, dass er damit gar nicht mehr aufhören kann. Psychologen sprechen dann von Arbeitssucht.

Wie viele Menschen sind arbeitssüchtig?

In Deutschland hat das Phänomen seit den 1990ern vor allem der Wirtschaftspsychologe Stefan Poppelreuter erforscht. Wie viele Menschen von Arbeitssucht betroffen sind, ist nicht abschließend geklärt. Doch in Leistungsgesellschaften, in denen sich die Mehrheit ganz wesentlich über Arbeit definiert, ist das Phänomen weit verbreitet. Laut Poppelreuter könnten bis zu 300.000 Deutsche unter Arbeitssucht leiden – so viele wie in Mannheim wohnen.

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Gibt es die Diagnose Arbeitssucht?

Krankenkassen führen Arbeitssucht nicht als eigenständige Diagnose auf. Darum gibt es dazu keine offiziell vertretenen Daten. Auch im weltweit etablierten ärztlichen Leitfaden für psychische Störungen kommt die Diagnose Arbeitssucht nicht vor.

„In der Psychologie und Medizin unterscheiden wir zwischen substanz- und verhaltensbezogenen Abhängigkeiten, zu denen auch die Arbeitssucht gehört “, erklärt Michael Krämer, Präsident des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Als krankhaftes Verhaltensmuster ist Arbeitssucht jedoch noch nicht sozialrechtlich anerkannt. Anders als bei von Magersucht oder Spielsucht Betroffenen.

Das liegt auch daran, dass es schwierig ist, festzustellen, ab wann eine krankhafte Arbeitssucht vorliegt. Psychologe Krämer vermutet: „Ein konkreter Handlungsbedarf scheint noch gegeben, weil es zunächst nicht unbedingt schlecht ist, wenn Menschen sehr viel arbeiten.“ Wenn eine pathologische Abhängigkeit vorliegt, wenn ein Mensch obzessiv arbeitet, um seinem Dasein einen Sinn zu verleihen, wird es problematisch. Typische Folgen einer Arbeitssucht sind Schlafstörung, Burn-Out, Depressionen, Alkoholmissbrauch.

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Diese Folgeerkrankungen lassen schließlich das Umfeld aufmerksam werden. Dann ist klar, dass etwas nicht stimmt. Zuvor wird exzessives Arbeiten nicht selten mit Wohlwollen quittiert. Wer die Mittagspause durcharbeitet und am Wochenende das neue Projekt vorbereitet, gilt als fleißig, vorbildlich, gerade in der deutschen Leistungsgesellschaft („Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“, „Schaffe, schaffe, Häusle baue!“). Das zeigt auch der Begriff Workaholic, bei dem – obwohl sprachlich an ein Krankheitsbild angelehnt – durchaus ein Stück Anerkennung mitschwingt.

Schnelltest: Bin ich arbeitssüchtig?

Vorsicht ist geboten, wenn man hinter mehrere der folgenden Aussagen einen Haken machen kann:

  • Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht arbeite
  • Ich erledige zwei oder drei Dinge auf einmal (Beispiel: Ich telefoniere, schreibe eine Mail und versuche, nebenbei zu essen)
  • Ich werde ägerlich, wenn andere nicht meinen Anforderungen entsprechen
  • Ich setze mich oft mit knappen Terminen unter Druck
  • Ich vergesse oder ignoriere Geburtstage, Familientreffen, Jahrestage oder Feiertage

Diese Fragen stammen aus einem Test, mit dem man selbst herausfinden kann, ob man arbeitssuchtgefährdet ist. Den vollständigen Test finden Sie hier.

Was sind typische Phasen der Arbeitssucht?

Wie andere Süchte fängt auch Arbeitssucht relativ harmlos an. Viele Menschen übernehmen phasenweise viele Überstunden und arbeiten passioniert, ohne dass sich daraus eine Abhängigkeit ergibt. Die Arbeitspsychologin Fritzi Wiessmann teilt den Verlauf einer Arbeitssuchterkrankung in vier Phasen ein.

  1. Phase: Einleitend vermengen sich Arbeit und Freizeit zusehends. Genau wie Spielsüchtige versuchen, ihre Sucht vor ihrer Umgebung zu vertuschen, arbeiten Arbeitssüchtige oft heimlich. Private Angelegenheiten rücken für sie in den Hintergrund.
  2. Phase: Kritisch wird es, wenn Freunde und Familie als unerwünschte Ablenkung gelten. Man schiebt Arbeit auf, kann aber auch nicht davon lassen. Erste Erschöpfungserscheinungen.
  3. Phase: In der chronischen Phase steigt die „Arbeitsdosis“ noch einmal. Ständige Anspannung und Stress werden zu akzeptierten Begleitern. Angstzustände, Depressionen stellen sich ein.
  4. Phase: Am Ende folgt der Leistungsknick. Viele Betroffene gehen in Frührente oder erkranken (schwer).

Risikogruppen: Wer ist besonders gefährdet?

Arbeitssucht kommt in allen Gesellschaftsschichten vor. Es gibt jedoch Berufe und Arbeitsumfelder, in denen Menschen überdurchschnittlich häufig betroffen sind: Wer in helfenden Berufen arbeitet, etwa als Arzt oder Altenpfleger, gehört dazu. Genauso Forscher, die sich einem Langzeit-Projekt widmen.

Nicht nur die Leidenschaft für einen Beruf oder das Gefühl der Unersetzlichkeit kann zu Arbeitssucht führen. Mancher fängt aus der Not, mehr Geld verdienen zu müssen, an, Arbeit an sich überzubewerten. Vor allem unter Selbstständigen finden sich relativ mehr Arbeitssüchtige als unter Angestellten.

Hinzu kommen Veranlagungen und Lebenssituationen, die das Risiko, arbeitssüchtig zu werden, erhöhen.

  • Perfektionisten häufen Arbeit an, weil sie vieles lieber selbst erledigen wollen anstatt es anderen zu überlassen.
  • Menschen, die in ihrem Job vielmehr Berufung als Beschäftigung sehen und auf der ständigen Suche nach Sinn und Erfüllung sind, gelten als anfällig.
  • Charaktere, die einen ausgeprägten Selbstdarstellungsdrang haben, der nicht selten einhergeht mit einem Minderwertigkeitskomplex, definieren sich allzu sehr über ihre Arbeit.
  • Wer einen Bürojob hat kann Arbeit eher mit nach Hause nehmen, als ein Werkzeugmacher oder Fachverkäufer. Auch das Fehlen von festen Arbeitszeiten begünstigt die Arbeitssucht.

Was sind typische Ausreden von Arbeitssüchtigen?

Wenn das soziale Umfeld versucht, einzuschreiten, muss es mit Widerstand rechnen. Die wenigsten Suchtkranken werden sich sofort ihre Fremdbestimmung durch die Arbeit eingestehen. Vielmehr wird nach Rechtfertigungen gesucht:

  • „Das ist gerade eine Ausnahmesituation, schon bald wird das anders“
  • „Ich bin eben verantwortungsbewusst. Ich muss doch die Familie ernähren.“
  • „Was soll ich denn tun? XX verlangt das von mir.“
  • „Ich brenne eben für meinen Job.“

Manchmal bekommen auch die Allernächsten nicht mit, dass jemand nicht nur sehr ehrgeizig ist, sondern ohne seine Arbeit nicht mehr zurechtkommt. Denn „viele Verhaltenssüchte sind stille, destruktive Akte, die sich als Schaffen tarnen“, sagt Psychologe Michael Krämer.

Von Arbeitssucht Betroffene müssen sich klar werden: Meine Arbeit gehört zu mir, aber ich bin mehr als meine Arbeit. Sie ist nicht, was mich in meiner Identität ausmacht.

Was sind die Langzeitfolgen von Arbeitssucht?

Bleibt die Sucht unbehandelt, hat das oft katastrophale Folgen – sowohl für den Betroffenen als auch sein Umfeld. Oft erkennen Arbeitssüchtige das Problem nicht einmal dann, wenn sie den ersten Herzinfarkt hinter sich haben. Sie arbeiten stoisch weiter, selbst dann, wenn ihnen die Arbeit in keiner Weise Spaß mehr macht und auch körperlich schwer fällt. Paradox wirkt das nur auf den ersten Blick. „Das Gefühl der Entbehrung und Anstrengung gehört zu vielen suchterzeugenden Erfahrungen dazu“, erklärt Krämer. Hinzu kommt das Lechzen nach Lob oder zumindest subtilem Feedback, für das sich die ganze Schufterei lohnt.

Für Unternehmer ist Arbeitssucht nicht nur dann ein Problem, wenn sie selbst betroffen sind. Auch wenn Angestellte arbeitssüchtig sind, lohnt sich das für die Firma auf lange Sicht nicht, weil irgendwann die Produktivität abfällt. Ähnlich düster sieht es aus, wenn sich vernachlässigte Partner, Kinder und Freunde enttäuscht abwenden.

Kann man an Arbeitssucht sterben?

Wer vermutet, betroffen zu sein, sollte sich schnell Hilfe holen. Arbeitssucht gilt medizisch betrachtet auch ohne eigenständige Diagnose als Leiden, das tödlich enden kann. 1969 starb ein 29-jähriger Arbeiter aus der Versandabteilung einer großen japanischen Zeitung durch einen Schlaganfall. Er wird gemeinhin als erstes sogenanntes Karoshi-Opfer angesehen, das – so die Übersetzung des japanischen Fachbegriffs – offiziell an Überarbeitung verstarb.

Seit den 80er Jahren wird in Asien dem Thema viel Aufmerksamkeit gewidmet. Dort führt man Schlaganfälle, Herzinfarkte und auch Suizide in vielen Fällen auf Arbeitsexzesse zurück. Mit eigens geschaffenen Behandlungszentren versucht man deshalb engagiert gegen Karoshi vorzugehen.

Wo gibt es Hilfe?

Wenig verwunderlich: Arbeitssüchtige akzeptieren die eigene Abhängigkeit meist erst spät. Ist die Erkenntnis dann da, bieten Selbsthilfegruppen der Anonymen Arbeitssüchtigen Unterstützung, Anlaufstellen gibt es in vielen großen Städten. Diese Form des ernsthaften Austauschs ist eine der wenigen, die überhaupt zur Verfügung stehen. Therapien gegen Arbeitssucht gibt es dagegen kaum. In der Regel werden nur die genannten Folgeerkrankungen behandelt.

Und selbst wer eine Therapie antritt, sollte nicht auf eine Wunderheilung hoffen. In der Fachklinik Curt-von-Knobelsdorff-Haus in Radevormwald gibt es eines der wenigen Angebote. „Die Heilungschancen bei der Arbeitssucht sind schlechter als bei der Alkoholsucht“, sagte der dortige Klinikleiter Matthias Brecklinghaus einmal der Wochenzeitung Die Zeit. „Die Anerkennung durch die Arbeit ist ein so starker Motor, den Süchtige nicht einfach abschalten können. Sich also eine Art Ersatz-Anerkennung zu suchen, ist schwer, für manche unmöglich.“

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